Von Baden abgewiesen

Ist Ennetbaden ein Stadtteil von Baden? Die Antwort ist gar nicht so eindeutig.

Wümmet in den Stadtreben in Ennetbaden um 1972. Im Tal unten fliesst die Limmat.

Wümmet in den Stadtreben in Ennetbaden um 1972. Im Tal unten fliesst die Limmat. Bild: Historisches Museum Baden, Werner Nefflen, Q.01.20631B

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Am Schluss dieser wahren Geschichte ist Schadenfreude erlaubt. Man kann sogar darauf anstossen. Erzählt wird sie im Historischen Museum Baden, und es geht um die Trennung von Baden und Ennetbaden. Passt bestens: Die Grenze verläuft nämlich mitten durch das Museum.

Die Stadt Baden beantragte 1819 beim Kanton Aargau die Trennung von dem agrarisch geprägten und ärmlichen Stadtteil, der so gar nichts von dem Weltmännischen hatte, welches Baden sich zuschrieb. Vor 200 Jahren wurde Ennetbaden also zur Eigenständigkeit gezwungen.

Der Wein verbindet

Die Sonderausstellung im Historischen Museum fokussiert aber auf das Verbindende. Und das ist in erster Linie der Wein. Urs Tremp, in Ennetbaden wohnhafter Badener und Initiator der Ausstellung, sagt: «Kurz zusammengefasst: Die Ennetbadener produzieren den Wein, die Badener trinken ihn.»

Tatsächlich wächst der Badener Stadtwein seit Jahrhunderten in Ennetbaden, am Südhang des Tals eben. Und gekeltert und abgefüllt wird er hauptsächlich in der Spitaltrotte, die ebenfalls in Ennetbaden liegt.

Vorbereiten der Flaschen in der Spitaltrotte. Foto: Hist. Museum Baden, Nefflen, Q01.20645A

So geht man dann in der Ausstellung wie zwischen zwei Rebzeilen von Bild zu Bild, von Vitrine zu Vitrine. Im Mittelpunkt stehen eindrückliche, bisher noch nie öffentlich gezeigte Fotografien des Ennetbadener Werner Nefflen (1919 bis 2014). Nefflen dokumentierte zeitlebens seine Region, oft mit dem Fokus, festzuhalten, was daran ist, verloren zu gehen.

Die Türken kommen

Doch was soll diese rote Kopfbedeckung, ein Fes, in diesem Kontext? Er zeigt auf, dass man in Ennetbaden die Schmach, als zu gering befunden worden zu sein, bald ins Gegenteil kehrte. In Baden wurden nämlich die Ennetbadener im 19. Jahrhundert als Türken bezeichnet, was despektierlich gemeint war.

Das war der Ursprung der Türggenzunft Ennetbaden, die um 1900 gegründet wurde. Auch wurde eine Zeit lang ein «Türkenwein» als Ennetbadener Stadtwein gekeltert.

Die als Beschimpfung gemeinte Bezeichnung wurde umgekehrt. Bild: net

Stararchitekt und Fabrikdirektoren

Auch der Aufstieg, oder sagen wir der Wandel von Ennetbaden zur Wohngemeinde hat ihren Ursprung eigentlich im Wein – genauer in der Reblaus. Als diese in den 1920er-Jahren die Weinreben von Ennetbaden verheerte, wurden zahlreiche Rebberge in Bauland umgezont. Denn dieses war in Baden rar.

So wurde der Sonnenhang Ennetbadens nach und nach zur begehrten Wohnlage, wo die Fabrikdirektoren der BBC ihre Villen bauten. So beauftragte etwa BBC-Direktor Rudolf Sontheim in den 1960er-Jahren den weltberühmten Architekten Richard Neutra (1892 bis 1970), anstelle des heutigen Restaurants Hertenstein ein Wohnhaus im kalifornischen Stil zu entwerfen. Es wurde allerdings nicht realisiert, die Direktorengattin wollte lieber in Zürich wohnen.

Kalifornien in Ennetbaden: Stararchitekt Richard Neutras Projekt wurde nicht realisiert.

Die nach langer Planungszeit 2006 eröffnete Umfahrung Ennetbadens, welche durch einen Tunnel führt, war ein letzter Schritt von dem ärmlichen Weindorf zur wohlhabenden Wohngemeinde mit weltoffenem Geist und linksliberalem Anstrich.

Als vor fünf Jahren Baden anklopfte und fragte, ob man nicht fusionieren wolle, kam nach einiger Zeit die Rückmeldung: Nein, danke. Die «Türken» haben sich emanzipiert, und wer will, kann am Schluss des Rundgangs darauf anstossen. Denn dort kann Ennetbadener Wein degustiert werden. Er schmeckt übrigens nicht nur den Badenern, sondern auch den Zürcherinnen und Zürchern.

Historisches Museum Baden, Wettingerstrasse 2, 5400 Baden, Di bis Sa von 13 bis 17 Uhr, Do von 12 bis 19 Uhr, So von 10 bis 17 Uhr. www.museum.baden.ch (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.05.2019, 19:56 Uhr

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