Wie leicht Junglenker an Sportboliden kommen

Der 20-jährige Unfallfahrer von Dietikon hat den BMW mit 600 PS nur geliehen. Altersgrenzen gibt es im Geschäft mit Rennwagen nicht.

Ein Unfall mit schlimmen Folgen: Der junge Lenker des BMW verletzt eine 42-jährige Frau und ihre 4-jährige Tochter schwer. Foto: Kantonspolizei Zürich

Ein Unfall mit schlimmen Folgen: Der junge Lenker des BMW verletzt eine 42-jährige Frau und ihre 4-jährige Tochter schwer. Foto: Kantonspolizei Zürich

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Es ist die Horrorvorstellung jedes Autofahrers. Ein Fahrzeug rast auf einen zu. Frontalkollision. So geschehen am letzten Samstag in Dietikon. Ein junger Lenker verliert die Kontrolle über sein Auto, die korrekt fahrende 42-jährige Frau und ihre 4-jährige Tochter werden beim Unfall lebensbedrohlich verletzt. Sie liegen noch immer im Spital.

Der Unfallverursacher, ein 20-jähriger, in Dietikon lebender Mann, kommt mit leichten Verletzungen davon. Den 600 PS starken BMW hat er von einem 19-jährigen Kollegen ausgeliehen, der ihn wiederum von einem Autovermieter geliehen hat. Dies hat der Unfallverursacher bei der Einvernahme zu Protokoll gegeben. Der Unfallverursacher befindet sich in U-Haft. Für die Staatsanwaltschaft besteht der dringende Verdacht auf zu schnelles Fahren. Tatbestand: Rasen. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Selbstüberschätzung und riskantes Verhalten

Die Statistiken zeigen: Neu- und Junglenker zwischen 18 und 24 Jahren haben das deutlich höhere Risiko, an einem schweren Unfall beteiligt zu sein, als alle anderen Altersgruppen. Und sie verursachen diese häufig selber. Laut der Beratungsstelle für Unfallverhütung liegt das einerseits an der mangelnden Routine, andererseits an der Selbstüberschätzung sowie dem riskanteren Verhalten der Junglenker.

Dass ein Junglenker mit einem Sportboliden verunfallt, gibt es oft. Erst am Mittwoch hat ein anderer BMW-Fahrer einen Unfall in Effretikon verursacht. Dem 19-Jährigen brach das Heck seines Wagens aus, und er kollidierte mit einem entgegenkommenden Kleintransporter. Nicht selten handelt es sich aufgrund von fehlendem Geld bei den Jungen bei derartigen Unfällen um ein geleastes oder gemietetes Auto.

«Ich würde es begrüssen, wenn die Autos erst ab 21 vermietet werden dürften.»Pasquale Recupido, Autovermieter

Klar ist: Neulinge auf der Strasse kommen problemlos an PS-starke Boliden heran. Dutzende kleine Firmen im Kanton Zürich leihen Lamborghini, BMW oder Ferrari für ein paar Hundert Franken tage- oder stundenweise aus. Das Geschäft boomt in den letzten Jahren. Zwar gilt nicht für alle Autovermietungen, dass sie an Neulinge vermieten. Bei einigen gilt für die grossen Sportwagen eine Alterslimite von 21 Jahren, bei grossen Autovermietungsfirmen sogar 25 Jahre. Doch wer sich den Traum vom Statusgewinn durch Rennboliden erfüllen möchte, kann ohne weiteres auf die anderen, die kleineren Händler ausweichen; eine gesetzliche Vorschrift gibt es nicht.

Einige Vermieter von Sportwagen äussern sich kritisch zu dieser Praxis. «Ich würde es begrüssen, wenn die Autos erst ab 21 vermietet werden dürften», sagt Pasquale Recupido von der Luxus-Autovermietung Luxury Scuderia. Bei ihm kann erst einen Sportwagen mieten, wer 21 Jahre alt ist. Recupido kann sich sogar vorstellen, die Grenze auf 25 Jahre zu erhöhen. Die Praxis, Ferraris theoretisch am Tag der bestandenen Fahrprüfung an 18-Jährige vermieten zu können, unterwandert für ihn die geltende Regelung. Diese sieht eine dreijährige Probezeit nach bestandener Fahrprüfung vor.

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Auch für Mike Egle, Sprecher von Road Cross, ist eine Erhöhung des Mindestalters bei der Vermietung von PS-starken Sportautos denkbar. In erster Linie zählt der Sprecher der Stiftung für Verkehrssicherheit aber auf die Eigenverantwortung der Autovermieter. Dass einige von ihnen diese durchaus wahrnehmen, zeigt ein Autovermieter aus Winterthur, der anonym bleiben will und Sportwagen bereits an 18-Jährige vermietet. Er sagt: «Wir instruieren unsere Kundschaft genau, wie sie die Wagen handhaben sollen.» Es gebe auch Fälle, in denen sie Sportautos nicht vermieten würden: Wenn sie einen unseriösen Eindruck vom Mieter hätten.

Leistungsbegrenzungen in Italien und Kroatien

Viele europäische Länder kennen Gesetze für Junglenker, etwa striktere Promillegrenzen. Auch in der Schweiz dürfen Neulenker während drei Jahren nur absolut nüchtern fahren. In Italien gilt für sie zusätzlich eine reduzierte Höchstgeschwindigkeit von 100 statt 130 km/h auf der Autobahn, in Kroatien sind es 120 statt 130 km/h für Fahrer unter 24 Jahren. Ausserdem dürfen die Fahranfänger in Italien im ersten Jahr nur Autos mit einer Leistung von maximal 55 kW respektive 75 PS fahren. In Kroatien gilt unter 25 Jahren eine Beschränkung auf 75 kW oder 102 PS.

Ähnliche Bestrebungen gab es auch in der Schweiz, nur liegen sie schon eine Weile zurück. 2008 wollte eine Gruppe von Parlamentarierinnen und Parlamentariern eine vergleichbare Regelung durchsetzen: Analog zu den Motorradfahrern sollten auch Autolenker nur Wagen fahren dürfen, die eine gewisse Leistung nicht überschreiten.

Nach zwei Jahren wurde der Vorstoss abgeschrieben. Eine altersbezogene Leistungsbeschränkung war seither politisch kein Thema mehr. Doch selbst der Vermieter von Luxusautos, der anonym bleiben will, sagt: «Ich kann mir eine Lösung mit plombierten Autos vorstellen.»

Erstellt: 11.10.2019, 18:37 Uhr

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