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Was passierte vor zwanzig Jahren im Wald?

Hat ein heute 70-Jähriger aus dem Bezirk Meilen damals eine 7-jährige Schülerin vergewaltigt? Er selbst hat eine ganz andere Vermutung.

Hier fand der Prozess statt: Das Bezirksgericht in Meilen.
Hier fand der Prozess statt: Das Bezirksgericht in Meilen.
Walter Bieri, Keystone

Die Vorwürfe wiegen schwer, und die Folgen für den Mann wären es ebenso: Er, im 71. Lebensjahr stehend, müsste für fünf Jahre ins Gefängnis. Wenn denn das Bezirksgericht Meilen ihn der mehrfachen sexuellen Handlung mit einem Kind, der mehrfachen sexuellen Nötigung und der Vergewaltigung schuldig sprechen und ihn im Sinne des Strafantrags der Staatsanwältin bestrafen würde.

Noch bevor das Gericht über das Urteil die Beratung aufnimmt, sagte der Mann heute Morgen zum Abschluss seines Prozesses: «Ich gehe mit reinem Gewissen aus diesem Gerichtssaal.» Denn was das mutmassliche Opfer den Strafverfolgungsbehörden erzählte, nennt er «eine gute Geschichte», die aber mit ihm nicht das Geringste zu tun habe.

Vom Blut rot verfärbter Schnee

Vor gut zwanzig Jahren, so der massivste Vorwurf, soll der Mann im Bezirk Meilen ein siebenjähriges Nachbarsmädchen in den Wald gelockt, dort massiv sexuell bedrängt und schliesslich auch vergewaltigt haben. Als sie vor Schmerzen geschrien habe, habe er ihr mit der Hand den Mund zugehalten. «Als der Beschuldigte schliesslich von der Geschädigten abliess, wies er sie an, sich mit dem herumliegenden Schnee abzuwischen, wobei der Schnee durch das Blut rot verfärbt war», heisst es in der Anklageschrift.

In den folgenden rund zwölf Monaten, so der weitere Vorwurf, soll es darüber hinaus zu etwa zehn Übergriffen gekommen sein. Er verschleppte die Schülerin jeweils in den gleichen Wald, wo er sie an den Geschlechtsteilen berührte und ihre Hände an den Penis führte. Anschliessend habe er das Mädchen angewiesen, über das Vorgefallene zu schweigen, sonst werde er mit ihrer Schwester dasselbe oder noch viel Schlimmeres machen.

Verdrängt, aber nicht vergessen

Das Bezirksgericht wollte sich von der inzwischen erwachsenen Frau noch einmal schildern lassen, was sich damals vor gut zwanzig Jahren ereignete. Doch die Frau war dazu nicht in der Lage, sondern brach in Tränen aus. Sie bestätigte ihre bei der Polizei und der Staatsanwaltschaft gemachten Angaben. Die Anzeige hatte eine Berner Opferhilfestelle im Sommer 2014 eingereicht.

Die Frau, die aus Gründen des Opferschutzes nicht näher beschrieben werden soll, schilderte, wie im Rahmen einer Traumatherapie immer mehr Bilder auftauchten. «Zuerst Bilder des Waldes», dann immer mehr Bruchstücke. Alles sei hochgekommen. «Ich hatte es so lange verdrängt, aber nicht vergessen.»

Ein Racheakt der Tante

Der 70-Jährige, der engagiert und sichtlich gut vorbereitet die Fragen des Gerichts beantwortete, hatte eine ganz andere Geschichte parat. Diese kann zur Wahrung der schutzwürdigen Persönlichkeitsinteressen der Beteiligten nicht in allen Details dargestellt werden. Das Gericht wird im Rahmen seiner Urteilsberatung über deren Plausibilität zu entscheiden haben.

Laut dem Beschuldigten sind die Vorwürfe ein Racheakt der Tante des mutmasslichen Opfers. Warum das? Die Tante war während gut zehn Jahren die heimliche Geliebte des 70-Jährigen. Am Schluss reichte die Tante gegen ihn eine Strafanzeige ein: Sie sei von ihm in all den Jahren sexuell genötigt und vergewaltigt worden.

Den Vorwurf, so der Mann, habe die Frau erfunden, nachdem ihr klar geworden sei, dass er seine Frau nicht verlasse und sie nicht ihre Stelle einnehmen könne. Schliesslich habe die Tante dann auch noch zur Kenntnis nehmen müssen, dass ihre Vorwürfe ohnehin strafrechtlich verjährt waren. Nun wolle sie ihm über ihre Nichte schaden. Mit ihrer Aussage, vom Mann missbraucht worden zu sein, habe die Tante «die psychisch äusserst labile Nichte», das mutmassliche Opfer, beeinflusst und für ihre eigenen Ziele eingespannt.

Von Geheimnissen und einer toten Schwester

Aber es geht noch weiter. Der 70-Jährige wunderte sich, dass die Grossmutter des mutmasslichen Opfers «aus dem Schussfeld genommen» wurde, mit anderen Worten: nicht befragt wurde. Denn «sie weiss, was gegangen ist». Sie kenne auch den Täter. Was der Beschuldigte damit meinte, blieb unklar respektive führte möglicherweise in eine ganz andere Richtung. Denn die Verteidigerin des Mannes wies darauf hin, dass der Grossvater des mutmasslichen Opfers seine Töchter, darunter auch die Tante, missbraucht habe.

Und dann war da auch noch die jüngere Schwester des mutmasslichen Opfers. Diese Schwester, so der 70-Jährige, habe jemandem erzählt, sie habe ein Geheimnis, über das sie nicht spreche dürfe. Dieses Geheimnis sei die Lösung des Falles, sagte der Beschuldigte. Es sei aber von ihr, die in dem teilweise von Gewalt geprägten Elternhaus unter den gleichen Belastungen wie ihre Schwester gelitten habe, mit ins Grab genommen worden.

Wann das Bezirksgericht Meilen sein Urteil veröffentlichen wird, ist noch nicht bekannt.

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