«Wen interessiert es, ob das Polizist Hofer war?»

In Zürich kritisiert der Stadtrat öffentlich den Polizeieinsatz an einer Demo. Max Hofmann vom Polizistenverband über Fehler und die Grenzen der Transparenz.

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Herr Hofmann, ist es üblich, dass die politische Führung Fehler der Polizei öffentlich eingesteht und sie bedauert wie gerade in Zürich?
Das hängt sicher stark von der politischen Führung ab. Grundsätzlich gibt es aber seit 15 Jahren einen Trend hin zu höchstmöglicher Transparenz bei Polizei und Justiz. Ab und zu verfehlt man dabei das Ziel ein wenig – so viel kann man sicher sagen.

Wann wird es problematisch?
Es kam schon vor, dass man vor lauter Transparenz polizeitaktische Massnahmen bekannt gegeben hat. Das ist sicher nicht im Sinne der Sache. Es kann sogar gefährlich werden.

Inwiefern?
Man muss die Gegenseite nicht informieren, wie die Polizei arbeitet. Es kann in Ordnung sein, Fehler einzuräumen, aber man muss nicht gleich ein Buch über die Einzelheiten eines Einsatzes schreiben.

Sie erwähnten die Rolle der politischen Führung. Ein Polizist merkt in solchen Fällen also, ob ein linker Polizeivorstand am Ruder ist?
Nein, das kann man so nicht sagen. Aber jede Person, die ein solches Amt übernimmt, will etwas bewegen und später etwas auszuweisen haben. So kann ein Politiker auch das Ziel haben, ein Polizeigebäude aus Glas zu bauen, damit man volle – allenfalls übertriebene – Transparenz hat.

Sorgt ein linker Chef für mehr Spannungen, weil Polizisten politisch mehrheitlich anders ticken?
Das glaube ich weniger. Polizisten sind ein Abbild der gesamten Bevölkerung. Schon möglich, dass es ein wenig mehr von den einen und weniger von den anderen hat, aber das ist nicht entscheidend.

«Die grosse Frage ist: Muss man das immer auf dem Dorfplatz verhandeln?»

Ein polizeikritischer Chef könnte auch ein Vorteil sein, weil er die Polizisten zwingt, das eigene Handeln kritisch zu hinterfragen.
Die Dinge kritisch zu hinterfragen, ist sowieso Aufgabe der Führung. Die grosse Frage ist: Muss man das immer auf dem Dorfplatz verhandeln?

Wie kommt es bei Polizisten an, wenn man es tut?
Es ist nie schön, wenn man an den Pranger gestellt wird. Man muss sich dabei gut überlegen, ob das öffentliche Interesse das persönliche Interesse des Polizisten wirklich überwiegt. Sonst ist der Schaden am Ende grösser als der Nutzen.

Wie meinen Sie das?
In der Uniform steckt auch ein Mensch, der Persönlichkeitsrechte hat. Wenn in der Zeitung steht, dass in der Polizeistation XY etwas vorgefallen ist, kommt man schnell darauf, wer gemeint ist. Und warum ist auf einem Foto von einer Verhaftung der Kriminelle stets verpixelt, der Polizist aber nicht? Wen interessiert es, ob das Polizist Huber oder Hofer war. Das geht niemanden etwas an.

«Für Straftäter gilt die Unschuldsvermutung – für Polizisten etwa nicht?» 

Auch nicht, wenn Polizist Hofer einen schweren Fehler gemacht hat?
Dann erst recht nicht. Für Straftäter gilt vor einem Gerichtsurteil die Unschuldsvermutung – für Polizisten etwa nicht?

In einer grossen Stadt wie Zürich hat doch keiner eine Ahnung, welcher konkrete Polizist für einen Fehler verantwortlich war.
Man redet immer von der Anonymität in der grossen Stadt, aber das ist ein Mythos. Die Stadt besteht aus Quartieren und die Quartiere aus Häusern, da spricht sich so was schnell herum.

Leidet die Autorität der Polizei im Alltag darunter, wenn man ihre Fehler öffentlich verhandelt?
Nein, das denke ich nicht. Dazu geschieht es zu selten. Aber wenn man über Fehler spricht, muss es zwingend einen konstruktiven Aspekt haben. Man muss sagen: Hier wurde falsch gearbeitet, wir müssen das besser machen, und das soll sich auch in der Ausbildung spiegeln. Die Polizisten sollen an ihren Fehlern wachsen können, statt an den Pranger gestellt zu werden.

Die Polizei greift je nach Stadt und Gemeinde in vergleichbaren Situationen unterschiedlich konsequent durch. Ist das auch eine Frage der Mentalität, die im jeweiligen Korps herrscht?
Um das zu beurteilen, müsste man ihre Einsatzgebiete genau analysieren und vergleichen. Aber es ist doch so: Letztlich sagt die Politik, wo die Polizei ihre Schwerpunkte setzen muss.

«Wenn ein Polizist mehr Action sucht, geht er sicher nicht ins Verzascatal.» 

Von Polizisten hört man manchmal, dass die Stadtpolizei Typen anzieht, die Action suchen. Verstärkt das nicht die Spannungen, wenn die dann auf linksautonome Polizeikritiker stossen?
Das glaube ich nicht. Es ist schon klar: Wenn ein Polizist mehr Interventionen sucht – oder Action, wie Sie sagen –, geht er sicher nicht ins Verzascatal. Aber dass das zu mehr Spannungen führt…

Das ist doch naheliegend. Die Autonomen reden dann von Polizeirambos, und so schaukelt sich das hoch.
Und wovon sollen Ihrer Meinung nach die Polizisten reden? Dass die Linksautonomen Terroristen sind? Solche Aussagen gehen bei mir zum einen Ohr rein und zum anderen wieder raus. Die haben für mich kein Gewicht.

Erstellt: 12.11.2015, 14:40 Uhr

Max Hofmann, Generalsekretär des Verbands Schweizerischer Polizeibeamter (VSPB).

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