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Wer Freiheiten will, muss vertrauen können

Arbeitgeber dürfen keine privaten Chats von Mitarbeitenden lesen – auch wenn darin über den Chef gelästert wird.

Dass wir in einer freiheitlichen ­Gesellschaft leben dürfen, gehört zu unseren grössten Privilegien. Gleichzeitig ist dieser Umstand so etwas wie der Nährboden für unsere politischen Zentralfragen: Was konkret heisst «liberal»? Und wo verlaufen die ­Grenzen der Freiheit?

Zu diesen Fragen hat das Zürcher Obergericht ein bemerkenswertes Urteil gefällt. Es geht um einen Arbeitgeber, der auf dem Geschäftshandy einer Mitarbeiterin deren Whatsapp-Nachrichten einsah und in der Folge, weil die Mitarbeiterin im Chat über den Chef gelästert hatte, diese fristlos entliess. Darf der Arbeitgeber das? Nein, sagt das Gericht. Whatsapp-Nachrichten seien privat und würden den Arbeitgeber nichts angehen.

Es gibt keine Denkverbote

Das Urteil ist bemerkenswert, weil man es als Versuch deuten kann, Liberalität zu konkretisieren. Dass die Schweiz ein vergleichsweise liberales Arbeitsrecht hat, ist Ausdruck des politischen Mehrheitswillens in ­diesem Land. Die Fürsprecher der Liberalität, zu denen namentlich die Arbeitgeber und ihre Interessen­vertreter gehören, müssen sich aber bewusst sein, dass für die Arbeitswelt gilt, was ganz generell gilt: Liberalismus verlangt Vertrauen. Wer Freiheiten will, für sich selbst wie für die Gesellschaft, der muss bereit sein zu vertrauen: dass er selbst und alle anderen mit den Freiheiten verantwortungsvoll umzugehen wissen.

Kontrollen sind grundsätzlich das Gegenteil von Vertrauen. Natürlich gibt es auch in der liberalen Gesellschaft angebrachte Kontrollen. Doch das Überprüfen privater Chat-Apps von Mitarbeitenden durch den Arbeitgeber gehört nicht dazu.

Und wenn Mitarbeiter im Chat über den Chef herziehen? Missbrauchen sie dann das Vertrauen, was die Kontrolle zumindest ein bisschen legitimiert? Nein. Es gehört zum Kern einer freiheitlichen Gesellschaft, dass es keine Denkverbote gibt. Solche sind fundamental illiberal. Ein Arbeitgeber darf erwarten, dass seine Angestellten engagiert ihrer Arbeit nachgehen. Ob sie dabei den Vorgesetzten mögen oder nicht, ist ihr freier Entscheid.

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