Wie das Spital Affoltern überleben will

Die Spitalführung präsentiert ihre Zukunftsstrategie: Neubau mit ambulantem Operationszentrum, Fokussierung auf die Altersmedizin und enge Zusammenarbeit mit dem Zürcher Stadtspital Triemli.

Leere Betten im Spital Affoltern: Am 19. Mai entscheiden die 14 Gemeinden des Zweckverbandes über die Spitalzukunft.  Foto: Samuel Schalch.

Leere Betten im Spital Affoltern: Am 19. Mai entscheiden die 14 Gemeinden des Zweckverbandes über die Spitalzukunft. Foto: Samuel Schalch.

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Nach jahrelangen Querelen um die Zukunft des Spitals Affoltern ist es in jüngster Zeit auffällig ruhig geworden. Grund sind die Gemeindewahlen vom Frühling. Die Wechsel in den Behörden haben auch zu personellen Änderungen im Spital-Zweckverband geführt. Die Delegiertenversammlung ist zu 80 Prozent personell erneuert, und die siebenköpfige Betriebskommission hat drei neue Mitglieder und einen neuen Vorsitzenden, den Hau­se­mer Gemeindepräsidenten Stefan Gyseler.

Die Betriebskommission ist das strategische Führungsorgan. Sie hat in den vergangenen Monaten die Situation des Spitals analysiert und die künftige Ausrichtung geplant. Eine wichtige Rolle spielte dabei Heinz Spälti, der langjährige frühere Präsident des Verbandes Zürcher Krankenhäuser, der ebenfalls Mitglied der Betriebskommission ist. Er sagt: «Es ist politisch ruhig geworden. Wir erhalten mehrheitlich positive Meldungen. Die Leute stehen zum Spital.»

Wichtiger Arbeitgeber

Spälti hat, zusammen mit Spitaldirektor Michael Buik, dem TA die aktuelle Strategie vorgestellt, die gestern Abend auch den Delegierten präsentiert wurde. Ziel ist, den Betrieb als Akutspital weiterzuführen, aber neu auszurichten. Die Umwandlung in ein grosses Pflegezentrum war für die Spitalführung keine Option. Anfang Jahr hatte sich die private Firma ins Spiel gebracht, die schon in Grenchen ein Spital in ein Pflegezentrum umgenutzt hat. «Für die Betriebskommission ist klar, dass wir nicht verkaufen wollen», sagt Spälti. Die Akutversorgung des Knonauer Amtes könnte zwar problemlos durch umliegende Spitäler wie das Triemli und das Kantonsspital Zug sichergestellt werden, doch viele Ämtler hängen an ihrem Spital, und dieses ist ein wichtiger Arbeitgeber.

Das Spital Affoltern hat im Wesentlichen zwei Probleme: Seine Infrastruktur ist veraltet, und als Kleinspital machen ihm die zunehmend strengen Vorgaben des Kantons betreffend Fallzahlen und Wirtschaftlichkeit zu schaffen. Ab 2019 darf es zum Beispiel keine Wechseloperationen für Hüft- und Kniegelenksprothesen mehr durchführen, weil diese in Affoltern selten sind. Der Kanton will mit den Mindestfallvorgaben Gelegenheitsoperationen verhindern.

Um zu überleben, will das Kleinspital auf seine Stärke fokussieren und noch mehr als bisher mit anderen Gesundheitsinstitutionen inner- und ausserhalb des Kantons kooperieren.

Altersmedizin ist gefragt

Die Stärke des Spitals Affoltern ist der interdisziplinäre Behandlungsansatz. Hier wird nicht nur operiert und dann entlassen. Hier werden alte, mehrfach erkrankte Patientinnen ganzheitlich therapiert. Hier dürfen todkranke Menschen sterben; die Palliativabteilung war eine der ersten im Kanton. Und hier werden auch psychiatrische Behandlungen angeboten; die Station für Mutter und Kind ist einmalig. Während in der klassischen Chirurgie die Zahlen rückläufig sind, wächst laut Spitaldirektor Buik der Bereich Akutgeriatrie jährlich um 20 Prozent. Sein Wunsch ist, dass die alten Menschen künftig auch die Reha in Affoltern machen können. Dazu braucht das Spital einen Auftrag des Kantons. Der Zeitpunkt für einen Antrag ist gut: 2022 vergibt der Regierungsrat sämtliche Leistungsaufträge neu.

Das Spital Affoltern, so wie es die Betriebskommission vorsieht, wird weiterhin eine Chirurgie und eine Innere Medizin haben, denn diese Fachgebiete sind essenziell für die Akut­geriatrie. Geplant ist ein Neubau oberhalb des Altbaus für rund 100 Millionen Franken. Die Bettenabteilung ist voraussichtlich etwas kleiner als bisher, dafür nehmen die ambulanten Dienste mehr Raum ein.

Entsprechend dem Trend, immer mehr Eingriffe ambulant durchzuführen, soll eine moderne Tagesklinik mit schlanken Strukturen entstehen, wo günstiger operiert werden kann als in einem traditionellen Spital, das auf stationäre Patienten ausgerichtet ist. Damit wird das Regionalspital wieder interessant für Belegärzte, also externe Chirurgen, die ihre Patienten für einen Eingriff nach Affoltern bringen.

Ein wichtiger Partner ist für Buik und Spälti das Triemli, mit dem man bereits seit vielen Jahren in gewissen Fachbereichen zusammenarbeitet. Nun hat die Betriebskommission mit den Zürcher Stadtspitälern – Triemli und Waid stehen neuerdings unter einer Leitung – eine noch engere Kooperation vereinbart. So könnte es sein, dass dereinst Triemli-Chirurgen regelmässig ambulante Operationen in Affoltern durchführen. Im Gegenzug schickt Affoltern seine komplizierten Fälle ins Triemli. Auch in nicht-medizinischen Bereichen wollen die beiden kooperieren.

Das Volk muss zustimmen

In den kommenden Monaten werden mehrere Arbeitsgruppen die Zusammenarbeit konkretisieren. Und die Betriebskommission des Spitals Affoltern wird die Bevölkerung im Kno­nau­er Amt informieren und versuchen, sie von ihrem Konzept zu überzeugen. Denn wie es mit dem Spital weitergeht, entscheidet das Volk. Am 19. Mai findet in den 14 Gemeinden des Zweckverbandes eine Urnenabstimmung statt. Drei Schritte müssen die Stimmberechtigten gutheissen, damit die Betriebskommission ihre Überlebensstrategie umsetzen kann: Der Zweckverband wird aufgelöst. Das Pflegezentrum, das heute zum Spital gehört, wird als interkommunale Anstalt organisiert. Und als Trägerschaft des Spitals gründen die Gemeinden eine gemeinnützige Aktiengesellschaft.

«Unser Ziel ist, ein Gesundheitszentrum entstehen zu lassen mit Langzeitpflege, stationärer Spitalbehandlung und einem vielfältigen ambulanten Angebot», sagt Direktor Michael Buik. «So wollen wir eine wohnort­nahe Grundversorgung für die wachsende Bevölkerung im Bezirk Affoltern sicherstellen.»

Erstellt: 29.11.2018, 22:58 Uhr

Zu viele Spitäler

Die Spitäler im Kanton Zürich und auch landesweit befinden sich in einer Umbruchphase. Erstmals seit längerem nimmt die Zahl der stationären Patientinnen und Patienten nicht mehr zu, sondern tendenziell ab, womit die Einnahmen der Spitäler sinken. Grund ist die medizintechnische Entwicklung, aber auch politischer Druck. Immer mehr Operationen können ambulant durchgeführt werden, und der Regierungsrat schreibt den Spitälern vor, dies auch zu tun; er hat eine Liste von über einem Dutzend Eingriffen erstellt, die in der Regel ambulant erfolgen müssen. So kann der Kanton sparen. Denn laut Gesetz muss er die stationären Behandlungen zu 55 Prozent bezahlen, während die ambulanten zu 100 Prozent zulasten der Krankenkassen bzw. der Prämienzahler gehen.

Überdies steuert der Kanton das Angebot über die Spitalliste. Diese legt fest, welches Spital welche Leistungen anbieten darf. Derzeit ist die Gesundheitsdirektion daran die Spitalliste zu überarbeiten. Die Spitäler sind deshalb unter Druck. Und der zeigt Wirkung, unter anderem im Oberland: Uster und Wetzikon planen eine Fusion. (an)

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