Das Limmattal bekommt wider Willen eine Bahn

Die Limmattalbahn kann gebaut werden. Das Stimmvolk hat sich mit 64 Prozent Ja-Stimmen dafür ausgesprochen. Der betroffene Bezirk aber lehnte das Vorhaben ab.

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Die Limmattalbahn wird klar angenommen. Das kantonale Stimmvolk hat dem Projekt mit 64,45 Prozent zugestimmt. Der Bezirk aber lehnt die Bahn mit einem Nein-Stimmen-Anteil von 54 Prozent ab. Im Bezirkshauptort Dietikon stimmten nur gerade 36 Prozent zu. In der Stadt Zürich war die Zustimmung mit 72,69 Prozent am höchsten. Die Stimmbeteiligung liegt bei 40 Prozent.

Die Limmattalbahn (LTB) soll das Verkehrsregime in der boomenden Region zwischen Zürich Altstetten und Spreitenbach AG neu aufgleisen. Abgestimmt wurde über einen 510-Millionen-Kredit für ein schnelles Tram und über 136 Millionen für Anpassungen am Strassennetz.

Historischer Tag für Limmattal

Volkswirtschaftsdirektorin Carmen Walker Späh (FDP) sprach von einem «historischen Tag für das Limmattal» – auch wenn das dort noch nicht alle so wahrnehmen würden. Auch sei es beispielhaft, wie im Kanton Zürich Projekte des öffentlichen Verkehrs immer wieder auf eine breite Zustimmung treffe.

Die neue Verkehrslösung garantiere dieser wachsenden Region eine nachhaltige positive Entwicklung, was Lebensqualität und Wertschöpfung betreffe. Baubeginn könne bereits Anfang 2017 sein, die ganze Strecke sei voraussichtlich 2022 befahrbar.

Triumph mit Wermutstropfen

Hans Egloff, SVP-Nationalrat und Co-Präsident des befürwortenden Komitees, spricht von einem «Wermutstropfen», dass die Region nicht zugestimmt habe. Das Gesamtresultat sei aber mit klar über sechzig Prozent Ja-Stimmen äusserst deutlich. «Das ist hocherfreulich.» Und er ist überzeugt, dass die Region die Bahn nicht mehr hergeben wolle, wenn sie dann mal rollt.

Christian Meier, Präsident des Referendums-Komitees, spricht von einem «schwarzen Tag für das Limmattal». Man habe der Region eine Bahn aufgezwungen. Er erwartet nun aber von den Behörden, dass dort, wo noch Spielraum bestehe, die ablehnende Haltung der betroffenen Gemeinden berücksichtigt werde. «Insbesondere sollen die Anpassungen im Strassenraum vorgezogen werden», verlangt Meier.

Befürchtungen aus dem Weg schaffen

Im Kantonsrat wurde das Projekt überaus deutlich gutgeheissen, und auch die Exekutivmitglieder der Limmattaler Gemeinden befürworten das Projekt. Doch formierte sich in der Region eine lautstarke Opposition. Sie richtete sich grundsätzlich gegen das Wachstum und wollte lieber die Strassen ausbauen.

Der Schlieremer Stadtpräsident Toni Brühlmann (SP) ist nicht überrascht darüber, dass sich die spürbare Skepsis in seiner Gemeinde nun auch in einem ablehnenden Resultat manifestiert. Schlieren lehnte mit 57 Prozent Nein-Stimmen-Anteil ab. «Wir werden bei der Konkretisierung diese Befürchtungen so gut wie möglich aus dem Weg schaffen.» Er ist aber froh, dass das Resultat insgesamt so klar ausfiel. «Unsere ganze Planung ist auf diese Bahn ausgerichtet.»

Überzeugungsarbeit nötig

Laut Dietikons Stadtpräsident Otto Müller (FDP) ist es nicht gelungen, die Notwendigkeit dieser Stadtbahn für die Region zu vermitteln. «Viele haben das Projekt nur auf den persönlichen Nutzen hin geprüft.» Nun müsse die Kommunikation und die Überzeugungsarbeit noch verstärkt werden. «Für die Dietikerinnen und Dietiker sollten möglichst schnell die Vorteile der Bahn sichtbar werden.»

Die Limmattalbahn soll verhindern, dass die stark wachsende Region im Verkehr versinkt. Die Raumentwicklungsstrategie des Bundes sieht vor, dass in dieser Region ein Wachstum nach Innen stattfinden soll, um damit der Zersiedlung entgegen zu wirken. Der Bund beteiligt sich an der Finanzierung im Rahmen der Agglomerationsstrategie mit voraussichtlich 35 Prozent der Kosten.

Auch Schwamendingen wollte Tram nicht

Auch bei der Abstimmung über die Glattalbahn im Februar 2003 war die Zustimmung in den direkt betroffenen Gemeinden vielfach weniger deutlich als im kantonalen Schnitt. Das Stimmvolk nahm den damaligen Rahmenkredit über 555 Millionen Franken mit 66,6 Prozent Ja-Stimmen an. Im Bezirk Dielsdorf betrug der Ja-Stimmen-Anteil 57,6 Prozent. Alle betroffenen Gemeinden haben damals Ja gesagt.

Und in Schwamendingen wurde die Tramverlängerung 1978 in einer ersten Abstimmung mit sechzig Prozent abgelehnt, was zur Volksinitiative «Züri-Tram nöd eso» führte. Über sie wurde am 8. Juni 1980 abgestimmt: Die Stadt Zürich lehnte die Initiative mit 67,4 Stimmenprozent ab, auch in Schwamendingen scheiterte sie knapp. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 22.11.2015, 12:01 Uhr

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