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Warten auf den Winter

Skiliftbetreiber Claudia und Sämi Nägeli beschäftigt zurzeit nur eine Frage: Wie lange gibt es die Zürcher Skigebiete noch?

Dreissig Höhenmeter: Claudia Nägeli an der Talstation des Dicki-Skilifts in Weisslingen. Foto: Reto Oeschger
Dreissig Höhenmeter: Claudia Nägeli an der Talstation des Dicki-Skilifts in Weisslingen. Foto: Reto Oeschger

Der Winter kommt ins Mittelland. Endlich! Vielleicht. Wenigstens ins Zürcher Oberland. Auch bei der Familie Nägeli in Weisslingen wecken die aktuellen Wetterprognosen Hoffnung. Sie betreibt zusammen mit zwei anderen Familien den Skilift Dicki und steht seit Mitte Dezember in den Startlöchern. Noch setze der Schnee wohl nicht richtig an, da der Boden zu warm sei, sagt Claudia Nägeli. Aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

Drei halbe Tage war der Skilift Dicki letzte Saison in Betrieb. Und einmal konnte man Nacht-skifahren. «Es war wunderschön und begann erst so gegen zehn zu regnen.» Als Nägeli sich daran erinnert, strahlt sie förmlich. Sie ist diejenige, die meist unten am Lift steht und den Kleinen den Bügel reicht. Sie hofft nun, dass es dieses Jahr ein paar Tage mehr gibt, an denen genug Schnee zum Skifahren liegt.

Es wäre nichts als recht, feiert der kleine Skilift in Weisslingen heuer doch sein 50-Jahr-Jubiläum. Er wurde 1969 von drei Wirten initiiert und wird heute von drei Bauernfamilien betrieben. Claudia und Sämi Nägeli sind seit 23 Jahren dabei und lassen sich durch schneearme Winter nicht entmutigen. Der Lift liegt nur gerade 590 Meter über Meer und führt dreissig Höhenmeter hinauf. Fachleute sagen, dass Skigebiete, die unterhalb von 1200 Metern liegen, heutzutage eigentlich gleich einpacken könnten.

Das tiefstgelegene Skigebiet

Diese Bedingung erfüllt kein einziges Zürcher Skigebiet: Der Skilift Ghöch in Bäretswil führt am höchsten hinauf, nämlich auf 1060 Meter. Noch etwas höher jedoch liegt die Bergstation des Skilifts Oberholz/Farner. Dieser ist zwar über das zürcherische Wald erschlossen, gehört aber bereits zu St. Gallen. Dafür kann der Kanton Zürich mit dem tiefstgelegenen Skigebiet der Schweiz aufwarten: Es gehört der Stadt Dietikon, führt von 460 auf 490 Meter Höhe – und war letztes Jahr keinen einzigen Tag in Betrieb.

«Es gab Zeiten, da haben wir mit dem Skilift sogar ein bisschen etwas verdient», erzählt Margrit Lanz, die zusammen mit ihrem Mann Willi seit 1970 den Skilift in Regensberg betreibt. Das war in den 1970er- und 1980er-Jahren. Einmal sei der Skilift sogar länger als einen Monat in Betrieb gewesen. Dank solchen Jahren konnte das Ehepaar Lanz sogar das Geld abbezahlen, das es aufgenommen hatte, um den Skilift anzuschaffen.

Solidarität im Dorf

Die letzten Jahre war jedoch der kleine Lift im Zürcher Unterland höchstens jeweils ein paar Tage offen. Ob er dieses Jahr überhaupt in Betrieb geht, steht in den Sternen. «Sicher wäre es die letzte Saison», sagt Margrit Lanz. Sie tönt traurig. «Wir haben sehr schöne Zeiten mit unserem Lift erlebt.» Doch jetzt sei ihr Mann über achtzig, und es lohne sich nicht, die ganze Mühe auf sich zu nehmen für bestenfalls ein paar Tage Skizirkus.

Auch in Weisslingen war eine Weile lang unklar, ob der Lift weiter betrieben werden kann, denn es standen grössere Investitionen an. Der Motor und die Steuerung mussten erneuert werden. Doch als das Gerücht die Runde machte, dass der Lift eventuell aufgegeben werde, stand das ganze Dorf zusammen. Ohne dass sie betteln mussten, spendeten manche Bewohnerinnen und Bewohner teilweise happige Beträge für die Reparatur. Und für den Fasnachtsumzug wurde ein Lift gebastelt und ein Spendenkässeli mitgeführt. Die Solidarität im Dorf sei überwältigend gewesen, sagt Claudia Nägeli. Und sie erzählt stolz: «Jetzt ist unser Lift wieder fast wie neu – nur das Seil muss gelegentlich noch ersetzt werden.»

Strahlende Kinderaugen

Sämi Nägeli ist bereit für die Präparation der Piste. In den etwas grösseren Zürcher Skigebieten erfolgt dies mit richtigen Pistenfahrzeugen. So hat der Verein, der den Skilift Ghöch in Bäretswil betreibt, diesen Sommer seinen 28 Jahre alten Oldtimer ersetzt und für 50000 Franken ein Occasionsmodell angeschafft. Auch die Skilift AG Fischenthal hat für den Skilift Oberegg kürzlich in ein moderneres Pistenfahrzeug investiert. Da dieses Fahrzeug leichter ist als das alte, können die Pisten bei niedrigerer Schneemenge als bisher präpariert werden. Normalerweise braucht es eine Schneedecke von mindestens 20 Zentimetern.

Sämi Nägeli hingegen macht es mit seinem Traktor. Kürzlich hat er eine gebrauchte Loipenwalze gekauft. Die will er nun an den Traktor hängen und schauen, ob das etwas bringt.

Rentiert denn der Lift manchmal? «Ach woher», sagt Claudia Nägeli. Die Belohnung seien die strahlenden Kinder, die hier ihre ersten Skiversuche machen. Oder der Stolz in den Augen eines Knirpses, wenn er es geschafft habe, sich mit dem Lift bis ganz nach oben ziehen zu lassen, und dann sturzfrei runterkomme. «Da wird es mir richtig warm ums Herz.»

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