Wenn die Krippenaufsicht klopft

Schlechte Betreuungsqualität? Mangelhafte Sicherheit? Neue Zahlen zeigen, wie oft die Stadtzürcher Kinderkrippen kontrolliert werden. Und was dabei herauskommt.

Kinder in einer Zürcher Krippe. Bild: Sophie Stieger

Kinder in einer Zürcher Krippe. Bild: Sophie Stieger

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Zahlen stehen in einem krassen Gegensatz: Eltern von rund 10'000 Kindern vertrauen in der Stadt Zürich ihren Nachwuchs einer der über 300 Krippen an – aber nur fünf Personen kontrollieren diese Einrichtungen. Die beiden Gemeinderätinnen Anjushka Früh (SP) und Katharina Prelicz-Huber (Grüne) wollten mehr über die Arbeit dieser fünf Menschen wissen. Zu wenige Informationen waren ihrer Ansicht nach öffentlich verfügbar. Deshalb haben sie im Rat eine schriftliche Anfrage eingereicht, zu der nun die Antworten vorliegen.

Insgesamt gehen jährlich rund 50 Meldungen ein. Die Mehrheit der Meldungen machen Eltern, rund 60 Prozent. Andere stammen von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Geht eine Meldung ein, reagiert die Krippenaufsicht innert weniger Tage mit einem unangekündigten Besuch. Die meistgenannten Themen in den vergangenen fünf Jahren waren die Betreuungsqualität (etwa 80), Personalmangel, Personalfluktuation oder mögliche Sicherheitsmängel sowie Gesundheitsgefahren, heisst es in der Antwort. Bei einem Viertel davon hat die Krippenaufsicht tatsächlich einen Verstoss gegen die Richtlinien festgestellt.

Wie sich solche Kontrollen abspielen, weiss Ingrid Allabauer. Sie arbeitet seit zwölf Jahren für die Krippenaufsicht. Unangemeldete Besuche würden oftmals für Verunsicherung sorgen, sagt sie. Denn dann sei klar, dass es vorgängig eine Meldung über einen Verstoss gab. «Ist dann bei der Kontrolle die Krippenleitung allenfalls nicht anwesend, ist es für die Mitarbeitenden oft unklar, wie sie sich verhalten oder welche Unterlagen sie uns aushändigen sollen und dürfen», sagt sie.

Wurde die Krippenaufsicht hingegen durch die Mitarbeitenden selbst gerufen, spüre ihr Team oft auch eine gewisse Erleichterung seitens der Belegschaft, dass sich nun jemand des Missstands annimmt. Der Stadtrat schreibt allerdings in seiner Antwort, dass der Krippenaufsicht in einigen Fällen der Zutritt zu den Räumlichkeiten verwehrt oder Unterlagen nicht ausgehändigt worden seien. Allabauer relativiert: In den meisten Fällen ist die Kooperationsbereitschaft bei den Krippen hoch. «Ich kann mich in all meinen Berufsjahren nur an einen Fall erinnern, bei dem einem Kollegen der Zutritt zu einer Krippe verweigert wurde», sagt sie.

««Wenn zwischen einer Krippe und der Aufsichtsperson schon lange gestritten wird, können die Nerven schon mal blankliegen.»»Heike Isselhorst, Sozialdepartement

Heike Isselhorst, Sprecherin des Sozialdepartements, ergänzt: Solche Situationen sind dann auch die Folge persönlicher Animositäten. «Wenn zwischen einer Krippe und der zuständigen Aufsichtsperson vielleicht schon lange um die Erfüllung einer Auflage gestritten wird, dann kann es schon einmal vorkommen, dass die Nerven blankliegen.» Das Problem lässt sich aber in der Regel schon durch einen Wechsel in der Dossierführung beheben.

Ein unübersichtliches Feld

Die Zahl der Rechtsstreitigkeiten und der Besuche ist in den vergangenen Jahren deutlich angestiegen, die Arbeit komplexer geworden. 171 Besuche waren es im vergangenen Jahr, die Mehrheit war Routine, knapp ein Drittel aufgrund von Meldungen.

Mehr Krippen bedeuten einen Zusatzaufwand, und die Zahl der Krippen ist in den vergangenen Jahren um ein Fünftel angestiegen. Die Kontrolle des Personals hat sich aber erschwert, wie aus der Antwort hervorgeht. Früher gab es konstante Personallisten. Heute jonglieren grosse Krippenbetreiber mit Springern, setzen ihr Personal an verschiedenen Standorten ein. Das macht es für die Krippenaufsicht unübersichtlicher, die Überprüfung der Krippe auf die Mindestanforderungen für genügendes und qualifiziertes Personal am Stichtag mühsamer.

Verunsicherte Eltern

Häufige Personalwechsel verunsichern auch die Eltern, weiss Allabauer. «Da geht es um die Stichworte Beziehungskonstanz und Bindung.» Deswegen beschweren sich immer wieder besorgte Eltern bei der Krippenaufsicht, über hohe Personalfluktuationen. «Wir hören uns diese Sorgen selbstverständlich an, zuständig sind wir dafür aber nicht», sagt die Mitarbeiterin der Krippenaufsicht. «Unser Auftrag ist die Kontrolle der Umsetzung der kantonalen Krippenrichtlinien.» Also zum Beispiel, dass jederzeit ausreichendes und genügend qualifiziertes Personal für die Betreuung da ist. Wie oft das Personal dabei wechselt, schreiben die Richtlinien nicht vor.

«Wir hören uns die Sorgen wegen vieler Personalwechsel selbstverständlich an, zuständig sind wir dafür aber nicht»Ingrid Allabauer, Krippenaufsicht

Im grossen Ganzen ist die Krippenaufsicht mit dem Zustand der hiesigen Einrichtungen zufrieden. «Der grösste Teil der Krippen funktioniert sehr gut und hält die Richtlinien auch ein», sagt Sprecherin Isselhorst. Das unterstreicht eine weitere Zahl. Die Krippenaufsicht der Stadt musste noch nie eine Krippe schliessen lassen. Einmal drohte sie dies einem Betreiber an. Er gab schliesslich aber selber auf.

Erstellt: 15.11.2018, 11:38 Uhr

Das macht die Krippenaufsicht

In der Stadt kontrolliert die Krippenaufsicht die gesetzlichen Mindestanforderungen der Kinderkrippen sowie privaten Horte und erteilt deren Bewilligungen. Sie ist für die Einhaltung der kantonalen Richtlinien zuständig und kontrolliert im Bereich der Struktur- und Prozessqualität zum Beispiel, ob das Betreuungspersonal über die erforderliche Ausbildung verfügt, die Anzahl der Mitarbeitenden für die Anzahl der zu betreuenden Kinder genügt oder die Räumlichkeiten für die Kinderbetreuung geeignet. Geht eine Meldung bei der Aufsicht ein, ist sie verpflichtet einen Aufsichtsbesuch abzustatten. Ziel der Krippenaufsicht ist es, jede Krippe mindestens alle zwei Jahre zu besuchen. Laut Stadtrat gelingt das mehrheitlich. (sip)

Artikel zum Thema

So steht es um die Krippenplätze in der Schweiz

Infografik Viele Schweizer Familien verzichten unfreiwillig auf externe Kinderbetreuung – die Gründe. Mehr...

Unbegrenzt subventionierte Plätze für Zürcher Kitas

Alle Eltern mit Anspruch auf einen subventionierten Kita-Platz sollen künftig auch einen erhalten. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Paid Post

Mit CallDoc clever und flexibel versichert

Lassen Sie sich rund um die Uhr medizinisch beraten – und sparen Sie dabei! Profitieren Sie vom Prämienrabatt der Grundversicherung. Jetzt Offerte anfordern.

Blogs

Sweet Home Das Bauhaus ist 100

Geldblog Nestlé enttäuscht den Markt

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Herbstlich gefärbte Weinberge: Winzer arbeiten in Weinstadt, im deutschen Baden-Württemberg. (17. Oktober 2019)
(Bild: Christoph Schmidt/DPA) Mehr...