Von der Musterschule zum Problemfall

In der preisgekrönten Primarschule Brühlberg in Winterthur haben auf den Sommer alle Lehrer gekündigt. Die Eltern sind schockiert. Sie fordern die Absetzung der Schulleiterin.

Im Schulhaus Brühlberg hängt seit 2013 der Haussegen schief. Foto: Reto Oeschger

Im Schulhaus Brühlberg hängt seit 2013 der Haussegen schief. Foto: Reto Oeschger

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Für Felix Müller, den Präsidenten der Kreisschulpflege Winterthur Stadt-Töss, ist der Vorgang in der Primarschule Brühlberg einmalig. Auf den kommenden Sommer haben alle acht Klassenlehrpersonen gleichzeitig gekündigt, und die rund 80 Kinder wissen nicht, zu wem sie nach den Sommerferien in die Schule gehen werden: «Das habe ich als Schulpräsident seit bald 20 Jahren noch nie erlebt», sagt Müller.

Bemerkenswert ist die Kündigungswelle auch deshalb, weil die Brühlbergschule weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt ist für ihr innovatives Lehrerteam und ihr pädagogisches Konzept, das altersdurchmischte Lernen (ADL). Im Brühlberg-Schulhaus sitzen Kinder aus mindestens drei verschiedenen Jahrgängen in der gleichen Klasse. Für dieses Modell wurde die Brühlbergschule 2009 mit einem Preis der Pädagogischen Hochschule Zürich ausgezeichnet, und sie wird bis heute von interessierten Lehrpersonen aus dem In- und Ausland besucht.

«Inkompetente» Schulleiterin

Doch in der Musterschule hängt der Haussegen bereits seit 2013 schief. Damals wurde eine unerfahrene Schulleiterin eingesetzt, die nicht nur für die kleine Brühlbergschule zuständig ist, sondern auch für das grössere Nachbarschulhaus Neuwiesen. Dort wird noch traditionell in Jahrgangsklassen unterrichtet, und so trafen in der gleichen Organisationseinheit zwei Schulen mit unterschiedlichen Konzepten und völlig anderen Kulturen aufeinander. Allein schon deshalb kam es zu Spannungen, denn dem Brühlberg standen als Mehrklassenschule mehr Mittel zur Verfügung. Doch auch der Führungsstil der Schulleiterin passte dem Team im Brühlberg nicht. Sie wurde schon bald als fachlich inkompetent und pädagogisch desinteressiert bezeichnet. Und schon nach kurzem kam es zu den ersten Frustkündigungen in der Lehrerschaft.

Eltern künden Widerstand an

Die beispiellose Kündigungswelle in diesem Frühling schreckt nun vor allem die Eltern auf. «Diese Schulleiterin hat unsere Schule an die Wand gefahren», sagt Marcel Vosswinkel, Präsident des Elternrates. Sie habe versucht, einen Keil zwischen Eltern und Lehrerschaft zu treiben, die bis anhin sehr gut zusammengearbeitet hätten. So wurde Vosswinkels Vorgängerin der Zutritt zum Schulhaus verwehrt, und sie musste ihren Schlüssel abgeben. Zudem durften keine Lehrer mehr an den Elternrats­sitzungen anwesend sein. Vosswinkel kritisiert auch den grünen Schulpräsidenten Felix Müller, der kaum etwas zur Entspannung beigetragen habe, im Gegenteil: Er habe die Massnahmen der Schulleiterin noch gestützt.

Nachdem die Eltern am vergangenen Dienstag mit einem Brief über die Kündigungen informiert worden waren, liefen sofort die Drähte heiss. Es entstand eine Whatsapp-Gruppe, der sich bereits über 60 Personen angeschlossen haben. Sie fordern in einem Schreiben per sofort eine neue Schulleitung für das Schulhaus Brühlberg und den sofortigen Rücktritt von Schulpräsident Felix Müller. Vosswinkel beteuert, dass es sich dabei nicht um eine Aktion des Elternrates handelt, sondern um eine Initiative von unabhängigen Eltern, der er sich allerdings auch angeschlossen hat.

In dem Schreiben werden die Eltern aufgefordert, sich für «Aktionen bereitzuhalten». Laut Vosswinkel ist für kommende Woche eine erste Kundgebung vor dem Büro des Schulpräsidenten geplant. Im Mai werde eine grössere Demonstration ins Auge gefasst.

Von den Lehrpersonen, die gekündigt haben, wollte gestern niemand öffentlich gegen ihre Arbeitgeberin Stellung nehmen. Ebenfalls keine Auskunft war von der Schulleiterin zu erhalten.

Beschwerde abgewiesen

Die Erfolgschancen der Elternaktionen scheinen nicht allzu gross zu sein. Denn bereits im Januar hat der Bezirksrat eine Aufsichtsbeschwerde von Brühlberg-Eltern klar abgelehnt. Er bedauert zwar, dass die Kommunikation zwischen dem Elternrat und den Behörden offensichtlich «gestört» sei. Doch eine Rechtsverletzung sei weder durch die Kreisschulpflege noch die Schulleiterin feststellbar. Diese hätten lediglich die kantonalen und kommunalen Vorgaben durchgesetzt. So hätten die Brühlberg-Eltern in der Vergangenheit auf den Betrieb und die Organisation der Schule einen grossen Einfluss gehabt.

Im Verfahren vor dem Bezirksrat weist die Schulleiterin die Vorwürfe der Eltern als «haltlos» zurück. Es habe nicht den kleinsten Eingriff in das Mehrklassenkonzept gegeben. Die Änderungen, die sie durchgesetzt habe, seien ­organisatorischer Natur gewesen. Ins­besondere sei es ihr wichtig, dass die Aufgaben und Pflichten von Lehrern und Eltern den gesetzlichen Vorgaben entsprächen. So dürften Eltern keine Mitsprache in pädagogischen und personellen Belangen haben. In dieser Beziehung habe es in der Brühlbergschule «Grauzonen» gegeben.

Ja zur Mehrklassenschule

Felix Müller wollte sich gestern inhaltlich nicht zum Fall äussern. Dies werde jetzt intern in Gesprächen mit allen Beteiligten aufgearbeitet. Die Kündigungen führte er auf eine «Verkettung unglücklicher Umstände» zurück. Aber offensichtlich sei es weder ihm noch der Schulleitung bisher gelungen, «Ruhe in die Brühlbergschule zu bringen».

Müller betonte, dass man mit der Rekrutierung von neuen Lehrpersonen bereits begonnen habe. Ziel sei es, das Konzept der Mehrklassenschule aufrechtzu- erhalten. Man werde die Eltern nach den Frühlingsferien über den Stand der Dinge informieren. Für die Rücktrittsforderungen an die Schulleiterin hat er kein Verständnis. Sie seien «unanständig». Die Rücktrittsforderung gegen sich selber kommentierte er nicht.

Erstellt: 06.04.2017, 20:42 Uhr

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