Wie Zürcher Schulen digital aufrüsten

Primarschüler lernen bald programmieren. Dafür gibts jetzt neue Computer und Tablets.

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Für sie beginnt am Montag eine neue Zeit: Mehr als 15'000 Kinder starten die Schule, 3500 von ihnen in der Stadt Zürich. Die Mädchen und Buben gehen alle in die erste Klasse einer Volksschule, lernen nach demselben Lehrplan und sollten somit am Schluss des ersten Jahres Ähnliches können. Doch in einem unterscheiden sich ihre Schulen stark: im Umgang mit Computern und der digitalen Welt. Während einige Lehrerinnen und Lehrer schon heute wie selbstverständlich mit iPads arbeiten, steht anderen für die ganze Klasse nur ein alter Computer zur Verfügung – der ab und zu kaputt ist. Das muss sich in diesem Jahr ändern. Ab dem nächsten Sommer sollen alle Schulen fit sein für den Lehrplan 21, der das neue Fach «Informatik und Medien» mit sich bringt. Darin lernen Kinder ab der 5. Klasse programmieren. Sie erfahren, weshalb Facebook jedem individuelle Werbung zeigt, welche Spuren sie im Internet hinterlassen und wie sie einem Roboter das Winken beibringen.

iPads für alle

Die Primarschule Regensdorf zum Beispiel ist im Umgang mit modernen ­Medien kantonal an der Spitze. In der ersten Schulwoche erhalten zwei Erstklässler zusammen ein iPad, also einen flachen Kleincomputer, den sie unter dem Pult verstauen können. Während der Schulstunden nutzen sie ihn, um Wörter nachzusehen, zu fotografieren oder Übungen zu machen, die zum Mathematiklehrmittel passen. Jeder Viertklässler bekommt von der Schule sein eigenes iPad mit eigenem Login und darf das ­Gerät in Absprache mit der Lehrerin und den Eltern nach Hause nehmen.

Mit dem Lehrplan 21 wird es neu das Fach «Informatik und Medien» geben. Dafür beschaffen sich jetzt viele Schulen die Hardware. Foto: Plainpicture, Getty

Mitverantwortlich für die Digitalisierung der Regensdorfer Schule ist Steve Bass. Er sagt: «Das Tablet wird nur dann zum genutzten und alltäglichen Arbeitsinstrument, wenn jedes Kind eines hat.» Der Umgang damit soll so natürlich wie möglich sein. In Regensdorf haben sogar schon Kindergärtler begleiteten Zugang zu einem iPad. Fremdsprachige arbeiten mit gezielten Übungen an ihrem Deutsch. Dass Kinder wissen, wie moderne Geräte und Medien zu nutzen sind, ist auch Bestandteil des neuen Lehrplans 21.

«Das Tablet wird nur alltäglich, wenn jedes Kind eines hat.»

Steve Bass, Medienpädagoge

Für das kantonale Schulamt ist Regensdorf ein Vorbild. Laut der Amts­leiterin Marion Völger sind aber auch 80 Prozent der Primar- und Sekundarschulen im Kanton fit, um ab 2018 das neue Schulfach «Informatik und Medien» zu unterrichten – zumindest aus technischer Sicht. Sie sagt jedoch: «Es gibt auch Gemeinden, die bislang auf den Einsatz mobiler Geräte verzichtet haben.» Bei diesen werde der Veränderungsdruck steigen.

Viele stecken zurzeit mittendrin, Computer und Software anzuschaffen. Dazu gehören auch die beiden Grossstädte im Kanton. Winterthur hat diese Woche gemeldet, dass nun alle Primarschülerinnen und -schüler Zugang zu einem Computer haben werden. Zürich schafft bis im nächsten Sommer wegen des neuen Schulfachs gegen 3000 mobile Geräte beziehungsweise Computer an. Laut dem Projektleiter Andi Hess wird der Stadtrat bald einen Entschluss fassen, wie viele davon die Stadt genau kauft, und er wird das nötige Geld sprechen. Der Betrag wird voraussichtlich im Millionenbereich liegen. Um das neue Fach unterrichten zu können, haben diese Woche zudem 100 Lehrerinnen und Lehrer an der Pädagogischen Hochschule Zürich eine Weiterbildung ge­startet. Dort lernen sie unter anderem programmieren. In den nächsten vier Jahren will der Kanton so 3200 Lehrerinnen und Lehrer weiterbilden.

Infografik: Mehr Kindergärtler und Primarschüler Grafik vergrössern

Wie die Schulen im Kanton Zürich digital aufrüsten, wird auch argwöhnisch beobachtet. In Andelfingen befürchten die Eltern von Sekundarschülern, dass die Tablets ihre Kinder zu sehr ablenken könnten. Auch dort bekommen alle ein Gerät. In der Stadt Zürich wehren sich Eltern wegen der Strahlung gegen zu viel WLAN an den Kindergärten und Schulen. Und in Niederhasli sorgte der ehemalige Schulleiter für Tumult, weil er mittels moderner Technik den Schul­alltag auf den Kopf stellte. Er löste die herkömmlichen Klassen auf und gab allen Schülerinnen ein iPad. Sie programmierten und organisierten sich selbst.

Vermitteltes Halbwissen

Auch Juraj Hromkovic, Professor an der ETH für Informationstechnologie und Ausbildung, steht dem Effort in den Zürcher Schulen misstrauisch gegenüber. Er findet, es werde zu viel Geld und Energie in die Wahl und Anschaffung des richtigen Tablets gesteckt. Viel wichtiger wäre es ihm, wenn sich die Schulen darum kümmern würden, wofür sie diese Geräte eigentlich brauchten – und wie sie den Kindern Programmieren beibringen könnten. Das hält er für eine Fähigkeit, die künftig unverzichtbar sei.

Hromkovics Befürchtung: dass Kinder am Ende der Schulzeit zwar wissen, wie sie ein Tablet und eine App bedienen müssen, von Informatik und der Technik dahinter trotzdem keine Ahnung haben. Für einen guten Infor­matikunterricht brauche es aber nicht für jedes Kind ein iPad, sagt er. «Ein Heft, ein Stift und der Zugang zu einem Computerzimmer pro Schule würden genügen.» Die Investitionen könnten so auch geringer gehalten werden.

Dem Informatikprofessor bereitet auch Sorge, dass die Lehrer an der Pädagogischen Hochschule Zürich für das neue Fach «Informatik und Medien» zurzeit nicht von studierten Informatikern ausgebildet werden. Es werde so eine Art Halbwissen an Unwissende weitergegeben. Rahel Tschopp, Leiterin des zuständigen Bereichs an der Hochschule, sieht diesen Mangel. Man sei daran, Fachkräfte für diese Weiterbildung auszubilden. Der Bereich sei noch jung, man habe erst mit dieser Weiterbildung begonnen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.08.2017, 20:21 Uhr

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Schliesslich stellten sich viele Kinder die Frage: «Wieso braucht man ein Wörterbuch, wenn die Lösung im Internet steckt?» Das neue Fach «Informatik und Medien» ­fokussiert nebst der Informatik deshalb auch darauf, den Schülerinnen und Schülern zu erklären, was hinter Google steckt. Zum Beispiel, weshalb die Suchmaschine nicht allen die gleichen Ergebnisse ausspuckt – und wie das mit den persönlichen Spuren zusammenhängt, die man im Internet hinterlässt. (meg)

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