Zürcher Kifferträume gehen in Rauch auf

Jeden dritten Tag hebt die Polizei eine Indoor-Hanfanlage im Kanton aus. Was passiert eigentlich mit der beschlagnahmten Ware?

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Sie riechen stark, fressen viel Strom, versprechen hohen Profit – und fliegen regelmässig auf: Indoor­anlagen, in denen Hobby- und Profi-Plantagen­betreiber illegal Cannabis anbauen.

122 solcher Hanf-Indooranlagen mit Pflanzen, Töpfen, Wärmelampen, Bewässerungsschläuchen und Lüftungs­anlagen haben die Zürcher Polizeikorps im vergangenen Jahr im Kanton entdeckt und ausgehoben. 123 Anlagen waren es laut Kantonspolizei im Jahr davor, 197 flogen 2015 auf und 145 im 2014.

Ihre Erfolge im Kampf gegen die illegalen Indoorgärtner vermeldet die Kantonspolizei jeweils routinemässig. «Die Anlage wurde anschliessend fachgerecht entsorgt», heisst es dann in der entsprechenden Mitteilung. Dabei werden die Cannabispflanzen nicht einfach kompostiert. «Sie werden in einer Kehrichtverbrennungsanlage verbrannt», sagt Kantonspolizei-Sprecher Stefan Oberlin. Mangels Lagerfähigkeit und wegen drohender Fäulnis müssten sie jeweils sofort entsorgt werden.

Besitzer müssen zustimmen

Ertappte Hanfgärtner zeigen sich «in ­aller Regel einsichtig und stimmen der Entsorgung der Anlage zu», sagt Oberlin. Dabei spielen auch finanzielle Überlegungen mit: Im Fall einer Verurteilung müssten sie für die Kosten der Lagerung der Anlage und Trocknung der Pflanzen aufkommen. Für die direkte Vernichtung der Anlage besteht laut dem Polizeisprecher eine Vereinbarung mit der Oberstaatsanwaltschaft.

Auch der auf Betäubungsmittelfälle spezialisierte Zürcher Rechtsanwalt Stephan Schlegel bestätigt, dass die allermeisten Hanfgärtner bei einer Hausdurchsuchung der Vernichtung von Pflanzen und Anlagen sofort zustimmen. «Sie wissen, dass sie Drogenhanf angebaut haben, und sie sehen daher keine Chance, die Anlage je wieder herauszubekommen.»

Eine wichtige Rolle bei den Razzien spielt ein Schnelltest, mit dem der ­THC-Gehalt der Pflanzen gemessen wird. Dank dem Test lässt sich sofort feststellen, «ob die Pflanzen für Hanfseile verwendet werden oder nicht», wie Oberlin sagt. Nicht beschlagnahmt wird CBD-Hanf. Dieser enthält unter 1 Prozent THC und ist somit legal. Solche ­Anlagen würden aber von der Polizei kontrolliert.

Transport mit Polizeibegleitung

Zuständig für die Entsorgung der Hanfanlagen ist seit mehreren Jahren eine Tochterfirma der Stadtzürcher Dienstabteilung Entsorgung + Recycling Zürich (ERZ): die Rolf Bossard AG aus Niederhasli, die in Zürich auch die Papierabfuhr erledigt. Dies bestätigt ERZ-Sprecherin Leta Filli. Die Firma wird jeweils von der Polizei aufgeboten, um sichergestellte Indooranlagen vor Ort abzuholen und in der Kehrichtverbrennungsanlage zu entsorgen.

«Die Firma ist vertraglich verpflichtet, die Hanfpflanzen diebstahlsicher zu transportieren, und hat sicherzustellen, dass alle Hanfpflanzen vernichtet werden», sagt Kapo-Sprecher Oberlin. Einige Transporte werden von der Polizei begleitet. Wie viele Kilogramm Drogen aus Indooranlagen letztes Jahr verbrannt worden sind, kann die Polizei nicht sagen. Die Kriminal­statistik weist nur die gesamte sicher­gestellte Menge aus, dazu gehört zum Beispiel auch die illegale Einfuhr. Insgesamt stellte die Polizei im vergangenen Jahr im Kanton Zürich 541 Kilo Marihuana, 255 Kilo Haschisch und 95 Kilo Hanf sicher.

In der Kehrichtverbrennungsanlage wird das berauschende Material «direkt in den Ofen eingespeist und zusammen mit anderem Abfall verbrannt», erklärt ERZ-Sprecherin Filli. Das Ganze sei «gesundheitlich unbedenklich». Dank hoch entwickelter Rauchgasreinigung entstünden selbst bei der Verbrennung grosser Mengen von Cannabis keine schädlichen Emissionen.

So sieht eine Indoorplantage aus, bevor sich die Kantonspolizei der «Ernte» annimmt: Ausgehobene Anlage in Illnau. Foto: Kapo ZH

Die Rolf Bossard AG gehört seit 2005 der Stadt Zürich. In die Schlagzeilen geriet die Firma im Zuge der Affäre rund um das ERZ, mit der sich inzwischen eine parlamentarische Untersuchungskommission (PUK) befasst. Aufträge von ERZ waren ohne die nötige Ausschreibung direkt an sie vergeben worden. Ob die Firma auch ab 2019 für die Entsorgung der Hanfanlagen zuständig sein wird, ist derzeit noch offen.

Die Polizei als Kakteenpflegerin

Doch was passiert, wenn ein Hanf­plantagenbesitzer die Zustimmung zur Vernichtung der Anlage verweigert? «Bei fehlender Einwilligung wird die Anlage eingelagert», sagt Kapo-Sprecher Oberlin. Die Dauer der Lagerung hängt vom Gang des Verfahrens ab. Von den Pflanzen werden lediglich die Proben getrocknet und eingelagert – für die Beweissicherung.

Wie Rechtsanwalt Stephan Schlegel sagt, dürfte eine Indooranlage im Weigerungsfalle genau genommen nicht einmal demontiert werden, und die Pflanzen müssten am Leben erhalten werden, bis ein Gericht entschieden hat. In der Praxis komme dies kaum je vor. Schlegel berichtet aber von Fällen, bei denen mutmasslich psychoaktive Kakteen im Auftrag der Staatsanwaltschaft gepflegt wurden, bis geklärt war, ob diese unter das Betäubungsmittelgesetz fallen oder nicht. Zudem erwähnt er einen Fall in Baden, wo Polizisten geerntete Cannabispflanzen über geraume Zeit im Polizeiposten lagern mussten: «Dort roch es dementsprechend, sehr zum Ärger der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.»

Sollte es sich bei einer vernichteten Anlage zudem nicht um eine solche für Drogenhanf handeln, drohen Entschädigungsforderungen. Das zeigte ein Fall im Jahr 2000 in Ossingen im Weinland, wo sich die Betreiber einer grossen Cannabisplantage gegen die Vernichtung ihrer Hanffelder wehrten. Die Polizei hatte damals tonnenweise Hanf erst häckseln und dann kompostieren lassen.

«Es werden jeweils erhebliche Werte zerstört. Deshalb hat man die Anlagen früher verkauft, nicht zerstört.»Stephan Schlegel, Rechtsanwalt

Es werden jeweils «erhebliche Werte» zerstört, gibt Anwalt Schlegel zu bedenken. Früher seien sichergestellte Indoor­anlagen denn auch nicht vernichtet, sondern verkauft worden. Was jedoch einen problematischen Kreislauf in Gang setzte: Eingezogene Anlagen wurden auf diese Weise ein wenig später erneut zum Aufbau einer illegalen Anlage gebraucht. Deshalb gingen die Strafbehörden dazu über, diese zu vernichten. Schlegel: «Das freut die Hersteller und Verkäufer dieses Zubehörs, die so mit unfreiwilliger Staatshilfe vom Drogenbusiness profitieren.»

Den Zürcher Strafbehörden bescheinigt der Anwalt eine insgesamt korrekte Vorgehensweise bei der Sicherstellung von Hanf-Indooranlagen. Fraglich sei allenfalls, woher die Polizei jeweils ihre Erkenntnisse über die Anlagen erlange und welches «teilweise sehr geringe Mass an Indizien» als ausreichend angesehen werde, um einen Hausdurchsuchungsbefehl zu bekommen.

Streng geheimes Drogenlager

Während die Cannabisentsorgung einer Privatfirma überlassen wird, gilt bei der Entsorgung anderer Drogen eine erhöhte Sicherheitsstufe. Die Vernichtung von beschlagnahmtem Heroin, Kokain, Amphetamin oder auch Kath übernimmt die Polizei selber. Diese Substanzen werden auf Anordnung der Staats­anwaltschaft «alternierend und nach ­Bedarf» in einer Kehrichtverbrennungsanlage verbrannt, heisst es bei der ­Zürcher Kantonspolizei. Begleitet werden die Polizisten dabei von Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen des Lebensmittelinspektorats. Sie kontrollieren, ob Menge und Art der Drogen mit den amtlichen Dokumenten übereinstimmen. Ansonsten hält sich die Polizei bedeckt: «Über die Entsorgungen ab Betäubungsmittellager der Polizei wird absolute Geheimhaltung geführt.»

iPhone, App-Store, Apple (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.06.2018, 06:14 Uhr

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