«Wenn der Blutmond sich rö-ötet»

SVP und EDU legen sich im Kantonsrat für das hehre Vaterland ins Zeug. Ihre Forderung: Die Nationalhymne als Pflichtstoff in der Schule.

Der Schweizerpsalm soll an Zürcher Schulen Pflichtstoff werden: Sänger am Eidgenössischen Jodlerfest am 18. Juni 2005 in Aarau. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Der Schweizerpsalm soll an Zürcher Schulen Pflichtstoff werden: Sänger am Eidgenössischen Jodlerfest am 18. Juni 2005 in Aarau. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

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So richtig wach waren am Montag im von Morgenrot durchfluteten Ratsaal des hocherhabenen Standes Zürich nicht alle freien Schweizer aus dem hehren Kantonsrat. Die fromme Seele ahnt: All die Hocherhabenen, Herrlichen hatten im Strahlenmeer, in des Himmels lichten Räumen, von 3.07 bis 5.23 Uhr mit ihren Long-Range-Super-Zoom-Cams zu lange fotografiert, dann in ihrem Hort nochmals froh und selig – aber zu kurz – geträumt, bis der Alpenfirn sich – viel zu früh – rötete und Ratspräsidentin Theresia Weber (SVP) – Göttin im hehren Vaterland – um 8.15 Uhr die 17. Sitzung eröffnete.

Zugegeben, das tönt etwas gar schwülstig, um eine Mondfinsternis und eine Kantonsratssitzung zu beschreiben. Und doch: Hans Egli, Parteipräsident der EDU, und Jürg Trachsel, Fraktionspräsident der SVP, verlangen in einer gestern eingereichten Motion, dass der 1841 vom Wettinger Zisterziensermönch Alberich Zwyssig und dem reformierten Dichter Leonhard Widmer aus Feldmeilen geschaffene Schweizer­psalm Eingang ins Zürcher Volksschulgesetz findet. Letzteres soll künftig garantieren, «dass das Erlernen und Singen der Schweizerischen Nationalhymne garantiert» ist.

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Motionär Trachsel erklärt sich sehr pragmatisch: «Ich will verhindern, dass vor einem Fussballländerspiel nur noch zwei bis drei Nationalspieler mitsingen.» SVP und EDU geht es auch darum, ein Zeichen zu setzen gegen Neukreationen und eine Abschaffung des Schweizerpsalms. Dieser sei gefährdet, weil «zu viel Religion und zu viel Vaterland» darin enthalten sei. Hans Egli will «der nächsten Generation wichtige gesellschaftliche Werte weitergeben». Weder Trachsel noch Egli können allerdings mehr als die erste Strophe auswendig. «Dann würde ich halt auch alle drei lernen», sagt Trachsel. Dabei übersieht er, dass es gar deren vier gibt – die vierte ist bekanntlich jene, die mit «Fährst im wilden Sturm daher, bist du selbst uns Hort und Wehr» beginnt und in «Ge­witter­nacht und Grauen» endet.

SVP und EDU dürften mit ihrer Motion allein sein. Nicht aus ideologisch-religiösen Motiven, sondern aus staatspolitischen. «Wenn Kantonsräte bestimmen wollen, welche Lieder in den Lehrplan gehören, dann sollen sie in den Bildungsrat wechseln», sagt CVP-Chef Philipp Kutter aus Wädenswil. Zustimmen würde er nur, wenn auch das «Seebuebelied» aufge­nommen würde. FDP-Fraktionschef Thomas Vogel würde verlangen, den FDP-Song «Freedom» von George Michael in den Lehrplan aufzunehmen. SP-Frau Rosmarie Joss gibt zu, dass sie beim Schweizerpsalm «schon während der ersten Strophe einschläft», während sie alle drei Strophen der Internationalen auswendig könne. SVP-Kantonsrat Mauro Tuena berichtet, dass er beim Singen der Nationalhymne Hühnerhaut kriege. SP-Vizepräsident und Kanti­geschichts­lehrer Moritz Spillmann zweifelt, dass der Psalm unser heutiges Kulturgut darstellt. Im Sport animiere zudem eine Hymne wie die Marseillaise «eher zum Siegen als unser Psalm».

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Gewohnt überzeugend lobte Gesundheitsdirektor Thomas Heiniger (FDP) die Effizienz und Qualität «seines» Kantonsspitals Winterthur. Als Rats­präsidentin Theresia Weber darauf die freudige Botschaft verlas, dass GLP-Kantonsrat Michael Zeugin und seine Frau Katharina Baumann in eben diesem KSW Eltern einer gesunden Tochter geworden seien – nach einer sehr speditiven Geburt –, war das quasi die Bestätigung für Heinigers Lob.

Schneller, als es ihnen lieb war, geht es bei Sabine und Josef Wiederkehr. Der Termin für die Geburt ihrer Zwillinge war der 20. Oktober, zwei Tage nach dem Wahltag, an dem Wiederkehr hofft, CVP-Nationalrat zu werden. Der letzte Ultraschall allerdings zeigte: Die Geburt wird schon in diesen Tagen stattfinden.

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Die Mitglieder der SP-Fraktion nahmen ihren Morgenkaffee bisher nach Lust und Laune liberalen Geistes in Lokalen ihrer Präferenz rund um das Rathaus ein. Nun hat Chef Markus Späth planwirtschaftlichen Fraktionszwang eingeführt. Die Sozis käfelen nun gemeinsam im Salon des Storchen. Nicht mal Bargeld brauchen sie mehr: Fraktionssekretär Felix Stocker führt eine Strichliliste mit halbjährlicher Abrechnung.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.09.2015, 22:38 Uhr

Der Schweizerpsalm

Vier Strophen

1. Trittst im Morgenrot daher,
Seh’ ich dich im Strahlenmeer,
Dich, du Hocherhabener, Herrlicher!
Wenn der Alpenfirn sich rötet,
Betet, freie Schweizer, betet!
Eure fromme Seele ahnt
Eure fromme Seele ahnt
Gott im hehren Vaterland,
Gott, den Herrn, im hehren Vaterland.

2. Kommst im Abendglühn daher,
Find’ ich dich im Sternenheer,
Dich, du Menschenfreundlicher, Liebender!
In des Himmels lichten Räumen
Kann ich froh und selig träumen!
Denn die fromme Seele ahnt,
Denn die fromme Seele ahnt
Gott im hehren Vaterland,
Gott, den Herrn, im hehren Vaterland.

3. Ziehst im Nebelflor daher,
Such’ ich dich im Wolkenmeer,
Dich, du Unergründlicher, Ewiger!
Aus dem grauen Luftgebilde
Tritt die Sonne klar und milde,
Und die fromme Seele ahnt
Und die fromme Seele ahnt
Gott im hehren Vaterland,
Gott, den Herrn, im hehren Vaterland.

4. Fährst im wilden Sturm daher,
Bist du selbst uns Hort und Wehr,
Du, allmächtig Waltender, Rettender!
In Gewitternacht und Grauen
Lasst uns kindlich ihm vertrauen!
Ja, die fromme Seele ahnt,
Ja, die fromme Seele ahnt
Gott im hehren Vaterland,
Gott, den Herrn, im hehren Vaterland.

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