Wie eine Zürcher Traditionsfirma ihre Löcher stopfen will

Stokys kämpft mit seinen Metallbaukästen ums Überleben. Eine Online-Plattform soll die Firma aus Bauma retten, eine Ausstellung im Technorama mithelfen.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Stanzmaschine ruht, daneben stapeln sich Aluschienen, zugedeckt mit einem Fixleintuch. Metallspäne auf dem Boden zeugen von letzten Arbeiten. In einer Vitrine steht ein zusammengeschraubtes Metallkarussell. Es ist kalt in der Industriehalle, vor dem Fenster liegt grau das Tösstal. Das alles wirkt trostlos, stände da zwischen den bis zur Decke gefüllten Gestellen nicht der ältere Mann mit Bart, der strahlt. «Willkommen bei der Firma Stokys», sagt Ernst Leimbacher, «noch gibt es sie.»

Einst standen die Grundbaukästen von Stokys in fast jedem Schweizer Kinderzimmer. Generationen tüftelten an neuen Konstruktionen mit den Metallbauteilen. Doch diese Zeiten sind vorbei. Gerade kürzlich hat ein Händler in Winterthur Stokys aus dem Sortiment genommen. Knapp 400 Kästen verkauft die Firma mit Sitz in Bauma jährlich noch, die Hälfte des Umsatzes generiert Stokys mit dem Verkauf von Einzelteilen. Das Traditionsunternehmen kann aber nur überleben, weil Ernst Leimbacher, ein Liebhaber und Schrauber, und die zwei anderen Mitarbeiter tageweise unentgeltlich arbeiten.

Handfestes als Ausgleich

Das will Geschäftsführer Beat Schaufelberger nun ändern. Er sagt: «Wir müssen einen Schritt vorwärts machen, um Stokys zu retten.» Bausätze für Fernsteuerungen, die Zusammenarbeit mit Schulklassen genügten nicht mehr, eine Auslagerung der Produktion nach China hätte der Firmenphilosophie widersprochen. Fit machen für die digitale Zukunft, hiess deshalb die Devise. «Nur so wird das wertige Spielzeug nachhaltig.»

Schaufelberger möchte eine Online-Plattform einrichten, auf der Tüftler ihre Ideen und Bauanleitungen austauschen, Ersatzteile vergünstigt bestellen und auf 3-D-Files der Bauteile zugreifen können. Auf dem Heim-3-D-Drucker sollen künftig ergänzende Zusatzteile selbst gedruckt werden können. Auch in der Robotik sieht Schaufelberger Potenzial. So wurde der Prototyp für den Rodel-Simulator mit Stokys-Teilen gebaut. Zugang zur Plattform erhält, wer ein Jahresabo für 50 Franken löst. «So können wir die Innovation aller sichtbar machen.» Das Crowdfunding für das Projekt läuft seit dieser Woche.

Ruft zum Spenden auf: Stokys-Geschäftsführer Beat Schaufelberger. Video: Stokys

Dass Beat Schaufelberger diesen Weg wählt, kommt nicht von ungefähr. Der 47-Jährige ist seit 25 Jahren IT-Fachmann, Stokys war als Kind nicht seine Welt. Doch dann stiess er während eines Sabbaticals auf Stokys und war angetan von der handfesten Materie. «Sie weckte auch in mir Emotionen.» Er nimmt einen Mähdrescher aus dem Gestell und lässt den Motor laufen. Das sei doch einfach unglaublich, wie dieser Schlosser aus dem Zürcher Oberland das komplizierte Arbeitsgerät nachgebaut habe. Schaufelberger begann nicht etwa zu schrauben, sondern stand dem Betrieb beratend zur Seite. Vor zwei Jahren übernahm er die Firma.

Gründung im Krieg

Seine Gründung verdankt Stokys dem Zweiten Weltkrieg. Das englische Unternehmen Meccano hatte bereits seinen ersten Metallbaukasten auf dem Markt, das deutsche Unternehmen Märklin übernahm die Vertretung auf dem europäischen Kontinent. Doch mit dem Krieg endete der Import der Baukästen. Das spornte die Luzerner Brüder Stockmann an, 1941 einen eigenen Baukasten zu entwickeln. Die Verkaufszahlen erreichten 1974 ihren Höhepunkt. Kurz darauf verkauften die Gebrüder ihre Firma, Besitzerwechsel folgten.

Die Liebhaber, allen voran die Mitglieder des Clubs Amateure für Metallbau, hielten den Stokys die Treue. Leimbacher begann vor einigen Jahren wieder zu tüfteln, nachdem der gelernte Schreiner als Kind schon geschraubt hatte. Heute konstruiert er, was ihn fasziniert. So hat er kürzlich nach einer Reise nach Dresden die Brücke «Das blaue Wunder» kopiert, weil er von der Technik so fasziniert war. Sein Nachbau der Stanserhorn-Cabriobahn, mit zwei statt einer Kabine, ist im Technorama ab heute zu sehen, angetrieben mit einem Lego-Motor. Leimbacher sagt: «Das ist das Schönste, das ich je gebaut habe.»

Jubiläumsausstellung: 24.–26. März, Technorama Winterthur. www.stokys.ch (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 24.03.2017, 09:29 Uhr)

Artikel zum Thema

Länger warten auf die «Wunderbrücke»

Die Baubewilligung ist da, die Stadt Winterthur beteiligt sich an den Kosten, doch die geplante spektakuläre Plattform im Technorama soll nun doch erst 2020 bereitstehen. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

TA Marktplatz

Kommentare

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Polizei in Rosa: Demonstranten bewarfen die Ordnungshüter in Nantes (Frankreich) mit Farbe. (16. November 2017)
(Bild: Stephane Mahe) Mehr...