Vom Streikführer zum Tantramasseur

Als Unia-Gewerkschafter und SP-Nachwuchsstar kämpfte Patrick Angele für mehr Gerechtigkeit. Nun ist er ausgestiegen und sorgt als ausgebildeter Masseur für lustvolle und sinnliche Erlebnisse.

In seiner Praxis will Patrick Angele Männern, Frauen und Paaren einen gelösten Umgang mit Lust ermöglichen. Foto: Reto Oeschger

In seiner Praxis will Patrick Angele Männern, Frauen und Paaren einen gelösten Umgang mit Lust ermöglichen. Foto: Reto Oeschger

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Das ist ein Bruch in meiner Biografie», sagt Patrick Angele. Er hat 2016 die Gewerkschaft Unia verlassen und steht nun ohne Job, Berufung und Nervenkitzel da. Der 30-Jährige ist adrett angezogen, perfekt gestylt. Er sieht gut aus, ist charmant und entspricht nicht dem Bild eines kämpferischen Gewerkschafters, der auf schmutzigen Baustellen unterbezahlte Arbeiter aus dem Schacht holt, zum Streik führt und sich mit Baulöwen anlegt. Doch genau das war Angele ein Jahrzehnt lang. Bis in der Unia die Affäre Burger explodierte.

Zu seinem ehemaligen Chef Roman Burger will Patrick Angele nichts sagen. Burger wurde vorgeworfen, Mitarbeiterinnen sexuell belästigt und Psychospielchen betrieben zu haben. Angele war in Zürich Leiter Bau, wechselte im Zuge der Affäre Burger zur Unia nach Bern und ging dann bald ganz. Das Klima war bedrückend, der Zürcher Konflikt hat auch die Zentrale in Bern belastet. «Was mit dem Leben anfangen?», fragte sich der damals 29-Jährige, der heute eigentlich SP-Nationalrat sein müsste.

Auf einen Kampfjet geklettert

«Nach meinem Weggang bei der Unia lag meine Zukunft offen vor mir, ich konnte mich neu erfinden», erzählt Angele. Nach einem Leben mit Trillerpfeife, roter Weste, Demos und Streiks hat er sich im letzten Herbst neu orientieren müssen. Er stand an vorderster Front beim «Zara-Streik» an der Bahnhofstrasse oder beim «Polen-Streik» und beim «Pipi-Streik» im HB, als den Bauarbeitern im Durchgangsbahnhof aus Plumpsklos alter Personenwagen Urin auf die Köpfe tropfte. Als GSoA-Sekretär war er 2010 im Verkehrshaus auf einen Kampfjet geklettert, um gegen neue Militärflugzeuge zu demonstrieren.

Auch Angeles politische Karriere war vorbei, bevor jene der meisten anderen Politiker überhaupt beginnt. Dabei wurde er lange als SP-Nachwuchsstar ­gehätschelt. 2010 wäre Angele in Dübendorf als Präsident des Gemeinderates gesetzt gewesen, wurde aber wegen eines Komplotts von SVP und FDP nicht gewählt. Ein Armeeabschaffer, das machte sich nicht in einer bürgerlichen Stadt mit Kaserne und Militärflughafen.

Der umtriebige Juso-Vertreter startete 2011 und 2015 auf Polepositions direkt hinter den Bisherigen auf der SP-Nationalratsliste, wurde aber beide Male nach hinten gereicht. Viele hatten es ­Angele übel genommen, dass er in echter Juso-Manier einen Verzicht der Sesselkleber forderte. Als Jungspund war Angele Präsident der SP des Bezirks Uster, Mitglied der Geschäftsleitung der kantonalen SP und zusammen mit Cédric Wermuth in der Juso Schweiz aktiv.

Als Arbeitsloser ging Angele im Herbst zur Arbeitsvermittlung RAV auf der Suche nach einer beruflichen Neuorientierung. Er prüfte Angebote mehrerer gemeinnütziger Organisationen und aus dem Gastgewerbe. Doch dann besann er sich auf seine Wurzeln. Angele war nicht wie viele als Geschichts­student in Partei und Gewerkschaft eingestiegen – sondern als medizinischer Masseur mit Abschluss.

Um den kargen Lohn bei der GSoA aufzubessern, hatte er als Masseur in Wellnessoasen und im Migros-Fitnesspark Hamam gearbeitet. Massiert hatte er auch ab und zu während der Jahre bei der Unia. «Bei der klassischen Massage fehlte mir aber die Ganzheitlichkeit und eine Selbstverständlichkeit im Umgang damit, dass auch sexuelle Erregung auftreten kann, wenn wir jemanden berühren.» Und so besuchte er in Zürich das Institut für Sexological Bodywork und liess sich ein halbes Jahr lang zum Tantramasseur ausbilden.

Frisch verheiratet

Unverkrampft schildert er, was eine Tantramassage ist: «Eine Ganzkörpermassage, die auch das berühmte kleine Dreieck am Körper nicht auslässt.» Tantramassagen umfassen also meist auch die Massage der weiblichen beziehungsweise männlichen Geschlechtsorgane.

«Ich bin tatsächlich sehr unverklemmt», sagt Angele, der kürzlich seine langjährige Partnerin geheiratet hat und demnächst Vater wird. Sie wohnen in Dübendorf im hippen Zwicki-Areal, wo Angele nun einen Raum als Massagepraxis gemietet hat. Professionelle Tantrastudios gibts in Zürich erst etwa zehn. Im Schweizerischen Förderverband sind 150 Mitglieder gemeldet. Im Gegensatz zur 50-fränkigen Thaimassage im Zürcher Rotlichtmilieu mit dem berühmten Happy End sei der Orgasmus bei der Tantramassage «nicht Absicht, aber durchaus möglich». Die Tantramassage sei eine wundervolle Möglichkeit, einen anderen Menschen in ein sinnliches Erleben zu begleiten. Geschlechtsverkehr allerdings ist tabu.

In seiner Praxis will Angele Männern, Frauen und Paaren einen gelösten Umgang mit Lust ermöglichen. «Körperlichkeit und Sexualität sind nichts Schmutziges, sondern etwas zum Geniessen.» In seiner Ausbildung habe er viele tolle Leute kennen gelernt, die tolle Arbeit in diesem Bereich leisten, aber noch immer unter dem Schmuddelimage der Massagebranche leiden würden.

Am letzten 1.-Mai-Umzug war Patrick Angele erstmals seit zwölf Jahren nicht mit Megafon, Funkgerät und oranger Unia-Weste dabei, sondern salopp gekleidet und mit Regenschirm. «Bei der Unia bleibe ich aktives Mitglied», sagt er, «schliesslich arbeite ich in einem Dienstleistungsbetrieb.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.05.2017, 22:38 Uhr

Artikel zum Thema

Angeles Nichtwahl als Tabubruch

Mit der Wahl von Patric Crivelli (SVP) anstelle von Patrick Angele (SP) hat der Dübendorfer Gemeinderat erstmals in seiner Geschichte einen 1. Vize nicht zu seinem Präsidenten gewählt. Mehr...

Was der SP-Junior auf dem Tahrir-Platz macht

Porträt Auf der Liste der Zürcher SP kandidiert Patrick Angele: Ein Jungpolitiker, der den Reichtum umverteilen und die Aussenpolitik der Schweiz umkrempeln will. Mehr...

Ehemalige Kolleginnen kritisieren Burgers Führungsstil

Der wegen einer Sex-SMS zurückgetretene Gewerkschafter Roman Burger eckte mit seiner Art an. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Paid Post

Kaffee – von der Produktion bis zur Wiederverwertung

Der Kaffee von Nespresso mag zwar auf einer Plantage am anderen Ende der Welt wachsen, zuletzt landet er jedoch auf Schweizer Äckern als Dünger.

Kommentare

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Kein Ball aber viel Rauch: Der Fussballer Tyler Roberts von Wales steht beim Spiel gegen Dänemark in Cardiff im Dunstkreis von einer Fan-Fackel. (17. November 2018)
(Bild: Matthew Childs) Mehr...