Vom «Lambada-Raser» zum Buchautor

Sascha Campi hat 2012 als Todesfahrer an der Langstrasse traurige Bekanntheit erlangt und sass dafür jahrelang im Gefängnis. Jetzt will er mit Schreiben sein Leben neu ordnen.

Nicht Haft sei seine Strafe, sondern die Schuld, mit der er leben müsse, sagt Sascha Campi. Foto: Andrea Zahler

Nicht Haft sei seine Strafe, sondern die Schuld, mit der er leben müsse, sagt Sascha Campi. Foto: Andrea Zahler

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Am 10. Februar 2012 hat sich das Leben von Sascha Campi grundlegend geändert. An jenem frühen Morgen ist er mit seinem Chrysler M 300 in verbotener Fahrtrichtung auf der Busspur der Zürcher Langstrasse in eine Menschengruppe vor der Lambada-Bar gefahren. Ein 39-jähriger Mann verlor sein Leben, vier weitere Personen wurden zum Teil schwer verletzt. In den Medien war damals vom «Lambada-Raser» und von einer «Amokfahrt» die Rede. Begriffe, die dem heute 32-jährigen Schweizer aus Schönenwerd SO und auch seinen Angehörigen damals schwer zu schaffen gemacht haben. Deshalb hat er vor kurzem seine Autobiografie mit dem Titel «Vom Fuchs zum Wolf» herausgegeben. «Ich will Licht ins Dunkel bringen, weil in der Presse nicht die ganze Wahrheit wiedergegeben wurde», sagt Campi. «Ich wurde als Unmensch dargestellt. Man kreierte einen Wolf, indem man einem Fuchs ein Wolfsfell überzog.»

Campi spricht in seiner Biografie von Halbweltlern und Oberweltlern. Die meisten würden in der sogenannten Oberwelt leben, also ein 08/15-Leben haben. Im Gegensatz dazu gibt es Leute, die teil- oder vollzeitig im Nachtleben oder eben im Milieu tätig sind. Leute wie Campi, der Anzeigenverkäufer wurde und parallel in Nachtlokalen arbeitete. Die NZZ beschrieb Campi am Prozess als einen jungen Mann mit stenzenhafter Gelfrisur, der bereits mit Anfang zwanzig einen Nachtclub in seinem Heimatdorf Schönenwerd führte und regelmässig im Zürcher Rotlichtmilieu verkehrte. Hier wurde er Geschäftsführer in der Elite-Bar.

«Kulturaustausch»

An jenem verhängnisvollen Morgen hatte Campi in der Elite-Bar gearbeitet und wollte sich vor dem Nachhauseweg noch einen «Kulturaustausch» gönnen. Kulturaustausch ist ein Ausdruck im Milieu, der so viel bedeutet wie sich auf eine Prostituierte einzulassen. Er traf kurz darauf eine Brasilianerin, mit der er für fünfzig Franken für eine Viertelstunde handelseinig wurde. Weil der Kulturaustausch wegen des Alkoholpegels, so Campi, etwas länger dauerte als die Viertelstunde, wollte die Frau hundert Franken. Es kam zum Streit mit gegenseitigen Ohrfeigen. Dabei ergriff die Frau den Schlagstock, welcher Campi bei sich getragen hatte, und versuchte ihn zu schlagen. Er konnte ihr den Stock entreissen und «versetzte der brasilianischen Widersacherin mit dem Stock zwei bis drei Schläge auf den Kopf», schreibt Campi. Dann machte er sich auf den Heimweg, wo es kurz darauf zur Katastrophe kam.

Das Bezirksgericht Zürich hatte Sascha Campi im April 2014 zu einer 15-jährigen Freiheitsstrafe verurteilt. Denn neben fahrlässiger Tötung und fahrlässiger schwerer Körperverletzung soll er auch die brasilianische Prostituierte vergewaltigt haben, wie diese nach der Schlagstockattacke behauptete. Ein Vorwurf, den Campi immer vehement bestritten hat und am Berufungsprozess vor dem Obergericht recht bekam. Es halbierte die Strafe wegen des Freispruchs vom Vorwurf der Vergewaltigung und kritisierte die Vorinstanz scharf: Es sei «nicht nachvollziehbar», weshalb man sich angesichts von «klaren Widersprüchen» bloss auf die Aussagen des Opfers abgestützt habe.

Im Gespräch mit dem TA präzisiert Campi, er sei nicht stark betrunken gewesen, wie in den Medien zu lesen war. Sein Alkoholpegel habe knapp 0,8 Promille betragen. Weiter sagt Campi, der Haartest auf Drogen sei negativ ausgefallen und dass es sich nicht um eine Amokfahrt, sondern um einen Unfall gehandelt habe. Er habe zum Handy auf dem Beifahrersitz gegriffen und sei kurze Zeit abgelenkt gewesen. Dass er für den Unfall hart bestraft wurde, sei in Ordnung.

«Du gehst an deiner Vergangenheit zugrunde, oder du stehst auf und lernst, damit zu leben.»Tibetischer Mithäftling von Campi

6 Jahre und 11 Monate hat der heute 32-Jährige im Gefängnis gesessen. Das letzte Jahr war Campi im offenen Vollzug in der Strafanstalt Saxerriet im St.-Galler-Rheintal und ist seit Mitte Januar auf freiem Fuss. Insgesamt war Sascha Campi zu knapp neun Jahren verurteilt worden. Denn neben der rechtsgültigen Zürcher Verurteilung von siebeneinhalb Jahren hatte ihm das ­Solothurner Obergericht noch eine Zusatzstrafe von 17 Monaten wegen sexueller Nötigung und versuchter Vergewaltigung aufgebrummt.

Dabei handelt es sich um einen Vorfall aus dem Jahr 2009 – also schon vor dem Unfall an der Langstrasse in Zürich. Campi wurde wegen sexueller Nötigung und versuchter Vergewaltigung einer Aushilfskellnerin in seiner Latino-Bar im Kanton S­olothurn verurteilt. Zwar focht Campi diese Strafe beim Bundesgericht an, welches die Beschwerde aber abwies. In seiner Biografie schreibt Sascha Campi von einem Gerichtsskandal: Im Gegensatz zu den Zürcher Oberrichtern habe das Solothurner Obergericht allein dem angeblichen Opfer geglaubt.

Nun führt Campi das Leben eines Oberweltlers. Er schreibt zu Hause von morgens bis abends und sucht einen Job als Kundenberater oder im Verkauf. Um das Rotlichtmilieu macht Campi einen grossen Bogen. Er lebt in Bern mit seiner Verlobten, die er im Hafturlaub kennen gelernt hat und die Zahnmedizin studiert. Sein Ziel ist eine Festanstellung, er will weiterhin als Autor tätig sein. Neben seiner Biografie hat er den Thriller «John Berger – In Teufels Klapse» geschrieben. Im September folgt die Autobiografie des Zürcher Drogenhändlers Reinhard Lutz mit dem Titel «Mein Leben als Schneekönig», bei dem Campi als Co-Autor mitgewirkt hat. Im Winter kommt ein weiterer Thriller heraus. Campi ist Mitglied des Berner Schriftsteller-Vereins.

Schreiben als Therapie

Das Schreiben habe ihm geholfen, die schreckliche Tat zu verarbeiten und in den langen Jahren hinter Gitter «mit dem Geist draussen zu bleiben». Hart sei es im ersten Jahr in der Untersuchungshaft gewesen. Er sei im Gefängnis nachts schweissgebadet und unter Schreien aufgewacht. «Es war ein furchtbarer Fehler. Ich kann das nie wieder gutmachen. An Tagen wie ­Weihnachten ist es besonders schlimm, wenn ich mir vorstelle, wie es für die Angehörigen des Opfers sein muss.» Seine Strafe sei nicht die Haft, sondern die Schuld, mit der er leben müsse, sagte Campi im «St. Galler Tagblatt». Bei den Angehörigen des Todesopfers hat er sich mit einem Brief entschuldigt. Eine Antwort habe er nicht erhalten, was er gut verstehen könne.

Ein tibetischer Mithäftling hat ihm gesagt: «Du hast nun zwei Möglichkeiten. Entweder du gehst an deiner Vergangenheit zugrunde oder du stehst auf und lernst, damit zu leben.» Campi hat sich für Letzteres entschieden. Er habe oft von Leuten das Wort Schicksal gehört. Damit soll die Schuld verschoben werden. Dies wolle er nicht: «Ich bin und war mir stets meiner Fehler bewusst und auch bereit, dafür geradezustehen.»

Vom Fuchs zum Wolf, Münster-Verlag, John Berger – In Teufels Klapse, BoD GmbH Deutschland.

Erstellt: 21.06.2019, 23:04 Uhr

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