Wenn Kinderhorte bestreikt werden

Hunderte Frauen, die sonst in Zürcher Kitas und Horten arbeiten, haben heute gestreikt – ohne dass die Kinder darunter litten. Dies dank Organisation und kreativer Lösungen.

Kinder in einem Hort. Bild: Roland Schmid

Kinder in einem Hort. Bild: Roland Schmid

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ab zwei Uhr füllt sich die Wiese im hinteren Teil der Zürcher Bäckeranlage. Aus der ganzen Stadt strömen sie zu Hunderten zusammen, die Fachpersonen Kinderbetreuung, bei den meisten handelt es sich um jüngere Frauen. Wohl in kaum einem Bereich ist der Frauenstreik so stark spürbar wie in den Kitas und den Kinderhorten der Stadt. Zahlreiche von ihnen schliessen früher als üblich, manche bereits um 14 Uhr.

Ermöglicht hat dies die Gruppe Trotzphase, die seit längerem gegen die Verschlechterung der Arbeitsbedingungen, gegen fehlende Anerkennung und eine aus ihrer Sicht mangelhafte finanzielle Unterstützung durch den Staat kämpft.

Viele junge Kinderbetreuerinnen besammelten sich in der Bäckeranlage. Bild: bat

Die Gruppe, die durch die Gewerkschaft VPOD unterstützt wird, wollte die Kitas aber nicht einfach zumachen und sagen: Schluss für heute. «Dafür haben sie eine viel zu hohe Berufsverantwortung», sagte eine involvierte VPOD-Mitarbeiterin. «Unser Ziel war es, möglichst vielen Frauen die Teilnahme zu ermöglichen, seien es Betreuerinnen, Köchinnen oder Mütter», sagt Lorena Campagnoli von Trotzphase. Und natürlich dürften die Kinder nicht leiden darunter.

Eltern holten Kinder früher ab

Also haben die Aktivistinnen schon früh das Gespräch gesucht mit den Kitaleitungen und einen Brief an die Eltern entworfen. Darin werden diese gebeten, die Kinder am Frauenstreiktag früher zu sich zu nehmen. «Viele Eltern haben sehr unterstützend reagiert», sagt Campagnoli. «Sie haben ja das gleiche Ziel wie wir: eine bessere Betreuung der Kinder.» Gleichzeitig sei es längst nicht allen Eltern möglich, die Kinder früher abzuholen. Darauf nehme man Rücksicht. So laufen viele Krippen mit verringertem Personalbestand weiter. Oft arbeiten vor allem männliche Kinderbetreuer, oder die Frauen wechseln sich ab.

«Viele Eltern haben sehr unterstützend reagiert. Sie haben ja das gleiche Ziel wie wir: eine bessere Betreuung.»Lorena Compagnoli, Gruppe Trotzphase

In den meisten Betrieben stiessen die Streikenden auf Verständnis. Die Stimmung im Vorfeld des Streiks sei wohlwollend gewesen, sagt eine Sprecherin des Branchenverbands Kibesuisse. Man habe versucht, sich so zu organisieren, dass Mitarbeiterinnen, die am Streik teilnehmen wollen, dies auch können – ohne dass die Betreuung beeinträchtigt wird. Der Verband unterstütze die Forderungen des Frauenstreiks.

Alles auf einen Ort konzentriert

Die Stadt Zürich, welche die Kinderhorte der Schulen betreibt, hat die Vorgabe gemacht, dass die Betreuung aufrechterhalten bleiben muss. Dies könne aber auch mit kreativen Lösungen geschehen, heisst es beim Schuldepartement. So hat der Schulkreis Waidberg die Betreuung am Nachmittag auf einen Hort konzentriert, wie aus einem Elternbrief hervorgeht. Bei der Stadt sind gestern keine Klagen eingegangen. Städtische Angestellte, die mitstreiken, müssen die Stunden ausserdem von der Arbeitszeit abziehen.

Erstellt: 14.06.2019, 15:54 Uhr

Artikel zum Thema

«Die jungen Leute sind heute mutiger»

Interview Klimastreik, Frauenstreik: Protestbewegungen bilden sich heute schneller und wirken stärker. Politologe Claude Longchamp erklärt, warum. Mehr...

Zürichs Streik-Hotspots, die Demo aus der Luft, Auto fährt durch Umzugsroute

Video Das Central wurde blockiert, Uster machte Pause – und auf der Bahnhofstrasse lief der Shopping-Alltag weiter. Wir waren am Frauenstreik im Kanton unterwegs. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Paid Post

Mit CallDoc clever und flexibel versichert

Lassen Sie sich rund um die Uhr medizinisch beraten – und sparen Sie dabei! Profitieren Sie vom Prämienrabatt der Grundversicherung. Jetzt Offerte anfordern.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Reparaturen am Schiff: Ein Mann arbeitet auf einer Werft entlang des Buriganga Flusses am südlichen Rand der Stadt Dhaka in Bangladesch. (15. Oktober 2019)
(Bild: Zakir Hossain Chowdhury/NurPhoto/Getty Images) Mehr...