«Die Schulen versuchen die Kinder mitzutragen, bis es eskaliert»

Ende Schuljahr geraten Eltern von Kindern, die Probleme machen, oft in Stress. Sie suchen zunehmend in der Psychiatrie Hilfe.

Kinder, die Probleme verursachen, brauchen Hilfe. Oftmals fällt diese jedoch mangelhaft aus. Foto: Patricia Seibert (Plainpicture)

Kinder, die Probleme verursachen, brauchen Hilfe. Oftmals fällt diese jedoch mangelhaft aus. Foto: Patricia Seibert (Plainpicture)

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Die Telefone in den psychiatrischen Ambulatorien laufen seit Wochen heiss, wie «20 Minuten» unlängst berichtete: Vor den Sommerferien suchen verzweifelte Eltern Hilfe, weil ihre Kinder Schwierigkeiten beim Lernen haben, weil sie wegen ihres Verhaltens in der Schule kaum mehr tragbar sind, weil sie in eine Sonderschule sollen. Recherchen des «Tages-Anzeigers» bestätigen das. Allein das kinder- und jugendpsychiatrische Ambulatorium Zürich Nord der Psychiatrischen Uniklinik verzeichnete im Mai 38 Anmeldungen, im März waren es noch 28. Noch deutlicher war der Anstieg letztes Jahr: 12 Anmeldungen im März, 32 im Mai.

Es ist ein Phänomen, das alle kinder- und jugendpsychiatrischen Kliniken kennen. Droht der Schuljahreswechsel, geraten Eltern von Kindern, die Probleme machen, in Panik. «Oft steht ein Wechsel in eine Sonderschulung an, die Eltern aber sind skeptisch und wünschen, dass das Kind in der Regelklasse bleibt», sagt Frederike Kienzle, Oberärztin am Ambulatorium Zürich Nord. «Dann erhoffen sie sich von uns eine Abklärung und die Bestätigung, dass ihr Kind das nicht braucht.» Denn mitunter zeige ein Kind nur in der Schule ein auffälliges Verhalten, nicht aber daheim. Auch Schulen würden vermehrt Kinder und Jugendliche, die Schwierigkeiten machen, für Abklärungen anmelden, weil sie nichts übersehen wollen oder glauben, «da ist doch was, das Kind hat doch was».

Langer Leidensweg

Fana Asefaw, Leiterin des kinder- und jugendpsychiatrischen Ambulatoriums der Clienia in Winterthur, kennt das. Auch sie verzeichnet mehr Anmeldungen vor den Sommerferien.

Neben jenen Eltern, die eine Sonderschulung vermeiden wollen, gebe es aber auch Mütter und Väter, die mithilfe der Psychiatrie einen Platz und die optimale Förderung für ihr Kind erzwingen wollen: «Es gibt Eltern, die sagen mir, o Gott, bald ist das Schuljahr zu Ende, und ich weiss noch immer nicht, wie es mit meinem Kind weitergeht.» Andere haben Angst, dass es auch in der Sonderschule versagt.

Meist haben die Familien bis dahin schon einen langen Leidensweg hinter sich. Zum Beispiel jene Eltern, die mit ihrem Kind unlängst bei Fana Asefaw im Ambulatorium standen. Schon im Kindergarten zeigte sich das Kind renitent, passte nicht auf, war ungehorsam, prügelte andere. Dennoch versuchte die Schule, das Kind so gut wie möglich zu integrieren, so, wie es das Gesetz verlangt. Doch die Lage spitzte sich über die Jahre immer mehr zu, bis das Kind in der dritten Klasse begann, mit Stühlen nach Mitschülern und Lehrern zu werfen.

«Ist die Krise akut, wird alles an die Psychiatrie ­delegiert.»Fana Asefaw, Ambulatorium Clienia

Von einem Tag auf den anderen musste das Kind zu Hause bleiben. Ohne Sonderschulung sei das Kind nicht mehr tragbar, beschied die Schule den Eltern – und liess sie dann wochenlang auf eine Abklärung warten, denn ohne Abklärung gibt es keine Sonderschulung. Für die Eltern kam das völlig überraschend. «Zwar hatten sie zuvor immer wieder Schulgespräche, und man sagte ihnen, ihr Kind sei schwierig», sagt die Psychiaterin. «Aber niemand zeigte ihnen Lösungsmöglichkeiten. Dabei waren die Eltern selbst überfordert.» Nach den Sommerferien soll das Kind nun in eine Privatschule – die Eltern aber haben Angst, dass auch das nicht geht und dass sich die Lage zu Hause nicht bessert.

Solche Geschichten sehe sie immer wieder, sagt Asefaw: «Die Schulen versuchen über Monate, teilweise Jahre, die Kinder mitzutragen, bis es irgendwann eskaliert.» Das Problem ist aus ihrer Sicht häufig die Zusammenarbeit mit den Eltern, die sich sehr schwierig gestalte: «Oft braucht es auch eine Veränderung bei den Eltern, damit das Kind sein Verhalten ändert.» Dafür aber brauche es eine Zusammenarbeit mit Fachleuten wie Familienhelfern oder Psycho­therapeuten. Asefaw betont, das sei keine pauschale Kritik an der integrativen Schulung. Aber ihr falle auf, dass manche Schul­psychologischen Dienste nicht rechtzeitig Hilfe anböten. Dann drohe die Situation auch zu Hause zu eskalieren: «Die Folge kann sein, dass das Kind sein Verhalten immer mehr verinnerlicht und intensiviert.» Ist die Krise dann akut, «wird alles an die Psychiatrie delegiert».

Oberärztin Kienzle beobachtet Ähnliches. Auch sie will die schulische Integration nicht schlechtreden: «Aber sie kann wahnsinnig viel Stress verursachen, wenn Eltern und Kind zum Beispiel immer wieder zu Gesprächen – teilweise mit unterschiedlichen Fachpersonen – aufgeboten werden, aber keine spürbare Hilfe erhalten.» Manchmal müssen Familien monatelang warten, bis sie vom Schulpsychologen oder vom Ambulatorium einen Termin erhalten.

Auch Eltern unterstützen

Nicht selten seien Verhaltens­auffälligkeiten bei Kindern kein Ausdruck einer psychischen Krankheit, sondern davon, dass die Verhältnisse in den Familien desolat sind oder dass das Kind eine Lernbehinderung hat. Wenn nicht auch die Eltern Unterstützung erhalten, könne sie als Psychiaterin in solchen Fällen kaum helfen, sagt Kienzle: «Es bringt wenig, mit einem Kind einmal pro Woche Psychotherapie zu machen, wenn es daheim zu wenig Struktur hat oder wenn sich die Auffälligkeiten nur in der Schule zeigen.» Asefaw pflichtet dem bei: Es sei Sache der Schulpsychologischen Dienste, hier frühzeitig aktiv zu werden und eine Zusammenarbeit mit anderen Fachleuten anzustreben. Vor allem bei kleineren Diensten passiere das oft zu langsam und zu wenig konsequent.

Bigna Bernet ist Schulpsychologin und Co-Präsidentin der Vereinigten Schulpsychologinnen und Schulpsychologen des Kantons Zürich. Sie sagt, der ­Ansturm vor den Sommerferien betreffe keineswegs nur die ­psychiatrischen Ambulatorien: «Auch die Schulpsychologischen Dienste haben vor den Sommerferien mit mehr Notfällen und Krisen zu tun.» Und auch hier ist der Schuljahreswechsel spürbar, vor allem dann, wenn gleich­zeitig ein Wechsel in die nächsthöhere Schulstufe ansteht oder die Frage nach einer Sonderschulung im Raum steht.

Die Kritik der Psychiaterinnen ist für Bernet zu einseitig und zu pauschal, in Einzelfällen aber nicht völlig unberechtigt: «Schulpsychologen und Schulpsychologinnen können viel dazu beitragen, dass es nicht zu Notfallübungen kommt. Aber dafür braucht es einen einfachen, schnellen Zugang und eine gute Zusammenarbeit mit den Schulen. Und das ist nicht überall der Fall.» Ein Problem liegt aus ihrer Sicht in der Gemeindeautonomie: Im Kanton Zürich sind die Gemeinden für die Schulpsychologischen Dienste zuständig, und es sei nicht gewährleistet, dass überall das umgesetzt wird, was den Familien und der Schule am meisten dient. Das erschwere auch die Zusammenarbeit mit den kinder- und jugendpsychi­atrischen Diensten: «Wir sind von unserer Seite her aber daran, diese zu verbessern.»

Vermisste Kleinklassen

Roland Käser, ein erfahrener Schulpsychologe, der in den letzten Jahren in verschiedenen Gemeinden als Springer im Einsatz war, teilt diese Einschätzung: «Die Möglichkeiten der Schulpsychologischen Dienste sind sehr unterschiedlich.» Budgets und Stellenpläne der Schulen seien eng: «Viele müssen zusehen, was mit den geschrumpften Angeboten überhaupt noch machbar ist.» Dem stehe der verständliche Anspruch der Eltern auf eine bestmögliche Förderung gegenüber: «Eltern und Kinder leiden manchmal absurd, wenn das Kind keine oder nicht genügend Therapien erhält.»

Was die Sache aus Sicht von Käser und Bernet erschwert: Mit der integrativen Schulung sind die bisherigen Kleinklassen für Kinder mit Verhaltensproblemen oder Lernschwierigkeiten verschwunden. Heute erhalten die betroffenen Kinder während des normalen Unterrichts zwei bis drei Lektionen Unterstützung von einer heilpädagogischen Fachperson. Reicht das nicht, kommt als nächsthöhere Stufe die integrierte Sonderschulung zum Zug: Das Kind wird beispielsweise während sechs bis neun Lektionen in einer kleinen Gruppe gezielt gefördert. Führt auch das nicht zum Ziel, kann eine externe Sonderschule die einzige verbleibende Option sein.

Zwar sei es grundsätzlich richtig, dass die Schulen alles probierten, um jeden Buben und jedes Mädchen zu integrieren, sagt Bernet: «Aber wir würden uns mehr Handlungsspielraum und Zwischenformen wünschen.» Ohne Kleinklassen fehle zum Beispiel eine Möglichkeit, Kinder für eine gewisse Zeit ganztags in einer kleinen Gruppe innerhalb der Schule zu fördern. Käser sieht es ähnlich: «Manche Kinder fallen buchstäblich zwischen Stuhl und Bank, weil kein Angebot für sie passt.»

Solche Kinder sind es, die dann schliesslich in den psychiatrischen Ambulatorien landen.

Erstellt: 28.06.2019, 22:41 Uhr

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