Was Glarners Klick für eine junge Lehrerin bedeutet

Die Zürcher Lehrerin, die SVP-Nationalrat Andreas Glarner auf Facebook zur Zielscheibe machte, hat erst gerade ihr Diplom erhalten. Jetzt sieht sie ihre Klasse vorerst nicht mehr.

Nicht mehr zu brauchen: Auf dem Handy klingelte es dauernd wegen unbekannten Anrufern.

Nicht mehr zu brauchen: Auf dem Handy klingelte es dauernd wegen unbekannten Anrufern. Bild: Keystone

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Es ist noch kein Jahr her, dass sich Viola Russo* erstmals vor eine eigene Schulklasse stellte. Als sie in die Gesichter dieser 7-jährigen Kinder schaute, wird ihr vieles durch den Kopf gegangen sein, nur nicht Politik, Rechtsanwälte und das Strafgesetzbuch. All das aber ist seit Dienstag die Realität der jungen Primarlehrerin, die erst im März ihr Diplom erhalten hat. Ihre Klasse sieht sie frühestens nach Pfingsten wieder. Zuletzt sprangen Kolleginnen ein, um sie zu entlasten.

Dienstag war der Tag, als der SVP-Nationalrat Andreas Glarner während der Session in Bern entschied, das auf Russo loszulassen, was man Neudeutsch einen Shitstorm nennt: Er publizierte auf Facebook ihre Handynummer, damit man ihr die Meinung sagen könne, weil sie in einem Elternbrief auf die Regel hingewiesen hatte, dass muslimische Kinder an hohen Feiertagen freinehmen dürfen. Und dieser Elternbrief war Glarner zugespielt worden.

Die Telefonnummer ist unbrauchbar

Dass Russo ein Zufallsopfer ist, war ihm nach eigenem Bekunden «egal». Dass er sich mit Kritik – wenn schon – an die Zürcher Bildungsdirektion wenden müsste: kein Thema. Ganz zu schweigen davon, dass es in seinem eigenen Kanton, dem Aargau, eine ähnliche Regel gibt, obwohl dort sein Parteikollege Alex Hürzeler dem Bildungsdepartement vorsteht.

Russos Handynummer, eigentlich für den Kontakt mit den Eltern gedacht, ist seither nicht mehr zu gebrauchen. Nicht nur wegen gehässiger Anrufe, die auch nach zwei Tagen noch nicht abrissen. Die Nummer hat im Internet die Runde gemacht und taucht jetzt auch in irreführenden Zusammenhängen auf, die mit Schule nichts zu tun haben. Das könnte daran liegen, dass Glarner im Facebook-Eintrag Name und Nummer nach einer Intervention der Stadtzürcher Schulbehörden zwar zensierte, aber so nachlässig, dass sie mit einem einzigen Klick auf frühere Versionen weiterhin sichtbar wird.

«Man muss sorgfältig vorgehen, damit die Sache nicht wie in früheren Fällen ohne Folgen versandet.»Roberto Rodriguez (SP),
Schulpräsident

Auch Russos Mailadresse wird weiterhin eingedeckt mit bösen Zuschriften. Diese zielen zum Teil auf ihre Person: Es sei eine Zumutung, dass Leute wie sie überhaupt Schule geben dürften. Russo ist, ihr Name verrät es, eine Seconda. Auch auf dem Schulsekretariat klingelt es nach wie vor immer wieder – dabei hätte man dort Wichtigeres zu tun, als sich die Vorwürfe von «Wutbürgern» anzuhören, wie Schulpräsident Roberto Rodriguez (SP) sagt.

Probleme für die Schule

Er spricht von einem Dilemma, weil die Schule zwar die Kommunikationskanäle für die Eltern offen lassen will, aber dadurch eine nachhaltige Betriebsstörung in Kauf nehmen muss. Kritische Meldungen sei man gewohnt, aber nicht in dieser Menge. «Die Angelegenheit zieht ihre Kreise, der Aufwand ist enorm.»

All das kostet nicht nur Nerven, sondern auch Geld. Auch das ein möglicher Grund, weshalb der Facebook-Eintrag für Glarner ein rechtliches Nachspiel haben könnte. Bereits bekannt ist, dass die Lehrerin mit Unterstützung eines Rechtsbeistands des Volksschulamts gegen den Nationalrat vorgehen will. Aber auch die betroffene Schulbehörde prüft die juristischen Möglichkeiten. Denkbar sind zivil- wie strafrechtliche Ansätze. Man müsse sorgfältig vorgehen, sagt Schulpräsident Rodriguez, damit die Sache nicht wie in früheren Fällen ohne Folgen versande.

Unmut auch bei SVP-Politikern

Als Glarner vor einem Jahr eine Klassenliste aus Dübendorf mit den Namen ausländischer Kinder auf Facebook veröffentlichte, löste dies zwar ebenfalls Entrüstung aus, aber rechtliche Schritte blieben laut der Schulpräsidentin Susanne Hänni (GLP) aus. Die betroffenen Eltern hätten die Sache auf sich beruhen lassen wollen, auch wenn sie unschön gewesen sei. «Rechtsfälle kosten nicht nur viel, sondern binden immer auch Ressourcen und Zeit», sagt sie. «Wir wollten unsere Energie und Aufmerksamkeit nach dem Zwischenfall wieder für Positiveres einsetzen.»

«Wir wollten unsere Energie und Aufmerksamkeit nach dem Zwischenfall wieder für Positiveres einsetzen.»Susanne Hänni (GLP),
Schulpräsidentin Dübendorf

Im aktuellen Fall finden dem Vernehmen nach auch SVP-intern viele Glarners Vorgehen daneben – nicht zuletzt, weil man der Ansicht ist, dass er damit einer grundsätzlich legitimen Kritik einen Bärendienst erweist. Öffentlich äussern sich aber nur wenige. Einer davon ist Marco Kiefer, der für die Partei in der Stadtzürcher Kreisschulbehörde Glattal sitzt. Er schrieb auf Twitter: «Auch als SVPler verurteile ich solche Aktionen!» Russo habe lediglich kommuniziert, was in der kantonalen Verordnung stehe. Und Nationalrat Claudio Zanetti fand, ebenfalls auf Twitter, einen eleganten Weg, seine Meinung zum Fall nicht kundzutun und dennoch etwas zu sagen: «Es gibt bekanntlich Dinge, über die des Sängers Höflichkeit schweigt.»

* Name geändert

Erstellt: 07.06.2019, 13:28 Uhr

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