Zum Hauptinhalt springen

«Wie viel zahlen Sie Obama fürs Gespräch?»

Die Zürcher Theologin Christina Aus der Au interviewt Ende Mai Barack Obama und Angela Merkel für ein Podium. Nervös ist sie nicht.

Michael Meier
Sie steht bald im Rampenlicht: Christina Aus der Au im Kreuzgang des Grossmünsters. Bild: Sabina Bobst
Sie steht bald im Rampenlicht: Christina Aus der Au im Kreuzgang des Grossmünsters. Bild: Sabina Bobst

Sie werden am 25. Mai vor dem Brandenburger Tor Barack Obama und Angela Merkel interviewen. Am Kirchentag, den sie präsidieren. Schon nervös? Noch bin ich nicht nervös. Ich werde mir vorausgehend ein paar Interviews mit Obama, aber auch mit Merkel anschauen. Die ganze Veranstaltung wird in enger Abstimmung mit der Obama-Foundation und dem Kanzleramt organisiert, da steht auch eine ganze Maschinerie dahinter.

Werden Sie auch Fragen zur Politik von Obamas Nachfolger stellen? Nein. Da kann Obama ja auch gar nichts sagen, ohne in ein Fettnäpfchen zu treten. Wir wollen ihn zu seinen eigenen Überzeugungen befragen. Der Event steht unter dem Titel «Engagiert Demokratie gestalten – Zu Hause und in der Welt Verantwortung übernehmen».

Die Flüchtlingspolitik kommt sicher zur Sprache. Gewiss. Es ist ja Kirchentag. Wir haben Obama eingeladen, weil er einen christlichen Hintergrund hat und diesen explizit als Motor seiner Politik bezeichnet. Ebenso Angela Merkel, die, nicht nur als Pfarrerstochter, für das Christliche einsteht und immer an den Kirchentagen aufgetreten ist.

Wie viel zahlen Sie Obama? Barack Obama erhält kein Honorar. Und die Veranstaltung ist kostenlos.

«Die Sicherheitsanforderungen haben sich verändert, wir sind aber ein Kirchentag und keine Hochsicherheitsveranstaltung.»

Dafür werden die Sicherheitsvorkehrungen enorm sein. Wir arbeiten eng mit Polizei und Sicherheitsbehörden zusammen. Diese attestieren uns hohe Professionalität. Wie für alle öffentlichen Grossveranstaltungen haben sich auch für den Kirchentag die Sicherheitsanforderungen in jüngster Zeit verändert, in Berlin gerade auch nochmals nach dem Attentat am Weihnachtsmarkt. Wir sind aber Kirchentag und kein WEF, keine Hochsicherheitsveranstaltung.

Wie kommen Sie als Schweizerin und in Zürich tätige Theologin überhaupt zur Ehre, den Kirchentag 2017 zu präsidieren? Er ist ja das Highlight des ganzen Luther-Jubiläums.

Ich wurde 2007 als erste Schweizerin ins 25-köpfige Präsidium des Kirchentags gewählt und später in den leitenden Vorstand. Damit einher ging, dass ich den Kirchentag 2017 in Berlin präsidieren würde. Man wollte eine Theologin, eine reformierte Schweizerin und keine deutsche Lutheranerin, um eben die Vielfältigkeit der Reformation zu zeigen.

Im Vorstand sass bis vor kurzem auch Frank-Walter Steinmeier. Hat er Obama geholt? Der Kirchentag, die Evangelische Kirche Deutschland und das Kanzleramt haben ihre je eigenen Drähte nach Washington, und alles zusammen hat am Ende zum Erfolg geführt.

Wie würden Sie den Zürchern schmackhaft machen, an den Kirchentag nach Berlin zu pilgern? Es hat immer zwischen 800 und 900 Schweizer an Kirchentag. Wir sind die grösste Gruppe ausländischer Teilnehmer. Ich rechne damit, dass wir diesmal die Tausendermarke knacken werden. Am Kirchentag kann man erleben, wie bunt und wie relevant eine Veranstaltung von Christinnen und Christen in dieser Gesellschaft ist und wie man ins Gespräch kommt mit hochrangigen Vertretern aus Wirtschaft und Politik.

Kennen wir das in der Schweiz gar nicht?

Wir haben schon auch Kirchentage, allerdings sind die bei uns viel kircheninterner. Meines Wissens war noch nie ein Bundesrat an einem Kirchentag. In Deutschland hat der Kirchentag hingegen bei vielen Politikern einen festen Platz im Terminkalender. Sie wären geradezu beleidigt, wenn sie nicht eingeladen würden.

«Die Kirche Deutschlands agiert in Deutschland viel stärker im politischen Bereich als in der Schweiz.»

Glaube und Konfession scheinen in Deutschland überhaupt viel stärker mit Politik und Politikern verbandelt zu sein als bei uns. Ich merke immer mehr, wie säkular wir in der Schweiz sind. Wie Politiker, selbst wenn sie religiös sind, darüber öffentlich nicht reden, weil sie Angst haben, ihre Neutralität zu verlieren. Das ist in Deutschland nicht so. Hier kann ein Politiker sagen: Ich bin evangelisch und engagiere mich aus dem Glauben heraus. Joachim Gauck hat das super gemacht, Steinmeier, der übrigens reformiert, nicht lutherisch ist, ebenso. Auch Johannes Rau und Richard von Weizsäcker waren stark evangelisch geprägt. Einen Pfarrer als Bundespräsidenten könnten wir uns in der Schweiz gar nicht vorstellen. Auch die Evangelische Kirche Deutschland agiert viel stärker im politischen Bereich als etwa der Schweizerische Evangelische Kirchenbund. Neulich konnte man lesen, drei der wichtigsten Politikerinnen Deutschlands hätten einen kirchlichen Hintergrund: Angela Merkel, die Pfarrerstochter, Katrin Göring-Eckardt, die frühere Theologiestudentin, und Frauke Petry, die Ex-Frau eines Pfarrers.

Lassen sich Politiker vom Kirchentag inspirieren? Von der christlichen Flüchtlingspolitik zum Beispiel?

Angela Merkel hat ja von Anfang an die These vertreten, dass wir das schaffen. Und sie trifft am Kirchentag auf Menschen, die extrem engagiert sind in der Unterstützung und Integration von Flüchtlingen. Ohne diese würde das gar nicht funktionieren. Die Politiker merken, dass die Menschen am Kirchentag nicht nur ein Wählerpotenzial, sondern auch ein grosses Potenzial von Engagierten und Freiwilligen repräsentieren.

Aber alles und alle unter christlichem Vorzeichen?

Ja, aber mir ist wichtig, dass wir das Christliche in seiner ganzen Breite und Vielfalt abbilden. Von den ganz Frommen bis zu den liberalen Christen, alle kommen sie zum Kirchentag. Hauskreisvereinigungen nehmen genauso teil wie Schwulen- und Lesbenverbände.

Dass Sie die AfD eingeladen haben, hat zu Kontroversen geführt. Der letztjährige Katholikentag in Leipzig hatte es abgelehnt, AfD-Politiker einzuladen. Wir wollen bewusst nicht aufs Parteibuch schauen, sondern darauf, ob die Menschen etwas zum Thema zu sagen haben. Tatsächlich haben wir jetzt eine Podiumsveranstaltung mit dem evangelischen Berliner Bischof Markus Dröge, der gesagt hatte, Christ und AfD-Mitglied zu sein, gehe nicht zusammen. Er wird jetzt mit Anette Schultner, der Vorsitzenden der Christen in der AfD, just zu diesem Thema debattieren. Ich möchte niemanden vom Dialog ausschliessen. Schliesslich steht der Kirchentag unter dem Motto: «Du siehst mich».

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch