Was macht der Züri-«Tatort» im Zunfthaus?

Mord im Zünfter-Milieu? Am Montag sind für den neuen «Tatort» Szenen im Haus zur Saffran abgedreht worden.

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Scheinwerfer, TV-Equipment, Absperrband, Geldtransporter: Am Limmatquai läuft an diesem Montagmorgen nicht nur im Rathaus ein (Budget-)Krimi, sondern auch auf der anderen Strassenseite. Das Zunfthaus zur Saffran ist offensichtlich ein Tatort. Oder zumindest ein Film-Ort. Da wird für den ersten Züri-«Tatort» gedreht, der im Herbst 2020 im Fernsehen kommt – und im Gegensatz zur Luzerner Ausgabe mit dem neuen Kommissarinnen-Duo Anna Pieri Zuercher und Carol Schuler hoffentlich auch das deutsche Publikum begeistern wird.

Gehts um eine Wasserleiche in der Limmat? Mord im Zünfter-Milieu? Was ist mit dem Geldtransporter? Spielt auch der wenig kamerascheue Sicherheitsdirektor Mario Fehr (SP) eine Rolle? Oder Kapo-Kommandant Thomas Würgler, der am Nachmittag mit Fehr am Filmset auftauchte? Alles top secret.

Unsicher ist auch, ob Stadtpräsidentin Corine Mauch (SP) eine Rolle erhält. Sicher hingegen ist ein anderer Auftritt von ihr: Mauch wird als Initiantin fürs Ausländerstimmrecht die Sicht des Stadtrats im Kantonsparlament vertreten: Die Sondererlaubnis erhielt sie mit 107 von 155 Stimmen.

Neukom: Erfinder eines Messgeräts

Im Scheinwerferlicht stand am Freitagabend Baudirektor Martin Neukom (Grüne). Für seine Arbeit «Comprehensive Characterization and Modelling of Operation Mechanisms in Third Generation Solar Cells» hatte er die Doktorwürde in Naturwissenschaften erlangt, was mit 70 Gästen in Winterthur gefeiert wurde. In der Arbeit gehts um Materialforschung: Neukom hat die Physik von Solarzellen mathematisch beschrieben und ein Messgerät erfunden.

Vom einstündigen Vortrag des frisch gekürten Dr. rer. nat Neukom hat die grüne Fraktionschefin Esther Guyer «höchstens die Hälfte» verstanden, sagt sie. Als Politikerin hat sie aber den Kern der Botschaft erfasst: «In Sachen Solarenergie ist noch viel mehr möglich.» Speziell an der Doktorarbeit ist, dass Neukom einen Teil als Regierungsrat geschrieben hat. Kurz nach der überraschenden Wahl Ende März hat er angefangen zu schreiben «wie ein Irrer», wie er sagt. «Jetzt oder nie» war das Motto.

Gleichzeitig las er sich – wohl als Bettlektüre – in die Dossiers der grossen Baudirektion ein, ab Mai war er Regierungsmitglied. Die Sommerferien musste er opfern, Neukom gab seinen Text im August ab. Die Verteidigung der Arbeit an der Uni Augsburg verlegte er in die Herbstferien. Dass Neukom so doll gefeiert hat, dass er heute Montag im Kantonsrat fehlte, ist natürlich nur ein böses Gerücht. Sicher ist aber, dass sich der Grippekranke – «trotz Impfung», wie er betont – auf die ersten Ferien seit einem Jahr freut.

Pionierin Silvia Steiner

Neukom ist der zweite «Dr.» in der aktuellen Regierung, aber nicht der erste, der die Dissertation «on the job» geschrieben hat. Bildungsdirektorin Silvia Steiner (CVP) ackerte als damalige Vollzeit-Chefin der Kripo Zug am Abend Polizeidaten durch und schleppte an den Samstagen Migrossäcke voller Bücher zwischen ihrem Zuhause und der Zentralbibliothek hin und her, um ihre Arbeit zu beenden, Titel: «Häusliche Gewalt, Erscheinungsformen, Ausmass und polizeiliche Bewältigungsstrategien in der Stadt Zürich 1999-2001».

Steiner leistete Pionierarbeit, die später in alle Polizeikorps der Schweiz Eingang fand. Damals gab es noch kein Gewaltschutzgesetz, die Datenlage zu häuslicher Gewalt war dürftig. Über 900 Fälle von rund 700 (meist männlichen) Tätern aus ihrer Zeit als Kripo-Chefin der Stadtpolizei Zürich hat Steiner analysiert und die Erkenntnis gewonnen, dass man anhand von Daten aus Polizeirapporten ein halbes Dutzend Risikofaktoren wie Waffenbesitz oder Drogenmissbrauch definieren kann. Und wenn Polizisten auf dem Weg zu einem Einsatz von der Zentrale entsprechend instruiert werden, können sie adäquat vorgehen. Es wurde das Einsatzstichwort «häusliche Gewalt» eingeführt. Dieses ersetzte den alten Begriff «Männergewalt», der bei den männlichen Polizisten wenig Akzeptanz genoss.

Das Ergebnis von Steiners Diss ist heute Allgemeingut, nämlich dass sich Polizeieinsätze wegen häuslicher Gewalt lohnen: «Ein Grossteil der Täter ist interventionsempfindlich», hat Steiner herausgefunden. Anders ausgedrückt: Zwei von drei fallen später nicht mehr auf, weil ihnen die Fahrt im Kastenwagen und die Einvernahme bei der Polizei Eindruck gemacht haben. «Ermitteln statt vermitteln» war ein Paradigmenwechsel, der in Polizeikreisen gar den Übernamen «Modell Steiner» erhielt. Zuvor waren die (meist weiblichen) Opfer ins Frauenhaus gebracht worden, während die Männer in der Wohnung blieben. Die Juristin Silvia Steiner ist nun aber nicht Dr. iur., sondern Dr. crim. Damals konnte man Kriminologie in Zürich noch nicht im Hauptfach abschliessen, weshalb Steiner in Lausanne bei Professor Martin Killias doktorierte.

Jacqueline Fehr: Master trotz Doppelmandat

Streng hatte es auch Jacqueline Fehr (SP), die zwar nicht den «Tokter», aber das Executive Master of Public Administration (MPA) an der Uni Bern gemacht hat. Sie war im Frühling 2015 in die Regierung gewählt worden und arbeitete sich als Justizdirektorin ein. Ihre 60-seitige Abschlussarbeit schrieb sie in den Sommerferien, büffelte danach für die Prüfung, welche sie im Oktober absolvierte – und das alles im Doppelmandat, weil Fehr zum Ärger von Listen-Ersatzfrau Julia Gerber Rüegg bis Ende Legislatur im Dezember im Nationalrat blieb. Fehrs Master-Arbeit handelt von Krisenkommunikation.

Auch nicht dissertiert hat Mario Fehr, dafür sein Jus-Lizentiat «summa cum laude» abgeschlossen. Ebenfalls keinen «Dr.» hat Juristin Carmen Walker Späh (FDP). Die Volkswirtschaftsdirektorin hat aber die noch höhere Hürde berufsbegleitend gemeistert. Das Anwaltspatent erlangte Walker Späh, während sie zu 100 Prozent beim Baurekursgericht und danach als Stellvertretende Amtsleiterin der Winterthurer Baupolizei angestellt war.

Erstellt: 09.12.2019, 18:28 Uhr

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