«Wir sind noch immer gewappnet für den Zweiten Weltkrieg»

Wo und wie heute Häuser gebaut werden, macht für den Architekten Stefan Meier wenig Sinn. Er zeigt, weshalb sie an den Strassenrand gehören und Wiesen für alle da sind.

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Sie haben in Ihrer Publikation «Neu-Gattikon» ein paar handfeste Vorschläge für die Neugestaltung der Ortschaft festgehalten. Ist das nun ein Kunstprojekt oder die Aufforderung eines Architekten zur Veränderung?
Ich bin als Künstler an das Projekt herangegangen, in der Hoffnung, dass ich damit auch etwas bewegen kann. Kunst soll ja auch für die gesellschaftliche Weiterentwicklung sorgen und nicht bloss als Nischenprodukt verstanden werden. Als gelernter Architekt weiss ich natürlich, dass ich mit meinen Visionen sowohl in private als auch öffentliche Bereiche eindringe, die nicht so ohne weiteres verändert werden können. Aus künstlerischer wie gesellschaftlicher Sicht bin ich aber der Meinung, dass es höchste Zeit ist, Gedanken über solche Veränderungen anzustellen – und dies nicht nur in den dafür vorgesehenen Amtsstellen und Professionen. Meine Entwürfe sind keine Utopie. Ich bemühe keine Technologien, die es noch nicht gibt, und beanspruche nur Flächen, die tatsächlich vorhanden sind. Deshalb sind meine Visionen durchaus realisierbar – wenn der Wille zur Veränderung da ist.

Was sollte denn dringend verändert werden?
Bei meinen Recherchen ist mir aufgefallen, dass sich die Bauordnungen vieler Gemeinden kaum voneinander unterscheiden. Man könnte meinen, die Behörden hätten einander abgeschrieben. Am krassesten sind die Regelungen beim Bau von Einfamilienhäusern: Sie müssen mindestens einen Abstand von vier Metern zum nächsten Grundstück haben – zwischen den Hausmauern liegen somit immer acht Meter. Eine Vorgabe, die noch aus Kriegszeiten stammt. Damit wollte man verhindern, dass im Falle eines Bombeneinschlages gleich mehrere Häuser beschädigt werden. Wir sind also nach wie vor bestens gewappnet für den Zweiten Weltkrieg. Das ist absurd. So werden Parzellenbesitzer dazu verdammt, ihre Häuser in der Mitte zu bauen. Dabei gehören sie direkt an den Strassenrand.

Warum?
Stossen die Gebäude auf einer Seite direkt an den Strassenraum, wird die Verkehrsfläche auf der Parzelle selbst verkleinert. Gleichzeitig gelingt es so, auf der anderen Seite des Hauses mehr Freiraum zu schaffen.

Damit rücken die Häuser aber auch näher an den Strassenlärm.
Heute können wir Häuser durch bauliche Massnahmen wie mehrschichtige Wände und Schallschutzverglasungen so weit dämmen, dass der Strassenlärm nicht mehr stark hörbar ist. Abgesehen davon, hat eine geschlossene Bebauung zur Strasse hin den Vorteil, dass so die dahinterliegenden Häuser und Freiräume vor Schallimmissionen geschützt sind. In meinem Projekt schlage ich zudem vor, dass Mauerbegrünungen gefördert werden. Pflanzen an Fassaden absorbieren nicht nur den Schall, sie wirken sich auch positiv aufs Klima aus. Als weitere Lärmschutzmassnahme sieht mein Konzept eine Abklassierung der Strassen auf Tempo 30 vor. Wo der Verkehr langsamer fliesst, ist es nicht nur ruhiger, man hält sich dort auch lieber auf.

Ihre Ansätze für die Aussenraumgestaltung sind ebenfalls radikal: Grünflächen sollen grundsätzlich für alle Personen passierbar sein. Private Flächen dürfen zwar umzäunt werden, aber nur, wenn sie auch durch ein Erdgeschoss erschlossen werden. Weshalb diese strikten Regelungen in einem so sensiblen Bereich?
Ich will verhindern, dass unpersönliche Grünplätze rund um die Häuser entstehen, die niemand nutzen will. Betrachtet man die heutigen Siedlungen, stehen viele davon mitten in Wiesen, verfügen aber über keine Erschliessung zu diesem Aussenraum. Hat es Wohnungen im Parterre, dürfen die davorliegenden Grünflächen nicht genutzt werden, weil die Leute im Erdgeschoss gestört werden können. Die Zäune geben den Anwohnern die Möglichkeit, ihren privaten Bereich vom öffentlichen abzutrennen – sei es im Kollektiv oder als Einzelperson. Wie der Raum innerhalb dieser Einfriedung gestaltet wird, lasse ich aber absolut offen. Es wäre also durchaus möglich, eine Velowerkstatt mitten auf die Wiese zu bauen.

Könnte das Modell «Neu-Gattikon» auch auf andere Gemeinden übertragen werden?
Vielleicht der eine oder andere Aspekt. Aber ich habe mein Projekt explizit auf dem historischen Hintergrund und den geografischen Gegebenheiten des Dorfes aufgebaut, auf der früheren Textilindustrie in Gattikon. Hier setzt auch mein Idee für die Neugestaltung der Gebäude an, die den mehrgeschossigen Arbeiterhäusern von damals ähneln. So würde der Ort wieder als Einheit wahrgenommen und gleichzeitig verdichtet. Auch der neue Obstgarten, den ich für das Gebiet zwischen Gattiker Weiher und Forststrasse vorschlage, basiert auf der spezifischen Geschichte. Apfelbäume dienten schon immer der Selbstversorgung.

Für den Obstgarten würden Sie ein Sumpfbiotop trockenlegen. Wie ist das mit dem Naturschutz zu vereinbaren?
Sumpfbiotope gibt es genug in der Umgebung. Beispielsweise beim Waldweiher oder am Zürichseeufer und entlang der Sihl. Mit dem Obstgarten würde ein neues Biotop für Bienen, Schmetterlinge, Fledermäuse und Vögel geschaffen, und es könnte mit der Verwendung seltener Obstsorten ein Beitrag an den Erhalt der Artenvielfalt geleistet werden. Die Felder könnten in Parzellen unterteilt und als Obsternteplätze verpachtet werden.

Auf Ihren Plänen sind die Obstbäume militärisch in Reih und Glied gesetzt. Warum diese Strenge?
Das ist eine gestalterische Idee von mir. Es soll zu sehen sein, dass es sich um einen planerischen Eingriff handelt. Die meisten setzen Pflanzen automatisch mit Natürlichkeit gleich. Dabei ist sehr vieles künstlich geschaffen – beispielsweise der Gattiker Weiher, der bereits im 17. Jahrhundert von den Mühlebetreibern als Wasserspeicher angelegt wurde. Gleichzeitig finde ich es wichtig, dass diese künstliche Natur besser genutzt werden kann. Mit einer stegartig angelegten Sonnenterrasse am nordöstlichen Ufer des Weihers wäre es nicht nur möglich, endlich auf angenehme Art im Gewässer zu baden. Es würde auch ein Aufenthaltsort geschaffen, der den schönsten Anblick auf Gattikon bietet. Wenn man das Ziel verfolgt, die Einwohnerzahl des Ortes zu verdoppeln oder sogar zu verdreifachen, muss man für die Leute auch ansprechende Naherholungszonen schaffen.

Ist eine solche Verdichtung überhaupt gewünscht?
Ich zweifle daran, dass sich diese Frage überhaupt stellt. Alles ist auf Wachstum ausgelegt, und die Gemeinde Thalwil, zu der Gattikon gehört, hat praktisch keine freien Baulandreserven mehr. Also gibt es planerisch kaum andere Möglichkeiten, als auf Gattikon auszuweichen. Vor diesem Hintergrund ist es besser zu verdichten, als noch mehr Grünfläche zu überbauen. Dichte ist eine Chance: So kommt Leben in das Schlafdorf Gattikon.

Erstellt: 24.11.2015, 15:11 Uhr

«Meine Visionen sind durchaus realisierbar – wenn der Wille zur Veränderung da ist»: Stefan Meier vor seiner Arbeit «Neu-Gattikon». (Bild: Urs Jaudas)

Link zur Arbeit

Mehr zu Stefan Meier und «Neu-Gattikon»

Stefan Meier studierte zuerst Architektur in Brugg/Windisch und danach Fotografie an der Zürcher Hochschule der Künste. Er lebt mit seiner Familie in Zürich. Seit Januar 2008 leitet er das Alpineum Produzentengalerie in Luzern.

Der 40-jährige Künstler wurde vom «Atelier in Residence» (AIR) dazu eingeladen, sich von September bis November 2015 mit dem Thema Nachhaltigkeit auseinanderzusetzen. Entstanden ist die Arbeit «Neu-Gattikon».

Das AIR ist ein Projekt von Kunst und Nachhaltigkeit (Kuna) der Vereine Ökopolis und Kultur Thalwil unterstützt durch die Fachstelle Kultur Thalwil. (tif)

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