Der Grüne Baudirektor macht weiter wie sein SVP-Vorgänger

Einen aggressiven «Klimaplan» hat er versprochen. Von einer Wende ist allerdings wenig zu spüren.

Er setzt auf Harmonie in der Verwaltung: Martin Neukom am Dienstag vor den Medien. Foto: Reto Oeschger

Er setzt auf Harmonie in der Verwaltung: Martin Neukom am Dienstag vor den Medien. Foto: Reto Oeschger

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Noch vor wenigen Wochen haben die Zürcher Hauseigentümer gezittert. Wie schnell macht der neue grüne Baudirektor mit harten ökologischen Vorschriften vorwärts? Wie lange darf man im Kanton Zürich noch mit Öl heizen? Nach dem gestrigen Auftritt von Martin Neukom dürften die Hausbesitzer aufgeatmet haben. Er hält zwar an den Ideen aus seinem Klimaplan fest. Einen Terminplan für die Umsetzung gibt es aber noch nicht.

Für seinen Auftritt vor den Medien hat der 33-jährige Regierungsrat ein ungewöhnliches ­Lokal gewählt: die alten Zeughäuser auf dem Kasernenareal in Zürich. Doch den symbolträchtigen Ort hat er nicht etwa gewählt, um einen neuen Anlauf zur Übergabe der Zeughäuser an die Stadt bekannt zu geben.

Er schien sich einfach einen intimeren Rahmen ausgesucht zu haben, um darüber zu sprechen, wie sehr sich sein Leben als Regierungsrat geändert hat, wie sich seine Agenda füllte, wie er von Einladungen überflutet und von seinen sechs Ämtern gefordert wurde: «Meine Verwaltung funktioniert wie eine gut geölte Maschine, und am Ende landet alles auf meinem Pult zur Unterschrift.» Es fühle sich an wie in einem Flaschenhals.

Warnung vor der Niederlage

Klar wurde, dass der junge Schnelldenker Neukom noch darum kämpft, Prioritäten zu setzen. In der Baudirektion gehe es um Interessenabwägungen, sagte er. Alle hätten berechtigte ­Anliegen, neben den Hauseigentümern auch die Mieter, die ­Naturschützer, die Bauern, die Denkmalschützer. Die Gespräche mit all diesen Anspruchsgruppen beschäftigen den Baudirektor gegenwärtig stark. Neukom hat zwar von Markus Kägi (SVP) das Steuer übernommen, doch herumgerissen hat er es (noch) nicht. Vorerst setzt er auf Harmonie in seiner Verwaltung.

Und was tut er konkret fürs Klima? Überfällig wäre der Entwurf des Energiegesetzes mit den energetischen Bauvorschriften. Überraschend will Neukom aber als Erstes eine langfristige Klimastrategie ausarbeiten. Sie soll zeigen, wie eine Gesellschaft ohne fossile Energie aussehen könnte. Mit dem Entwurf des Energiegesetzes wird sich der Kantonsrat noch etwas gedulden müssen. Neukom kündigte ihn gestern noch für dieses Jahr an, Details liess er sich noch keine entlocken. Der Entwurf werde ökologischer ausfallen als Markus Kägis Vorlage, aber: «Wir müssen aufpassen, dass sie mehrheitsfähig bleibt, sonst fällt sie beim Stimmvolk durch, wie eben im Kanton Bern.»

Wieder Subventionen

Auch Subventionen für die Umrüstung auf umweltfreundliche Heizanlagen will Neukom wieder einführen. Wie viel Geld er beantragen will, liess er aber offen. Fördern will er sogenannte Contracting-Lösungen – mit ihnen könnten sich Hauseigentümer ihre neue ökologische Heizung von Firmen bezahlen lassen, von denen sie dann die Energie beziehen müssten. Weiter will Neukom bei den Beschaffungen ein Vorbild sein. Neue kantonale Fahrzeuge sollen wenn möglich ohne fossile Energie betrieben sein – «auch wenn das noch schwierig ist».

Auch eine Änderung des Planungs- und Baugesetzes stellte Neukom in Aussicht. Ziel: die ­Reduktion von Hitzeinseln. Die Städte sollen an heissen Sommertagen besser durchlüftet werden. Auch beim Bauen will Neukom Vorbild sein: mehr Holz statt Beton, und Fotovoltaik­anlagen auch auf Fassaden, statt nur auf dem Dach. Auf der anderen Seite will er bei kantonalen Bauprojekten die Kosten reduzieren. Wie er diesen Spagat schaffen will, sagte er nicht. Mehr Geld soll es schliesslich für die Umsetzung von Kägis Naturschutzkonzept geben.

Ein bisschen freisinnig

Die Frage ist: Hat Neukom in seinen ersten 100 Tagen die Erwartungen der Klimajugend erfüllt? Im Klimaplan hat er von Dekarbonisierung gesprochen, gestern war von einem Ölheizungsverbot nichts zu hören. Auch die 43 Wissenschaftler, die seit Jahren auf die Behandlung einer entsprechenden Initiative warten, werden enttäuscht sein. Harte Massnahmen, die etwa Hauseigentümern wehtun würden, sind vorerst keine zu erwarten. Vielmehr spricht Neukom von Anreizen und Vorbildwirkung, wie es auch die Freisinnigen tun.

Kluge Klimaschützer wenden sich deswegen aber nicht von ihm ab. Besonnenheit und eine gute Taktik sind zwar nicht so spektakulär wie eine Klimademo. Doch im Zürcher Politbetrieb, in dem Links-Grün immer noch auf Sympathisanten aus der Mitte angewiesen ist, erreicht Neukom damit mehr als mit Aktivismus für die Galerie. Wenn er aber den Goodwill seiner Wählerinnen und Wähler nicht verspielen will, sollte er bis Ende Jahr deutlich konkreter werden.

Erstellt: 20.08.2019, 21:48 Uhr

Artikel zum Thema

«Ich fliege auch, ich bin nicht perfekt»

Interview Der grüne Regierungsratskandidat Martin Neukom will Steuersenkungen rückgängig machen, um Geld für den Kampf gegen den Klimawandel einzusetzen. Der 32-Jährige hat intakte Wahlchancen. Mehr...

Schlechte Noten vom WWF: Zürich hinkt bei Sanierungen hinterher

Es gibt viel zu tun für den neuen grünen Baudirektor. Zürich landet beim WWF auf einem der letzten Plätze. Nur ein Kanton ragt im Ranking heraus. Mehr...

Martin Neukom vertröstet auf Ende Jahr

In den ersten 100 Tagen im Amt hat der grüne Zürcher Baudirektor noch keine Pflöcke für den Klimaschutz eingeschlagen. Aber er hält an seinem Plan fest. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Paid Post

Mit CallDoc clever und flexibel versichert

Lassen Sie sich rund um die Uhr medizinisch beraten – und sparen Sie dabei! Profitieren Sie vom Prämienrabatt der Grundversicherung. Jetzt Offerte anfordern.

Kommentare

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sie wollen täglich die besten Beiträge aus der Redaktion?
Dann abonnieren Sie jetzt unseren Newsletter «Der Morgen».

Die Welt in Bildern

Bergungsarbeiten nach Taifun-Katastrophe: Der heftige Wirbelsturm «Hagibis» hinterliess über weite Teile Japans eine Spur der Verwüstung. Die Zahl der Todesopfer ist gemäss eines japanischen Fernsehsenders auf 66 gestiegen. (15. Oktober 2019)
(Bild: Jae C. Hong/AP) Mehr...