Von Beruf Stimmungsaufheller

Die Vorweihnachtszeit ist für psychisch kranke Menschen schwierig. Das spürt Daniel Casasola von der psychiatrischen Spitex. Er ist zurzeit besonders gefordert.

«Hauptsache beim Patienten geht ein Türchen auf», sagt Daniel Casasola von der psychiatrischen Spitex. Foto: Urs Jaudas

«Hauptsache beim Patienten geht ein Türchen auf», sagt Daniel Casasola von der psychiatrischen Spitex. Foto: Urs Jaudas

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Eines kann man von Daniel Casasola (48) mit Sicherheit sagen: Er kennt sich mit dem Phänomen der multiplen Persönlichkeiten aus. Er blickt selber auf ein Berufsleben als Schlosser, Kellner, technischer Kaufmann und Bauarbeiter ­zurück. Später liess er sich zum Psy­chiatriepflegefachmann ausbilden. Inzwischen gehört er zu den «fliegenden ­Betreuern» von Knowledge & Nursing, der grössten psychiatrischen Spitex im ­Kanton Zürich. Hier fühlt sich Casasola wohl, denn hier gibt es im Gegensatz zu den Kliniken, in denen er jahrelang ­gearbeitet hat, keine Hierarchien. Jeder arbeitet selbstständig. Wie bei jeder ­Spitex üblich, besuchen die Mitarbei­tenden von Knowledge & Nursing die ­Patienten zu Hause.

In einem 50er-Jahre-Block in Wollishofen lebt der ehemalige Psychologe Martin M.* In seiner Wohnung ist lange nicht mehr gelüftet und aufgeräumt worden. Casasola achtet nicht darauf, es gibt für ihn weder Tabus noch Belehrungen. «Ich arbeite, wie es mir gefällt und wie ich es für richtig halte», sagt er. Deshalb kann es vorkommen, dass ihn einer seiner Klienten zur Begrüssung umarmt und ihn duzt. Wenn es der Situation angepasst sei, habe er damit keine Mühe.

Im Wohnzimmer von Martin M. steuert Casasola auf «seinen» Platz zu und setzt sich. Er wirkt unkompliziert, offen, direkt, trägt dunkle Jeans und eine schwarze Lederjacke. Martin M. ­beginnt zu erzählen: Wie er das Wochenende verbracht hat, wie er die strukturlose Zeit in den bevorstehenden Ferien verbringen will. Martin M. ist aus dem Tritt geraten. «Ich bin nun zwar gelandet», sagt er, «doch die Rotoren laufen noch heiss.» Daniel Casasola nickt, «ich kenne das». In den Ferien anzukommen, brauche Zeit.

Immer den richtigen Ton

Keinem der Patienten – Casasola spricht von «meinen Klienten» –, die wir an diesem Tag besuchen, ist die Störung oder Krankheit auf Anhieb anzumerken. ­Casasola weiss nie, in welchem Zustand er seine Klienten antreffen wird. Der Termin ist jeweils im Voraus abgemacht. Casasola merkt sofort, wie es seinem Gegenüber geht, er ist ein guter Zuhörer. Er weiss, wann er nicht widersprechen darf, weil sein Gegenüber explodieren könnte. Er weiss, wenn seine Klientin Aufmunterung braucht. An manchen ­Tagen besucht er sieben Klienten – bei allen trifft er den richtigen Ton.

Casasola ist eher zufällig Psychiatriepflegefachmann geworden. Ein Freund bat ihn, seine Schwester in der Psychiatrischen Klinik in Wil SG nach deren Dienst abzuholen. «Die Anstalt und was mir diese Frau von ihrer Arbeit erzählt hat, faszinierten mich.» Weil er zu jener Zeit arbeitslos war, bewarb er sich in der Klinik um einen Ausbildungsplatz. Seine ausgeprägte Empathie sei ihm dabei ­zugutegekommen. «Ich weiss, was ich brauche, um zufrieden zu sein: Vertrauen, Lob und Zuwendung.» Genau das brauchen auch seine Klienten. «Die Aspekte der humanen Psychologie sind ein wichtiger Bestandteil meiner Arbeit», sagt er. «Sie helfen mir im Gespräch, mitzuschwingen und meine Klienten in ihrer Autonomie zu unterstützen.» Er schreibe selten jemandem vor, was er machen soll, weil das meistens nicht gut herauskomme.

Der nächste Klient ist pensionierter Akademiker. Die beiden begrüssen sich, man spürt, dass sie sich mögen. Casasola freut sich auf den Kaffee, den ihm Karl K., ohne zu fragen, serviert. K. leidet unter Antriebslosigkeit und Depressionen. In den letzten Jahren hat er fast alle gängigen Therapien ausprobiert – erfolglos. Wenn es ihm besonders schlecht geht, gelingt es ihm tagelang nur unter grösster Anstrengung, aufzustehen – ausser sein «fliegender Betreuer» kommt vorbei. Dann schafft er es nicht nur aus dem Bett, sondern auch aus dem Haus. Casasola und K. wechseln wie alte ­Bekannte zwischen Deutsch und Italienisch. Nach dem Gespräch nimmt ihn Casasola im Auto bis zur nächsten Patientin mit. So kommt K. an die frische Luft, raus aus seiner Wohnung.

Ein Leben wie ein Film

Casasola sieht seine Aufgabe darin, die Leute in ihrer bekannten Umgebung zu unterstützen, um sie wieder in ihre ­Balance zu bringen. Sie zu motivieren, neue Ideen aufzuzeigen, auch unkonventionelle. Gerade dies sei in der institutionellen Pflege nur schwer möglich, findet Casasola. Bei Karl K. etwa schlug die behandelnde Psychiatrin vor, sich an einen Heiler zu wenden. Casasola organisierte das für K., der sich nicht auf­raffen konnte. «Wenn die Schulmedizin an ihre Grenzen stösst, gibt es noch viele andere Ansätze», sagt er. «Hauptsache beim Patienten geht ein Türchen auf.»

Casasola vergleicht seinen Arbeits­altag mit einem Film. Er wechselt von einer Szene zur nächsten. Die dritte Klientin an diesem Tag ist Eveline E. Sie pflegte ihren Mann bis zu seinem Tod vor einem Jahr. Daneben arbeitete sie und versuchte immer, es jedem recht zu machen. So lange, bis sie zusammenbrach. Casasola nimmt sich Zeit für sie. Weil er bald in die Weihnachtsferien verreisen wird, fragt er Eveline E., ob sie noch ein Stützrädchen brauche. Will heissen: einen zusätzlichen Besuch.

Wir fahren mit dem Auto nach Höngg. Casasola erzählt in St. Galler Dialekt von seinem ersten Besuch in einer psychia­trischen Klinik. Ein zwei Meter grosser Patient sei drohend auf ihn zugekommen. Er ging ebenfalls in Kampfstellung – «die Situation löste sich in Minne auf». Seine Lehre: «Ich habe nie Angst, aber immer Respekt vor meinen Klienten. Das Eis ist manchmal sehr dünn.»

«Ich habe nie Angst, aber immer Respekt vor meinen Klienten. Das Eis ist manchmal sehr dünn.»

Wie in der Klinik geht es in der ambulanten Pflege darum, die Abhängigkeit der Patienten zu reduzieren, ein «Stützrädli» zu entfernen Die Krankenkassen kontrollieren alle sechs Monate die eingereichte Verordnung und ob sie verlängert wird oder nicht. Manchmal gibt es keinen Ausweg. «Nicht jede Krankheit ist heilbar», aber eine Stabilisierung sei möglich, sagt Casasola. Es gehe vor allem darum, dass seine Klienten in ihrer vertrauten Umgebung wieder funktionieren können.

Bevor Casasola in Höngg aus dem Auto steigt, kontrolliert er sein Telefon. «Es ist wichtig, dass ich auf Anrufe und SMS schnell reagiere», erklärt er. Wie gesagt: Das Eis ist bei manchen sehr dünn. In Höngg besucht Casasola einen ehe­maligen Uni-Professor. Die Wohnung von David D. ist blitzblank geputzt und aufgeräumt. Der Mann leidet unter einer schweren Zwangsstörung und kann seine Wohnung nicht verlassen, ohne zwanzigmal zu kontrollieren, ob sie auch wirklich abgeschlossen ist. Ist er einmal auf der Strasse, fällt ihm ein, dass vielleicht der Wasserhahn nicht ab­gedreht ist – und er kehrt wieder um.

Im Moment steckt D. in einer schwierigen Phase. Am Vortag wollte er an die frische Luft, schaffte es aber nicht. Casasola begleitet ihn deshalb zu Fuss auf die Bank und die Post, damit er Geld ab­heben und Rechnungen bezahlen kann. Auf dem Weg reden die beiden miteinander in vertrautem Ton. Der Professor musste auch schon in eine psychiatrische Klinik eingewiesen werden. «Genau das will ich verhindern», sagt Casasola, als er später in sein Auto steigt. Er ist froh um die Fahrzeit, die Distanz zwischen den verschiedenen Klienten schafft. «Es ist anstrengend, einen ganzen Tag echt und transparent zu sein.»

* Alle Namen und Wohnorte sind aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes geändert.

Erstellt: 16.12.2016, 20:45 Uhr

Ambulant vor stationär

Das gilt auch für die Psychiatrie

Gert Nijland ist Gründer von Knowledge & Nursing, der grössten psychiatrischen Spitex im Kanton Zürich. Er stammt aus Holland, dem Land, das Pionierin ist im ambulanten Arbeiten ohne Hierarchien, ohne tägliche Sitzungen, ohne aufgeblähte Administration. Jede einzelne der 16 Psychiatriepflegefachpersonen arbeitet selbstständig und rechnet selber mit der Krankenkasse ab. In der Stadt Zürich bieten die Non-Profit-Spitex-Organisationen (Spitex Zürich Sihl und Spitex Zürich Limmat) schon seit den 1990er-Jahren psychosoziale Pflege- und Betreuungs­leistungen an. Erst seit dem Bundesgerichtsurteil von 2005 sind die Krankenkassen aber verpflichtet, die Kosten für Spitex-Einsätze bei psychisch Kranken grundsätzlich in gleicher Weise zu übernehmen wie bei Menschen mit einer körperlichen Krankheit. Seither ist die Nachfrage nach einem solchen Anbieter gewachsen. Das hängt auch mit den Kosten zusammen: Diese sind um ein Vielfaches geringer als eine Klinikeinweisung. Statt solche Menschen immer wieder in eine Klinik einzuweisen, liegt heute der Fokus darauf, sie zu Hause zu unterstützen. (mq)

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