«Waffen symbolisieren für die Jugendlichen Männlichkeit»

Im Kanton Zürich hantieren Jugendliche vermehrt mit Waffen. Dirk Baier forscht zu Jugendgewalt und sagt, dass es nun zwei Massnahmen brauche.

Schlagringe oder Messer: Waffen üben eine besondere Anziehungskraft auf Jugendliche aus. Foto: iStock

Schlagringe oder Messer: Waffen üben eine besondere Anziehungskraft auf Jugendliche aus. Foto: iStock

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Die Zürcher Oberjugendstaatsanwaltschaft hat sämtliche Verstösse gegen das Waffengesetz von Jugendlichen analysiert. Die Zahl nimmt zu, aber offenbar setzen die jungen Männer die Waffen nicht ein (zum Artikel) – ein Widerspruch?
Jugendliche beschaffen sich nicht primär eine Waffe, um jemanden abzustechen oder mit der Softair-Pistole einen Überfall zu verüben. Waffen symbolisieren für sie Männlichkeit, sie demonstrieren Dominanz und Wehrhaftigkeit.

Tatsächlich gab jeder siebte delinquente Jugendliche an, sich aus Gründen der Faszination oder Coolness bewaffnet zu haben. Ein Viertel verschwieg die Gründe allerdings.
Was mir fehlt, ist der Aspekt der Gruppendynamik. Wir wissen aus der Forschung, dass der Druck von Gleichaltrigen in einer Gruppe oftmals ein entscheidender Faktor ist, der Jugendliche dazu bewegt, sich eine Waffe anzuschaffen.

Ändert sich mit dem Alter die Motivation? Zahlen zeigen, dass im Kanton Zürich die Zahl der schweren Körperverletzungen, bei denen Schneid- und Stichwaffen eingesetzt wurden, so hoch ist wie schon lange nicht mehr. Besonders in der Altersgruppe zwischen 18 und 24 Jahren nehmen die Delikte zu.
Es ist weniger eine Transformation der Motivation als vielmehr die Biografie. Trägt man eine Waffe, verdoppelt sich das Risiko, dass es zu einer gewaltsamen Auseinandersetzung kommt. Beginnt man früh damit, trägt man sie selbstverständlicher und entsprechend länger. Wird man dann älter, verändern sich Risikosituationen zudem.

Man geht länger in den Ausgang, trinkt mehr Alkohol…
Genau, und dann steigt das Risiko nochmals an. Zudem: Das Tragen einer Waffe verändert einen Menschen, es verleiht einem das Gefühl der Unantastbarkeit, senkt die Konfliktscheu, verleitet einen, sich in Situationen zu begeben, in die man sich sonst nicht wagen würde.

Um weniger Gewaltdelikte von jungen Männern zu haben, brauchte es also mehr Prävention bei den Jugendlichen?
Das wäre sicher ein sinnvoller Ansatz. In Berlin gibt es gerade einen Versuch, an den Schulen gezielt Messerprävention zu betreiben. Ich habe aber meine Zweifel, dass das der richtige Ansatz ist.

Weshalb?
Die Stärke dieser neu veröffentlichten Analyse ist, dass sie eben nicht nur auf Messer fokussiert. Man sieht, dass auch Schlagringe, Softair-Pistolen, Waffen ganz allgemein eine Anziehungskraft auf die Jugendlichen ausüben. Die Zahl der Delikte in Zürich ist zwar derzeit noch tief, aber die Jugendgewalt ist drei Jahre hintereinander angestiegen – und die Waffengewalt ist ein Teil davon. Da muss man jetzt genau hinschauen.

Was wäre ein guter Ansatz?
In den vergangenen Jahren erhielt der Kampf gegen islamistische Radikalisierung viel Aufmerksamkeit. Die Schulen dürfen dabei die generelle Gewaltprävention nicht vernachlässigen, beispielsweise mit Empathietrainings. Gleichzeitig müssen sich alle Beteiligten Gedanken machen, wie wir die Jugendlichen erreichen, und ihnen ein Identitätsangebot bieten.

Was meinen Sie damit?
Jugendliche suchen nach einem Sinn, suchen danach, selbst wirksam zu sein – als guter Schüler, als guter Sportler oder Ähnliches. In der Schweiz gibt es viele Möglichkeiten, aber wir beobachteten in den vergangenen Jahren auch, dass junge Männer wieder vermehrt in delinquente Gruppen und Subkulturen abrutschen, weil sie durch die Maschen fallen. Das müssen wir systematisch untersuchen. Es braucht aber auch eine höhere Kontrolldichte.

Weshalb?
Alle diese Fälle in der Analyse wurden durch Kontrollen entdeckt und zeigen zum Beispiel, wie einfach solche Waffen im Internet erhältlich sind. Wenn die Polizei vermehrt anlassbezogen kontrollieren und Waffen einziehen würde, würde sich dann der eine oder andere Jugendliche bestimmt überlegen, ob er sich ein zweites oder drittes Messer kaufen möchte.

Erstellt: 05.11.2019, 17:49 Uhr

Dirk Baier ist Soziologe und Leiter des Instituts für Kriminalprävention und Delinquenz der ZHAW.

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