Wallfahrer und Wunderheiler

Die Ufenau wurde schon von den Römern als Kultort genutzt. Noch heute pilgern Gläubige auf die Insel, auch wenn der heilige Adalrich schon lange kein Wunder mehr vollbracht hat.

Andrang am Ufer: Pilger reisen per Schiff auf die Insel Ufenau. Video: Jan Derrer und Reto Oeschger

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Die Glocken von St. Peter und Paul läuten schon zur Messe, da legt das letzte der drei Wallfahrtsschiffe aus Pfäffikon an. Das Geläut ist zaghaft und unregelmässig – Glöckner ist wohl einer der Ministranten, der sich noch etwas ungelenk anstellt. An die 500 Personen sind an diesem Sonntagmorgen zum Jahrestag der Kirchenpatrone mit Ledischiffen vom Festland auf die Ufenau gepilgert, um am Wallfahrtsgottesdienst teilzunehmen. Und würde nicht hin und wieder ein Flugzeug das Himmelblau zerteilen, man fühlte sich in einer andern Zeit.

Zum Wallfahren verknurrt

Die Ufenau-Wallfahrt hat ihre Wurzeln im Mittelalter. Die Insel war die Mutterkirche der umliegenden Gemeinden, was sich zuweilen als unpraktisch erwies. So sind einmal fünfzig Pfarreian­gehörige auf dem Kirchgang ertrunken, weil der See hochging. Und manch Verstorbener wurde von Laien in Freienbach begraben, weil es wegen stürmischen Wetters zu lange dauerte, bis er auf dem Friedhof auf der Ufenau hätte beigesetzt werden können. Daher erhielt Freienbach 1308 eine Pfarrkirche – den Pfarrkindern wurde aber geboten, jeweils zu Peter und Paul auf die Ufenau zu wallfahren. Sie halten sich heute noch daran, wenn das Wetter es zulässt.

Der Einsiedler Pater Martin Werlen eröffnet den Festgottesdienst mit den Worten: «An einem herrlichen Ort dürfen wir heute miteinander feiern.» Dem stimmen alle zu – doch was der ehemalige Abt danach predigt, lässt manchen die Faust im Sack machen. Der Pater ruft auf der kleinen Insel zum «weiten Herzen» auf. Und wird konkret: «Wir können nicht Politikerinnen und Politiker wählen, deren Horizont an den Grenzen unseres Landes aufhört.» Ein Mann brummt zu seiner Frau: «Der will uns nur ein schlechtes Gewissen machen.» Eine Amsel singt, und die Glöcklein der Geissen bimmeln, als sich die Kirchenchöre von Pfäffikon und Freienbach zum Evangeliums-Gesang aus Schuberts Deutscher Messe aufstellen.

Heidnische Götter gebannt

Die Insel Ufenau ist seit 965 mit wenigen Unterbrüchen im Besitz des Klosters. Der Historiker Peter Ziegler, ein profunder Kenner der Ufenau-Geschichte, sagt: «Die Insel wurde stets als ‹insula sacra› empfunden, als heilige Insel.» Als Kraft-ort, würden manche sagen. So wurden 1958 dort, wo die Kirche St. Peter und Paul steht, Mauern eines römischen Tempels freigelegt. Die Umrisse des Cella-Gebäudes sind im Kirchenboden mit roten Steinplatten markiert. Das war eine Sensation, war doch bisher nicht bekannt, dass bereits die Römer die Ufenau besiedelten. Und römische Inseltempel sind eher selten.

Ziegler geht aufgrund der Lage davon aus, dass eine römische Gottheit zum Schutz der Schiffsreisenden verehrt wurde – so wie heute der heilige Christophorus an der Südwand der Kirche den Pilgern Schutz verspricht. Er hat laut Legende das Jesuskind über einen Fluss getragen. «Viele christliche Kirchen wurden anstelle von römischen Tempeln gebaut», sagt Ziegler. Sei es, um die heidnischen Götter zu bannen oder weil die christianisierte Bevölkerung den Gottesdienst weiterhin dort abhalten wollte, wo sie dies seit jeher tat. Die St.-Peter-und-Paul-Kirche wurden im 10. Jahrhundert von einer Frau gestiftet: von Reginlinde, der verwitweten Gattin zweier Schwabenherzöge. Sie leitete als Laien­äbtissin das Kloster Säckingen und die Zürcher Fraumünsterabtei und zog sich auf die Ufenau zurück, als sie an Aussatz erkrankte. So erzählt die Legende. An Stelle des zerfallenen Tempels stiftete sie eine Kirche, die sie aus Anhänglichkeit zu Zürichs St. Peter weihen liess. Auch baute sie auf dem Hügel die Martinskapelle neu, als Ersatz für eine ­zerfallene frühmittelalterliche Kirche.

Reginlinde war es auch, die Einsiedeln die Ufenau bescherte – und der Ufenau einen Heiligen. So soll sie ihren Sohn Adalrich mit auf die Insel gebracht haben, der seit dem 14. Jahrhundert als Heiliger verehrt wird. Und ihre Enkelin Adelheid war die Frau des Kaisers Otto des Grossen, der am 23. Januar 965 dem noch jungen Kloster Einsiedeln verschiedene Güter am Zürichsee schenkte; darunter die Ufenau und den Frauenwinkel.

Zurück in der Welt

Ein Schiffshorn kündigt das Kursschiff aus Rapperswil an. Schönwetterwolken türmen sich hinter dem Etzel auf. Ein Mädchen im Sonntagsröckchen lässt auf seinem Handy ein Eichhörnchen hinter einer Nuss herjagen. Der Chor hebt zum Schlussgesang an:

«Herr, du hast mein Flehn vernommen, selig pochts in meiner Brust, in die Welt hinaus ins Leben, folgt mir nun des Himmels Lust.»

Da steigt uns der Duft von grillierten Bratwürsten in die Nase.

Erstellt: 16.07.2015, 04:42 Uhr

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Wallfahrer und Wunderheiler

Wallfahrer und Wunderheiler Die Ufenau wurde schon von den Römern als Kultort genutzt. Noch heute pilgern Gläubige auf die Insel, auch wenn der heilige Adalrich schon lange kein Wunder mehr vollbracht hat.

Serie: Ab auf die Insel (4)

Der Inselheilige

Lange ist es her, gesichert ist wenig: Der 15-jährige Adalrich soll um 920 n. Chr. als Sohn der vom Aussatz befallenen Schwabenherzogin Reginlinde auf die Ufenau gekommen und etwas später in das neu gegründete Kloster Einsiedeln eingetreten sein. Als Klausner kehrte er auf die Ufenau zurück. Wenn er vom Nachschub abgeschnitten war, weil es stürmte, sollen ihm Vögel Brot gebracht haben. Und als es nach einem Landgang den Schiffsleuten zu gefährlich schien überzusetzen, sei er zu Fuss über das Wasser heimgekehrt. Zwanzig Jahre lebte er auf der Insel. 973 starb er im Alter von 72 Jahren. Von seiner Leiche sei, so wird berichtet, ein «köstlicher Geruch» ausgegangen. Und bald schon habe sich an seinem Grab Wunder­bares ereignet. Er könne kranke Kinder heilen, hiess es. (net)

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