Wakkerpreis für die Stadt, die den Stau erfunden hat

Der Schweizer Heimatschutz zeichnet Baden mit dem Wakkerpreis 2020 aus. Es ist der Lohn für 60 Jahre Stadtsanierung.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Natur meinte es gut mit Baden: Die Römer entdeckten das Thermalwasser, und im Mittelalter war die geschützte Lage in der engen Limmatklus ideal als Bollwerk und um Zölle zu erheben. 1847 wurde Baden durch die erste Eisenbahn der Schweiz – die Spanischbrötlibahn – mit Zürich verbunden. Bei den zwinglianischen Zürchern stand die lebenslustige und freizügige Bäderstadt nicht nur wegen des leckeren Blätterteiggebäcks hoch im Kurs.

Doch Stadtmauern, schmucke Altstadtgassen und die verwinkelte Lage in der Klus wurden zum Handicap, als der Verkehr wuchs. Zuerst waren es täglich über 10'000 Velofahrer, die zum Weltkonzern Brown Boveri pedalten, dann die Busse und Autos. Die beiden Eisenbahnbarrieren vor und nach dem Schlossbergtunnel – der erste Bahntunnel der Schweiz – blockierten 230-mal am Tag den Verkehr.

«Längste Stadt der Schweiz»

Baden hatte legendäre Verkehrsstaus, als man das Problem in Zürich noch kaum kannte. Die Bäderstadt bekam in den Fünfzigerjahren den Namen «längste Stadt der Schweiz». Der Schulhausplatz hiess im Volksmund «Piazza Insalata». Damals begannen weitsichtige Planer mit einer Verkehrs- und Stadtsanierung, die am 17. Dezember 2019 vorläufig abgeschlossen wurde. Eckwerte: 1961 Eröffnung des Kreuzlibergtunnels für die Bahn und Wegfall der Barrieren, bis 1965 wurde der freigewordene Eisenbahntunnel durch den Schlossberg für den Autoverkehr ausgeweitet, ab 1970 sorgte der Bareggtunnel mit der Autobahn für eine Entlastung vom Durchgangsverkehr.

Die letzten Jahrzehnte galt es, «die Räume und Plätze wieder an die Bevölkerung zurückzugeben», wie es der Badener Stadtammann Markus Schneider (CVP) formuliert. Vor drei Wochen – zum Fahrplanwechsel – zwängte sich der letzte Bus durch Stadtturm und Weite Gasse. Die Altstadt ist nun endgültig verkehrsfrei.

60 Jahre nach dem ersten Tunnelbau erhält Baden den Wakkerpreis, wie der Schweizer Heimatschutz heute Dienstag an einer Medienkonferenz im Badener Tagsatzungssaal bekannt gab – Baden war schliesslich auch einmal Tagsatzungsstadt. «Die verkehrsgeplagte Kleinstadt hat mit klugen Investitionen in öffentliche Freiräume Lebensqualität zurückgewonnen», hiess es in der Begründung.

Von der «Piazza Insalata» zur grünen Lunge

Über den Schulhausplatz quälen sich zwar noch immer 50'000 Autos pro Tag – zum Beispiel von Süddeutschland nach Zürich. Dagegen ist die Stadt machtlos. Die Busse dagegen queren die «Piazza Insalata» seit einem Jahr unterirdisch. Und aus der einst tristen Fussgängerunterführung ist ein lichtdurchfluteter, eleganter Platz geworden, wenn auch unterirdisch. Ironisch spricht der beteiligte Architekt Emanuel Schoop (Schoop De Santis Architekten, Baden) von einer «grünen Lunge». Linke Parteien hatten vergebens gefordert, dass der Verkehr in den Untergrund gehört, Velos und Fussgänger dagegen an die frische Luft.

Die Fussgängerpassage ist wie in einem Badezimmer mit einem feinen, grünen Glasmosaik gekachelt. Es gibt Rampen statt Treppen zu dem ebenfalls aufgewerteten Schlossberg- und Ländliplatz. Und vor allem: Wo früher die Stadtpolizei kleinlich Bussen verteilte, sind Velofahrer heute willkommen. Der Mischverkehr funktioniert bisher erstaunlich gut.

Einen bemerkenswerten Wandel haben auch der Schlossbergplatz und der verpönte «Blinddarm» erfahren, eine einst öde, graue Bahnunterführung für Fussgänger und Autos. Der Blinddarm ist heute – ebenfalls augenzwinkernd – als Wohnzimmer gestaltet mit Holzdecke, roten Wänden und aufgemaltem weissem Teppich. Baden habe «eine autogerechte Stadt den Menschen zurückgegeben», sagte Heimatschutz-Präsident Stefan Kunz.

Die verbotene Stadt

Weitere Beispiele für eine gelungene Stadtaufwertung: In der einst «verbotenen Stadt» im Brown-Boveri-Areal ist mit dem Trafoplatz ein offener Veranstaltungsraum entstanden, auf dem Theaterplatz mussten die parkierten Autos in ein unterirdisches Parkhaus weichen, auf dessen Dach spriessen heute Bäume, und vom Theaterplatz bietet sich eine wunderbare Aussicht auf Limmat und Lägern.

Sogar der alte Stadtfriedhof, einst weit abseits der Stadtmauern, ist heute eine geschützte Gartenanlage in einem wachsenden Wohn- und Arbeitsquartier. Legendär – und das seit Ende des 19. Jahrhunderts – ist der Kurpark mit seinem alten Baumbestand aus der Blütezeit des Kurbetriebs.

Der Heimatschutz lobt die Stadt für den «respektvollen Umgang mit ihren historischen Gärten und Parks». Die sicht- und erlebbaren Qualitäten seien das Resultat einer «vorausschauenden Politik, einer kontinuierlichen Planung und des Willens der Stimmberechtigten, Geld zu sprechen für eine attraktive Innenstadt». Baden habe auf vorbildliche Art in Entwicklungsareale investiert, «wo nicht in erster Linie zusätzliche gewinnbringende Nutzflächen zu erwarten sind».

Die Utopien warten

Was bleibt in Baden noch zu tun? In diesem Jahr wird das sanierte Kurtheater eröffnet, und 2021 soll endlich das neue Thermalbad von Mario Botta am Limmatknie sprudeln. Noch utopisch tönt das nächste grosse Verkehrsprojekt: eine Zentrumsentlastung mit einem Tunnel ab Obersiggenthaler Brücke auf die Autobahn A1. Damit es auf dem Schulhausplatz nicht mehr zum Verkehrssalat kommt. Politisch ist das Projekt aber umstritten.

Der Wakkerpreis ist ein durch den Schweizer Heimatschutz (SHS) verliehener Preis, mit dem politische Gemeinden in der Schweiz für beispielhaften Ortsbildschutz ausgezeichnet werden. Der Preis wird seit 1972 einmal jährlich verliehen und ist mit 20'000 Franken dotiert. Er ist nach dem Geschäftsmann Henri-Louis Wakker benannt, der dem Heimatschutz einen Teil seines Vermögens vermachte. Zürcher Preisträger sind Uster (2001), Winterthur (1989) und Grüningen (1976). Zürcher Gemeinden sind damit weit unterdurchschnittlich vertreten.

Erstellt: 14.01.2020, 10:15 Uhr

Artikel zum Thema

Hier entsteht das neue Botta-Bad

Nach über zehn Jahren Planung haben die Bauarbeiten im Badener Bäderquartier begonnen. Das bietet einen besonderen Anblick. Mehr...

ABB – der unaufhaltsame Niedergang einer Industrie-Ikone

Zu den besten Zeiten hatte die Vorläuferin BBC in der Schweiz 22'000 Arbeitsplätze. Bald werden es unter 4000 sein. Der Führung fehlen Ideen, wie sie wieder wachsen kann. Mehr...

Spanischbrötli: Eine Stadt, ein Rezept

Altbacken Serie Wer das Original will, muss nach Baden. Zu einer der Bäckereien, die alle nach gleichem Rezept backen. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Paid Post

Erneuerbar heizen für eine gesunde Umwelt

Alle erneuerbaren Heizsysteme haben gemeinsam, dass sie die CO2-Emissionen reduzieren, den Wiederverkaufswert Ihrer Liegenschaft erhöhen und langfristig die Heizkosten senken.

Kommentare

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Die Welt in Bildern

Ganz schön angeknipst: Ein Mitglied des Bingo Zirkus Theater steht anlässlich des 44. internationalen Zirkusfestivals in Monte Carlo auf der Bühne. (16. Januar 2020)
(Bild: Daniel Cole ) Mehr...