«Liebe Passanten, wir haben unsere schöne Schweiz gebaut!»

2000 Bauarbeiter aus der ganzen Schweiz ziehen am Dienstagmittag durch Zürichs Strassen. Sie protestieren lautstark gegen flexible Arbeitszeiten und für das Rentenalter 60.

Grossprotest: Rund 2000 Bauarbeiter ziehen durch Zürichs Innenstadt. Video: Tamedia

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Es ist eine grosse Menschenmenge, die sich friedlich durch Zürich bewegt. Aus der ganzen Schweiz sind Bauarbeiter angereist, die am Dienstag die Arbeit auf den Baustellen niedergelegt haben. Sie protestieren in Zürichs Innenstadt für bessere Arbeitsbedingungen. Es sind nicht die üblichen linken Mittelschichten, die demonstrieren. Es sind handfeste Bauarbeiter, die meist italienisch oder portugiesisch sprechen.

Aufgerufen zum Protest haben die Gewerkschaften Unia und Syna. Es ist eine der grössten Kundgebungen der letzten zehn Jahre. Zählungen ergeben 2000 Teilnehmer, die Unia spricht von «über 3500». Sie verläuft so weit ruhig, legt aber zeitweilig den Verkehr in Zürichs Innenstadt lahm. Vorübergehend ist die Sihlstrasse und die Bahnhofstrasse unpassierbar. Am frühen Nachmittag blockieren sie die Bahnhofbrücke zwischen dem Central und den Hauptbahnhof. Dort setzen sie sich an Tische und Bänke und machen «Mittagspause». Es gibt Mineralwasser, Coca-Cola sowie Pouletgeschnetzeltes mit Kartoffelstock. Bier sieht man, wie heute auf den Baustellen üblich, kaum.

Demo in Zürich: Bauarbeiter fordern bessere Arbeitsbedingungen und das Rentenalter 60. Video: sda

Während sich die Passanten wegen der schrillen Trillerpfeifen die Ohren zuhalten oder sich wegen der verstopften Strassen nerven, rufen ihnen die Bauarbeiter durch Megafone Sprüche zu: «Liebe Passanten, wir Bauarbeiter haben unsere schöne Schweiz gebaut, eure Strassen, Häuser und diese Schaufenster!» Sie wehren sich gegen «total flexible Arbeitszeiten»: «Krüppeln im Sommer, frei im Winter – auch wir wollen an den Strand!»

Bereits seit den frühen Morgenstunden haben die Bauarbeiter ihre Arbeit auf den Baustellen im Kanton niedergelegt. Wie die Unia mitteilt, starteten die ersten ihren Streik kurz nach 4 Uhr in der Früh auf der Baustelle des Gubristtunnels. Bereits am Morgen haben sie sich auch auf dem Zürcher Kanzleiareal versammelt.

Schweizweite Protestwelle

Die Grossdemonstration in Zürich ist laut Unia der Höhepunkt nach einer Reihe von Protesten, die während der letzten drei Wochen stattgefunden haben. Über 15’000 Bauarbeiter seien dadurch mobilisiert worden. Diese legten ihre Arbeit jeweils in verschiedenen Städten und Kantonen nieder, so auch in Genf, in Bern und im Tessin. «Die meisten Baustellen in Zürich stehen heute still», sagt Nico Lutz, Sektorleiter Bau der Unia.

Die Bauarbeiter wehren sich gegen den Ablauf ihres Gesamtarbeitsvertrags mit dem Baumeisterverband. Die Sozialpartner konnten bisher keinen geeigneten Vertrag aushandeln, und der aktuelle läuft Ende 2018 aus. Die Bauarbeiter protestieren gegen 12-Stunden-Arbeitstage und fordern für sich unter anderem weiterhin ein Rentenalter von 60 Jahren. Der Baumeisterverband wollte dieses auf 62 Jahre erhöhen.

Erstellt: 06.11.2018, 10:10 Uhr

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