Wie sich «Top 5» selber toppt

Teflon, Watte und ein ausgebuffter PR-Profi bei den bürgerlichen Regierungsratskadidaten, «Problem Fehr» bei den Linken.

Von links: Ernst Stocker, Natalie Rickli, Robert E. Gubler, Silvia Steiner, Carmen Walker Späh und Thomas Vogel. Foto: Reto Oeschger

Von links: Ernst Stocker, Natalie Rickli, Robert E. Gubler, Silvia Steiner, Carmen Walker Späh und Thomas Vogel. Foto: Reto Oeschger

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Stimmung zwei Monate vor den Zürcher Regierungsratswahlen zeigt sich deutlicher, als allen lieb ist, an der Personalie Köppel. Man spricht vor allem über seine Kandidatur, FDP und SVP fetzen sich – dabei will Köppel gar nicht in den Regierungsrat, sondern im Herbst in den Ständerat. Die Regierungsratswahlen dagegen sind spannungsarm, da es Grüne und Grünliberale nicht geschafft haben, ernsthafte Konkurrenz aufzustellen. Und weil Grüne und SP nicht mal ein gemeinsames Wahlplakat zustande bringen.

So verkam die Medienkonferenz des bürgerlichen Fünfer­tickets gestern in Zürich zu einem Gala-Schaulaufen ohne Konkurrenz. Weil die fünf alle mit einer komfortablen Wahl rechnen dürfen, sind sie lieb miteinander: Ernst Stocker (SVP, bisher), Natalie Rickli (SVP, neu), Silvia Steiner (CVP, bisher), Carmen Walker Späh (FDP, bisher) und Thomas Vogel (FDP, neu). Sie gaben sich als Team ohne politische Widersprüche – und das erst noch in einer Frauenmehrheit. Sie nennen sich nicht mehr «Top 5» oder «Fünf gewinnt» wie früher. Der Slogan lautet cool: «Zürich geht es gut».

Kein Jammern, keine Angst vor kriminellen Ausländern, keine utopischen Steuersenkungen, kein Angriff auf die «Linken und Netten». Die Bürgerlichen klopfen sich selber auf die Schultern: Die Mehrheit aus FDP, SVP und CVP in Regierung und Parlament hats gut gemacht. Und damit die glorreichen fünf nicht einschlafen, steht noch auf dem Plakat: «Wir arbeiten weiter daran».

Inszeniert hat diesen Auftritt erneut ein ausgebuffter Profi: Robert E. Gubler, Vorsitzender des Forums Zürich, das wiederum eine Plattform aller Zürcher Wirtschaftsverbände ist. Der bald 70-jährige Gubler ist der Löwenbändiger im bürgerlichen Käfig, der Charmeur mit dem Teflonspray, der quietschende Scharniere beruhigt.

Was Zampano Gubler bloss antönt: Pro investierten Werbefranken erhält die bürgerliche Seite mehr, wenn es ihr gelingt, den Kantonsrat bürgerlich zu bewahren. Bei den Regierungsratswahlen schaukeln SVP, FDP und CVP ihre 5:2-Mehrheit wohl sicher heim. Zumal Polizeidirektor Mario Fehr (SP) bloss als halber «Sozi» gilt. Und nur die pointierte Linke Jacqueline Fehr als amtierende Justizdirektorin nicht allen Bürgerlichen in den Kram passt. Gubler und sein Wirtschaftsforum setzen deshalb alles daran, dass auch der Kantonsrat bürgerlich bleibt.

Heute haben SVP, FDP und CVP 93 von 180 Sitzen, die Mehrheit ist also knapp und funktioniert längst nicht immer. Fast jeden Montag gibt es Abstimmungen im Kantonsrat, bei denen die SVP aufläuft. Die FDP bekommt dann den Vorwurf zu hören, sie lege sich mit den Linken ins «Lotterbett».

Solche Divergenzen wurden gestern zum Start des bürgerlichen Wahlkampfs nicht hervorgestrichen. Bildungsdirektorin Silvia Steiner lobte die gute Zusammenarbeit. Thomas Vogel sprach so positiv über die Kantonspolizei, als möchte er Mario Fehr beerben. Carmen Walker Späh gab sich selber Bestnoten für die Infrastruktur auf Schiene und Strasse. Natalie Rickli gab die abgeklärte Staatsfrau, ohne die Steuervorlage 17 zu erwähnen oder die linke Justizdirektorin anzugreifen. Ernst Stocker schliesslich hatte am allerwenigsten Mühe, die gesunden Staatsfinanzen zu rühmen.

Was können die Linken und die Mitteparteien gegen dieses geölte Räderwerk und finanziell gut dotierte Bündnis im bürgerlichen Kanton Zürich ausrichten? Eine Mehrheit in der Regierung zu erreichen, ist so gut wie unmöglich. Im Parlament dagegen winken neue Mehrheitsverhältnisse, sofern die SVP einbrechen sollte. Beeinträchtigt wird der Wahlkampf durch das «Problem Fehr» – Mario Fehr. Die SP unterstützt zwar Martin Neukom (Grüne) und Walter Angst (AL). Die Delegierten hatten dies allerdings beschlossen, bevor Grüne und AL entschieden, von der SP nur Jacqueline Fehr, nicht aber Mario Fehr zu unterstützen.

Für die Strategen bei SP und Grünen heisst das: Keine gemeinsame Medienkonferenz und kein gemeinsames Plakat; es gibt weder ein linkes Dreier- noch ein Viererticket. Die grüne Präsidentin Marionna Schlatter sagt: «Die gegenseitige Unterstützung und Zusammenarbeit der Parteien funktioniert trotzdem sehr gut, auch weil die SP die Unterstützung von Martin Neukom nie von unserem Entscheid zu Mario Fehr abhängig gemacht hat.»

SP-Co-Präsident Andreas Daurù lobt zwar ebenfalls die gute Zusammenarbeit mit den Grünen. «Wir stehen hinter den Kandidaten der Grünen und der AL und empfehlen diese auch zur Wahl. Wir hätten gerne ein Viererticket geschnürt.» Dem Betrachter bietet sich somit ein widersprüchliches Bild: Politisch sind sich Grüne und SP und sogar die AL in der Parlamentsarbeit einiger als FDP und SVP. Die Bürgerlichen übertünchen jedoch ihre Differenzen im Wahlkampf, und die Linken können nicht über ihren Schatten springen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.01.2019, 09:30 Uhr

Artikel zum Thema

Zürcher Verwaltung will weg von Papierrechnung

Mehr als neun von zehn Rechnungen werden auf dem Papier abgewickelt. Das soll sich nun drastisch ändern. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Paid Post

Frauen wetteifern um Sex-Dates!

Casual-Dating ist ein Spiel. Zumindest für Simone und ihre Freundinnen, die gegenseitig um Sex-Dates wetteifern. Ihre Spielwiese: die grösste Erotik-Plattform der Schweiz.

Kommentare

Blogs

Tingler Konsum der Konträrfaszinierten
Mamablog Papa haut mich nicht!
Geldblog Neuartiges GPS-System mit viel Potenzial

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Die Welt in Bildern

Friede, Freude, Farbenrausch: Schülerinnen in Bhopal feiern das indische Frühlingsfest Holi. Das «Fest der Farben» ist ein ausgelassenes Spektakel, bei dem sich die Menschen mit Farbpulver und Wasser überschütten (19. März 2019).
(Bild: Sanjeev Gupta) Mehr...