Wenn Normalos an exklusivster Lage bauen

Direkt am Zürcher Seeufer, wo man eine Villa erwarten würde, bauen zwei Brüder zwei identische Holzhäuschen. Darüber rümpfen manche die Nase.

Form und Grösse der beiden Häuser sind durch die Richtlinien des Kantons bestimmt. Bild: Reto Oeschger

Form und Grösse der beiden Häuser sind durch die Richtlinien des Kantons bestimmt. Bild: Reto Oeschger

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«Hühnerställe» nennen einige die beiden Häuschen, die seit 12 Monaten in Meilen an der Grenze zu Uetikon entstehen, auf einem schmalen Streifen Land, zwischen Ufermauer und Seestrasse. Andere erinnern sie an Häuser in Schweden. Die Grundflächen der acht mal acht Meter grossen Häuser reichen auf jeden Fall gerade für ein Wohnesszimmer wie aus dem Ikea-Katalog.

Diese Häuschen provozieren. Weil man hier am See in Meilen ganz einfach anderes gewohnt ist, Grösseres, Prunkvolleres, Teureres. Weil kaum je Normalos an so einer Lage bauen, sondern Prominente, Millionärserben, Wirtschaftsführer. Meilen, das ist immer noch Goldküste, hundert Meter weiter hat sich Denner-Erbe Nicolas Schweri ein Haus gebaut, gemäss «Bilanz» für sechs bis acht Millionen.

Die Vorfahren hatten das Land gekauft

Raphael Jambor hat wie sein Bruder eine handwerkliche Lehre abgeschlossen. Die Vorfahren, Schiffer, hatten das Land am See gekauft, als diese Wohnlage noch für Bedienstete bestimmt war. Der Grossvater, ein Zimmermann, baute darauf ein Chalet aus Brettern. Als die Mutter und deren Bruder starben, war für Jambors klar, dass das Grundstück nicht einem reichen Unternehmer verkauft werden soll, sondern dass jeder sein eigenes Haus am See für die eigene Familie errichten würde.

Auch die beiden «Hühnerställe» sind aus Holz gebaut. Auf behagliche Wärme muss man aber auch im Winter nicht verzichten. Dafür auf anderes: Form und Grösse der Jambor-Häuser haben zum grössten Teil Richtlinien vom Kanton bestimmt. Auf der Seeseite galt es, wegen der Baulinien der Seestrasse die Gewässerabstandslinie einzuhalten. Die Grenzabstände sowieso. Weil ein langer Riegel die schützenswerte Sicht vom und auf den See verbaut hätte, kamen nur noch zwei Kuben infrage. Deren Höhe legte die Zonenordnung fest.

Das passt besser als gedacht

Immerhin bei der Materialwahl hatten Jambors etwas freie Hand. Graubraune Eternitschindeln schützen das Holz vor Wind und Wetter, wie einst beim «Rorguet», dem Haus des Grossvaters. Und sowieso, die Bauherren wollen nicht klagen. Wer sieht schon das Wasser des Zürichsees blau durchs Wohnzimmerfenster leuchten, wenn er sein Haus betritt? Welche Kinderzimmer habe schon Panoramafenster mit Blick auf See und Berge?

Es hat also wenig mit Schweden und viel mit Familientradition zu tun, dass nun zwei Holzhäuschen in Meilen am Ufer stehen. Sie passen aber noch aus einem ganz anderen Grund – ganz entgegen der Meinung einiger Spötter – viel besser hierher als eine Herrschaftsvilla: Wer auf dem Steg beim Bootshäuschen steht und ins Wasser blickt, entdeckt am Seegrund eine Kiesaufschüttung. Die Steine bedecken die Überreste 4000 Jahre alter Holzhäuser. Am Grund vor den Jambor-Häusern liegt die erste Pfahlbausiedlung, die Ferdinand Keller vor 164 Jahren entdeckte. Damit löste er das Pfahlbaufieber in ganz Europa aus. Dem Altertumsforscher waren zuallererst Bilder von Fischerdörfern in der Südsee in den Sinn gekommen.


Der Kanton Zürich ist voll von Häusern, die es nie in den Kanon der Architekturkritik schaffen werden. Trotzdem hätten sie es verdient, dass man sich ein paar Minuten Zeit nimmt für sie. Sie fallen auf ihre besondere Art auf. Sei es, weil sie auffallend hässlich oder schräg sind. Sei es, weil sie eine spannende Geschichte zu erzählen haben. Oder sei es, weil sie versteckte Qualitäten haben. Tagesanzeiger.ch/Newsnet widmet sich alle zwei Wochen in der Kolumne «Bauzone» einem solchen Gebäude.

Erstellt: 25.06.2018, 12:50 Uhr

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