Wie Christoph Blocher Geschichte schreibt

In der Geschichtslektion des SVP-Strategen zum Neujahr gibt es vor allem gute Rechte und böse Linke. Und zum Schluss sind alle zu Gehacktem mit Hörnli eingeladen.

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Der grauhaarige Mann in Jeans und rotem Wollpullover ruft während der Zugfahrt nach Wetzikon verschiedene Bekannte an – «Da isch de Toni, schaut am Abend Fernsehen. Vielleicht seht ihr mich dort mit Christoph Blocher.»

Dieser Toni war heute Dienstagmorgen zusammen mit rund 650 weiteren Frauen und Männern auf dem Weg in eine Turnhalle in Wetzikon, wo der Alt-Bundesrat seine mittlerweile zehnte Berchtoldstag-Rede hielt. Diese ist jeweils historischen Persönlichkeiten gewidmet. Könnte er nochmals studieren, würde er Historiker, sagt der 77-jährige Blocher immer wieder einmal. Doch ist er ein Unternehmer und Politiker geworden, der Geschichte schreibt.

Die Geschichte, die Blocher richtig erscheint

In Wetzikon spricht er, nachdem das Publikum im gut gefüllten Saal die Nationalhymne gesungen hat, über den Heimatdichter Jakob Stutz (1801–1877), den Unternehmer Adolf Guyer-Zeller (1839–1899) und den Sozialdemokraten Robert Grimm (1881–1958). Seiner gut eineinhalb Stunden dauernden Geschichtslektion liegt fraglos ein breites Wissen und tiefes Interesse zugrunde. Aber auch unverhohlen die Absicht, die Geschichte so darzustellen, wie sie ihm richtig erscheint.

Und genau deshalb sind wohl die Leute hierher gekommen. Nicht der Wirtschaftspionier oder der Revolutionär aus dem Zürcher Oberland interessieren sie speziell, sondern das, was Christoph Blocher über diese zu sagen hat. Nicht die Geschichte der «links-intellektuellen Mittelschullehrer und Uni-Professoren» wollen sie hören, sondern Christoph Blochers Geschichte.

Mitschuld an der UdSSR?

Christoph Blocher erzählt gewohnt gut. Es gibt wohl nur wenige im Lande, die derart virtuos hochdeutsche Texte in Dialekt übertragen. Und es ist bewundernswert, wie er nach oft hemdsärmeligen Ausflügen in die Politik der Gegenwart – die vom Publikum jeweils mit Zwischenapplaus quittiert werden – nie den Faden verliert. Dass dabei nicht immer mit denselben Ellen gemessen wird, stört kaum jemanden. So ist es laut Blocher unsinnig, wenn ein «linker Historiker» findet, dass eine historische Würdigung Adolf Guyers beinhalten müsste, dass dieser noch 1861 Sklaverei und Menschenhandel verteidigte. «Hätte dieser Schweizer den Sklavenhandel in den USA abschaffen sollen?», ruft Blocher ins Publikum.

Ein Bild mit Christoph Blocher. Bild: net

Dagegen scheint es ihm plausibel, dass der Sozialdemokrat Robert Grimm zumindest mitschuldig an der Entstehung der Sowjetunion sei, da er Lenin, der in Zürich im Exil war, 1917 dabei behilflich war, nach Russland zurückzukehren, wo dieser dann die Revolution auslöste.

Das Manuskript zur Blocherschen Geschichtslektion zeigt deutlich, wo des Autors Schwerpunkt liegt: Sechs Seiten umfasst die Biografie des homosexuellen Volksdichters aus Hittnau, der als Eremit endete, neun Seiten die Ausführungen über den Wirtschaftspionier Guyer-Zeller aus Neuthal, der unter anderem die Jungfraubahn initiierte, und auf dreizehn Seiten beschäftigt er sich mit Grimm aus Wald – «der leider vieles gemacht hat, was er nicht sollte».

Die «Irrlehren» des Karl Marx

Zum Beispiel als junger Mann sämtliche Schriften Karl Marx’ zu lesen. Auch er habe das in den 1960er-Jahren versucht, doch rasch aufgegeben, denn es sei eine äusserst komplizierte und langweilige Lektüre. «Doch habe ich so viel verstanden, dass es sich um Irrlehren handelt.»

Dass Blochers Wahl auf Grimm fiel, kommt nicht von ungefähr. Explizit will er damit seine Position in den kommenden Diskussionen um den Landestreik stärken, der sich dieses Jahr zum hundertsten Mal jährt. Grimm war damals einer der Anführer dieses Arbeiteraufstandes, der – so Blocher – «von der SP, den Gewerkschaften und wohl auch von der offiziellen Schweiz lautstark und gross gefeiert» werde.

Auftritt einer Trychler-Gruppe zum Schluss der Rede. Bild: net

Dabei handle es sich hierbei um die schwerste Bewährungsprobe der bürgerlichen Schweiz, welche diese nicht zuletzt wegen des hellsichtigen Eingreifens von Nationalrat Fritz Bopp aus Bülach, einem der Gründer der Zürcher Bauernpartei (später SVP), bestand. Blocher unterstellt Grimm, dass dieser den Bürgerkrieg propagiert habe, was laut Stellungnahme der Robert-Grimm-Gesellschaft historisch nicht haltbar ist. Aber es passt in Blochers Welt der guten Rechten und bösen Linken.

Die Geschichtslektion endet mit halbstündiger Verspätung auf das Programm und einem Auftritt der 1.-August-Trychler Vorderthal. Der Gastgeber lässt nun Gehacktes mit Hörnli für alle auftischen, und Toni mit dem roten Pullover geht schnurstracks zu Christoph Blocher, um ihm die Hand zu schütteln. Leider ist das Fernsehteam noch nicht auf Sendung.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 02.01.2018, 16:53 Uhr

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