Warum so kleinmütig, Zürich?

Alfred Eschers Zürich prägte die moderne Schweiz. Heute ist sich der Kanton selbst gut genug. Aufbruchstimmung? Fehlanzeige.

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16-Stunden-Tage, 7-Tage-Wochen, keine Ferien: Alfred Escher hätte es locker mit den rastlosen Managern unserer Zeit aufnehmen können. Schon um 6 Uhr morgens bestieg der radikal-liberale Wirtschaftspionier, Regierungs- und Nationalrat vor dem herrschaftlichen Wohnsitz Belvoir in Zürich-Enge die Kutsche, beugte sich noch auf der holprigen Fahrt zur Arbeit über die Dossiers. Ungnädig mit sich und den anderen war dieser Escher: «In meinem Kanton Zürich haben Faulenzer keinen Platz!»

Heute, exakt 200 Jahre nach Eschers Geburt, ist Zürich immer noch voller Chrampfer. Sein Gründergeist (Crédit Suisse, Gotthardtunnel, ETH) und sein zügelloses Arbeitsethos leben weiter. Jedenfalls gilt das für grosse Teile der Wirtschaft und Gesellschaft. In der Politik sieht es etwas anders aus. Auf diesem Feld ist das Fazit ernüchternd: Die Zürcherinnen und Zürcher sind sich inzwischen selbst gut genug.

Visionäre Ideen für einen Kanton mit bald 300'000 zusätzlichen Einwohnern fehlen. Vom Anspruch, in der eidgenössischen Politik ein zentraler Impulsgeber zu sein, keine Spur. Dienstbotenhaft beschränkt man sich auf die zugeteilten Geschäfte. Lieber versteift man sich auf Aufgaben minderer Bedeutung, als über die grossen Fragen der Gegenwart zu streiten. Harmonie scheint wichtiger als die Zukunft.

Grosses bewirken, die Zukunft gestalten kann man nur mit etwas Radikalität. Zürich braucht mehr davon.

Bestens beobachten lässt sich das derzeit im Zürcher Wahlkampf: Die Bürgerlichen klopfen sich gegenseitig auf die Schultern. Statt auf Inhalte und Debatten setzt die Allianz aus SVP, FDP und CVP auf ein wohliges Grundgefühl: «Zürich geht es gut.» Keine Ambitionen zeigen auch die Grünen und Grünliberalen: Wer Kandidaten aus der zweiten Reihe aufstellt, will nicht wirklich mitregieren. Die SP ist schon froh, wenn Sicherheitsdirektor Mario Fehr auf Flyern nicht mit den Bürgerlichen posiert. Alfred Escher würde auf dem Zürcher Bahnhofplatz vom Denkmalsockel fallen, müsste er diesem kraftlosen Treiben zusehen.

Natürlich ist es vermessen, die komplexe Realität heute mit der damaligen Zeit zu vergleichen. Escher profitierte von einmaligen Umständen: Seine Liberalen hatten die Macht, der junge Bundesstaat entfaltete sich erst zaghaft, auch der «Anti-Züri-Reflex» spielte in Bern nicht gleichermassen. Escher konnte Mitte des 19. Jahrhunderts also praktisch ungehindert den Aufbau der modernen Schweiz vorantreiben. Weder Rekurse noch Referenden hielten ihn davon ab.

Schon aus purem Eigeninteresse sollte sich Zürich aber auch heute noch viel kraftvoller auf Bundesebene einbringen. Zum Beispiel beim Europa-Dossier: Als bevölkerungs- und wirtschaftsstärkster Kanton der Schweiz wäre Zürich wie kein zweiter vom Rahmenabkommen mit der EU betroffen. Trotzdem traut sich die Regierung da keine eigenständige Meinung zu. Man will sich in den nächsten Wochen nur kleinlaut «im Rahmen der Konsultation der Kantone» äussern. Da war die Exekutive 2006 noch mutiger: Sie gab in einem Europa-Bericht Leitlinien vor und bekräftigte ihre EU-freundliche Haltung. Man dachte gar laut über eine zürcherische Vertretung in Brüssel nach.

Zürcher Geldhäuser international im Hintertreffen

Mehr einmischen muss sich Zürich in Bern auch bei der Verkehrszukunft. Für die zwei wichtigsten kantonalen Bahnvorhaben lobbyierte der Regierungsrat zwar erfolgreich; mit dem Brüttener Tunnel und dem Ausbau des Bahnhofs Stadelhofen können wenigstens die eklatantesten Engpässe im hiesigen Schienennetz behoben werden.

Will Zürich als einer der stärksten Wirtschaftsräume Europas aber weiterhin prosperieren, ist auch der Flughafen zentral. Der Bund reisst hier die Initiative an sich. Zürich wehrt sich kaum. Infrastruktur-Pionier Escher hätte das nicht mit sich machen lassen.

Und was ist mit Eschers Bankenplatz los? Die Zürcher Geldhäuser lahmen auf dem Aktienmarkt, suchen verzweifelt neue Geschäftsmodelle, bauen Jobs ab, statt neue zu schaffen. International sind sie längst weit ins Hintertreffen geraten. Die Finanzkrise und der Steuerstreit mit den USA haben gezeigt, wie verwundbar die einst dominierende Branche ist.

Gesunde Finanzen nur dank etwas Glück

Die Bankenschwäche schlug sich auch bei den Steuerämtern nieder. Dass die Staatsfinanzen trotzdem gesund sind, hat mehr mit Glück als mit vorausschauendem Handeln zu tun. Zürich muss sich darüber klar werden, wo die Wertschöpfungstreiber der Zukunft liegen. Im digitalen Wandel muss der Kanton den Anspruch haben, eine Führungsrolle zu übernehmen.

«Das Beste am Leben ist ja doch Arbeit, Mühe und Anstrengung», zitiert der grossartige Biograf Joseph Jung den unermüdlichen Escher. Grosses bewirken, Zukunft gestalten kann man aber nur mit etwas Radikalität. Zürich braucht mehr davon.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.02.2019, 08:42 Uhr

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