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Wie viele der 120 Prostituierten wurden tatsächlich geschlagen?

Sozialarbeiterinnen, die im direkten Kontakt mit Sexarbeiterinnen stehen, greifen den Bericht über den Strassenstrich am Sihlquai an. Sie kritisieren die Ergebnisse als übertrieben.

Arbeiten teils unter unmenschlichen Bedingungen: Prostituierte auf dem Strassenstrich am Sihlquai. (Symbolbild)
Arbeiten teils unter unmenschlichen Bedingungen: Prostituierte auf dem Strassenstrich am Sihlquai. (Symbolbild)
Keystone

Ist die Lage am Sihlquai wirklich so schlimm, wie sie geschildert wurde? Wichtige Organisationen wie die Fachstelle für Frauenhandel und Frauenmigration, die Stadtmission sowie die Heilsarmee äussern sich skeptisch zu der Befragung, die das städtische Sozialdepartement vor einigen Tagen publik machte. Darin berichten 120 ungarische Prostituierte von ihren katastrophalen Lebensbedingungen.

Regula Rother, Leiterin der Stadtmission und deren Beratungsstelle Isla Victoria, einer Organisation für die Unterstützung der Frauen im Sexgewerbe, fehlen aussagekräftige Zahlen. «Wie viele der 120 Interviewten wurden geschlagen oder schlecht behandelt?», fragt sie. Die im Bericht des Sozialdepartements geschilderte Gewalt scheint ihr übertrieben. «Ich erlebe das Milieu weit weniger gewalttätig.» Zudem sei Gewalt im Zürcher Ausgehverhalten normal geworden.

Mahnung zur Vorsicht

Generell mahnt Rother zur Vorsicht, was die Glaubwürdigkeit der Aussagen der Prostituierten betrifft. «Sie sagen oft das, was das Gegenüber am liebsten hören möchte.» Die Schlussfolgerung ist für sie offensichtlich: «Der Bericht soll eine abschreckende Wirkung bei Freiern und Ungarinnen erzielen, die mit dem Gedanken spielen, in Zürich auf den Strich zu gehen.»

Auch für Staatsanwältin Silvia Steiner, die in der Vergangenheit etliche Prozesse gegen Roma-Zuhälter durchführte, ist der Bericht nicht repräsentativ. Er lasse keine Schlussfolgerung auf die generelle Situation für alle am Sihlquai arbeitenden Prostituierten zu, weil nur ungarische Roma-Frauen befragt wurden. Dass deren Lebensbedingungen sehr schwierig seien, habe man schon vorher gewusst.

Die schweizerisch-ungarische Befragung ergab, dass die Mehrheit der Frauen auf dem hiesigen Strassenstrich Roma sind. Doro Winkler, Mediensprecherin bei der Fachstelle für Frauenhandel und Frauenmigration (FIZ), stört sich daran, dass die Situation am Sihlquai zu einem Roma-Problem gemacht wird. «Es ist nicht entscheidend, ob die ungarischen Frauen Roma sind», sagt sie. Entscheidend ist, dass 60 Prozent der Frauen Kinder haben und dass sie aus wirtschaftlichen Gründen hier sind.» Es sei kein kulturelles Problem, sondern ein soziales.

80 Prozent wollen aussteigen

Auffällig ist für Winkler, dass 80 Prozent der Sexarbeiterinnen aussteigen wollen. Doch was heisst das? Handelt es sich dabei um selbstbestimmte Sexarbeiterinnen oder um Frauen, die unter Zwang arbeiten? Diese Unterscheidung fehlt Winkler in der Umfrage. Für Opfer von Frauenhandel, die aussteigen wollen, gebe es heute eine gute Unterstützung, welche die FIZ in Zusammenarbeit mit anderen Akteuren aufgebaut habe.

Für freiwillige Sexarbeiterinnen, die aussteigen möchten, seien aber kaum Unterstützungsstrukturen da. «Welcher Arbeitgeber gibt einer ehemaligen Prostituierten eine Chance?», fragt Winkler. Daran zeige sich die gesellschaftliche Ausgrenzung der Sexarbeiterinnen, die ihnen einen Ausstieg erschwere. Deshalb vermisst die Fachfrau Massnahmen, mit denen Aussteigerinnen konkret weitergeholfen werden könnte.

Kritik äussert auch die Heilsarmee. Cornelia Zürrer-Ritter ist seit 15 Jahren Gassenarbeiterin und für die Heilsarmee im Rotlichtmilieu an der Zürcher Langstrasse tätig. Sie findet, «der Druck auf die Frauen wird zusehends verstärkt, aber man müsste bei den Freiern ansetzen, sie sind ja für die Gewalt verantwortlich».

Ausbeutung bleibt

Michael Herzig vom Sozialdepartement, der die Umfrage in Ungarn vorstellte, setzt alle Hoffnungen auf die Sexboxen, die frühestens im Frühjahr 2013 in Alt­stetten auf einer Industriebrache eingerichtet werden. Dann wird der Strassenstrich am Sihlquai aufgehoben. Die Gewalt werde sich vermindern. «Aber die Ausbeutung können wir nicht wegbringen», betont er, «genauso wenig wie das Armutsproblem.» Er findet es wichtig, dass die schweizerisch-ungarische Zusammenarbeit verstärkt wird. «Wir haben eine Verpflichtung gegenüber diesen Frauen.»

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