So entscheidet der Gutachter, wer eine Waffe kriegt

Psychologe Kenan Alkan-Mewes erklärt, welche Fälle häufig bei ihm landen. Und wann Schusswaffen eingezogen werden.

Von rund 30 Gutachten, die Psychologe Kenan Alkan-Mewes pro Jahr aus­stellt, sind zwei Drittel negativ. Foto: Keystone

Von rund 30 Gutachten, die Psychologe Kenan Alkan-Mewes pro Jahr aus­stellt, sind zwei Drittel negativ. Foto: Keystone

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Ein 70-Jähriger hortete in seinem Keller Dutzende Pistolen, Karabiner und Kaninchentöter. Nach einem Zwischenfall im Jahr 2017 schritt die Polizei ein und beschlagnahmte seine Waffen – der Rentner hatte psychische Probleme (zum Bericht). Solche Fälle landen bei Kenan Alkan-Mewes. Er ist Fachpsychologe für waffenrechtliche Gutachten und bestimmt, wann bewilligungspflichtige Waffen eingezogen werden.

Im Kanton Zürich werden immer häufiger Waffen beschlagnahmt. Sie beurteilen, ob jemand psychisch genügend gesund ist, um eine zu besitzen. Wie gehen Sie vor?
Ein Gutachten beruht immer auf den Akten der Behörde, einem Gespräch mit der Person und psychologischen Tests. Manchmal spreche ich auch mit dem Hausarzt oder Familienmitgliedern. Die Untersuchung dauert zwischen zwei und vier Stunden.

Was wollen Sie erfahren?
Ich will den Menschen kennen lernen: Wo steht er beruflich? Wie sieht seine Partnerschaft aus? Gibt es Vorstrafen? Ich schaue mir auch an, wie jemand spricht, wie er auftritt, welchen Eindruck er hinterlässt. Sind seine Aussagen schlüssig?

Was sind typische Fälle?
Oft kommen junge Männer zu mir, die keine Lust auf den Militärdienst hatten, sich untauglich schreiben liessen und später finden, sie möchten eine Waffe für den Schiessstand. Bevor sie einen Erwerbsschein erhalten, müssen sie sich begutachten lassen. Vielfach befrage ich auch Waffen­besitzer, deren Waffen wegen Tätlichkeiten oder Drogendelikten beschlagnahmt wurden.

Welche Rolle spielt dabei ­häusliche Gewalt?
Einige meiner sogenannten Exploranden haben eine Vorgeschichte mit häuslicher Gewalt. Die Behörden ziehen dann vorsorglich die Waffen ein. Im Gespräch finden diese Personen nicht selten, es wurde übertrieben. Die Nachbarin habe die Polizei gerufen, obwohl es ein ganz normaler Streit gewesen sei.

Alkan-Mewes stellt in der ganzen Deutschschweiz Gutachten aus und hat mehrfach zum Thema publiziert. Foto: PD

In solchen Fällen dürfte die Prognose kaum positiv sein.
Das ist so. Von den rund 30 Gutachten, die ich pro Jahr aus­stelle, sind zwei Drittel negativ. Es gibt Hinweise auf Selbst- oder Fremdgefährdung.

Sind die Hürden hoch, um Waffen wegzunehmen?
Wenn man von jemandem weiss, der Frau und Kinder schlägt, glaube ich nicht, dass die Polizei das Risiko eingehen will, dass es in diesem Haushalt Waffen gibt.

Was ist, wenn Sie ein positives Gutachten ausstellen und diese Person in zwei Monaten wild um sich schiesst?
Diese Frage stelle ich mir jedes Mal. Wenn ich wissenschaftlich, transparent und ethisch korrekt gearbeitet habe, habe ich alles Mögliche getan. Ein Restrisiko bleibt. Es kann sein, dass die Person nach meinem Gutachten eine psychische Störung entwickelt.

Jeder kann eine Waffe erwerben, der über 18 Jahre alt ist und nicht straffällig wurde. Werden Waffenerwerbsscheine zu schnell ausgestellt?
Die kantonalen Waffenbüros arbeiten sehr gewissenhaft. Ihre Mitarbeitenden wissen, wo sie hinschauen müssen. Generell wird in der Schweiz jeder Waffenbesitzer, der einmal auffällig wurde, sehr genau beobachtet.

Die Heimlagerung von Armeewaffen ist oft in der Kritik. Eine Mehrheit der Suizide wird mit ihnen begangen.
Ist jemand depressiv, heisst das noch nicht, dass diese Person keine Waffe besitzen sollte. Schliesslich liegt die Verantwortung beim Einzelnen. Aber die Statistiken sind klar: Bei Depressionen erhöhen Waffen im Haushalt das Risiko eines Schusswaffensuizids um das Zehnfache.

Trotzdem lehnte das Volk eine Initiative ab, die eine Heim­lagerung von Armee­waffen verbieten wollte.
Die Schweizer haben ein sehr inniges Verhältnis zu ihren Waffen. Zu Recht – es gibt eine lange Tradition. Grundsätzlich ist das eine tolle Freiheit, und das System funktioniert. Die wenigen Ausnahmen müssen einfach konsequent gefunden werden.

Erstellt: 13.01.2020, 23:29 Uhr

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