Wildwuchs in Zürichs Coiffeurbranche

Noch nie gab es in Zürich so viele Coiffeursalons wie heute. Dabei werden auch rechtliche Grauzonen ausgenutzt. Wer überleben will, muss sich etwas Besonderes einfallen lassen.


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Alle vier Tage eröffnet im Kanton Zürich ein neuer Coiffeursalon. Dem eiligen Kunden, der spontan Haare lassen will, dürfte dies gefallen: Beinahe an jeder Strassenecke in der Stadt wartet ein Figaro auf Kundschaft. 1675 Geschäfte gibt es im ganzen Kanton – das sind rund ein Drittel mehr als noch im Jahr 2010. «Die Coiffeure befinden sich in einem knallharten Verdrängungskampf», sagt Véronique Polito von der Gewerkschaft Unia. Das drückt auf die Preise. So sind es vor allem Billiganbieter, die in Zürich wie Pilze aus dem Boden schiessen. Ein kleiner Salon bei der Langstrasse bietet Männerschnitte für 20 Franken an, ein anderer Gratiskopfmassagen.

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«Bei diesen Preisen lassen sich keine anständigen Löhne mehr bezahlen», sagt Polito. Der Unia seien Fälle bekannt, in denen Angestellte zwischen 2500 und 2700 Franken pro Monat verdienen. Im Gesamtarbeitsvertrag (GAV), der zurzeit neu verhandelt wird, ist ein Mindestlohn von monatlich 3800 Franken vorgeschrieben. Die Vorgabe gilt jedoch nur für Coiffeure mit Schweizer oder vergleichbarem Lehrabschluss. Weil die Branche, ähnlich wie die Gastroszene, kaum reguliert ist, darf jeder ohne entsprechende Berufslehre Haare schneiden.

Die Unia und der Berufsverband Coiffure Suisse sind sich grundsätzlich einig: Diese Situation sorgt für ungleiche Spiesse und damit für eine Wettbewerbsverzerrung. Wie dem Problem beizukommen sei, darüber streiten sie sich: «Es braucht einen Mindestlohn von mindestens 3600 Franken für Ungelernte», sagt Polito. Coiffure Suisse hält dies für viel zu hoch und strebt einen Mindestlohn deutlich unter 3000 Franken an: «Wir dürfen den Wert der Schweizer ­Berufslehre nicht gefährden», sagt Verbandspräsident Damien Ojetti. Ein 13. Monatslohn, wie ihn die Unia fordert, kommt für den Verband ebenfalls nicht infrage. Bis Ende Jahr müssen sich die Verhandlungspartner geeinigt haben – dann läuft der aktuelle GAV aus.

Haarschnitt für 25 Franken

Leidtragende der ungewissen Rechtslage sind die Salonbetreiber und ihre Angestellten. Sie müssen sich einiges einfallen lassen, um im Wildwuchs der Branche erfolgreich zu sein. Tiefpreise sind eine Option. Das dachte sich auch Ghamkin Saleh als er 1999 sein erstes Coiffeur­geschäft im Kreis 5 eröffnete. Der Kurde, der einst vor der syrischen Diktatur floh, gilt als Pionier der Zürcher Günstig-Coiffeure. Er hat sich das Handwerk selbst beigebracht und besitzt einen ausgeprägten Sinn fürs Geschäft.

Wer bei ihm rund 20 Minuten den Kopf hinhält, erhält für 25Franken eine neue Kurzhaarfrisur: klassisch oder modern, immer unkompliziert und ohne Firlefanz. In der Geschäftsleitung sitzen inzwischen drei weitere Saleh-Brüder. Gemeinsam schufen sie ein kleines Familienimperium, das neun Salons im Raum Zürich und Basel umfasst. Mit dem Restaurant Damas im Kreis 5 haben sie sich ein zweites Standbein in der Gastrobranche aufgebaut. In diesem Monat eröffnen sie in Wipkingen ein zweites Lokal mit syrischen Spezialitäten. «Unser Hauptgeschäft bleibt aber das Haareschneiden», sagt Berjes Saleh, der die Filiale an der Uraniastrasse leitet.

In seinem Salon empfängt er vorwiegend junge Männer. Deren Markenzeichen: der Undercut – rasierte untere Kopfhälfte und oben etwas länger. «Viele Kunden besuchen uns wöchentlich, auch Frauen», sagt Saleh. Sie würden nicht nur zum Haareschneiden kommen, sondern auch zum Eintauchen in eine andere Welt, eine Art Coiffure orientale: lebendig wie ein Basar, friedlich wie eine Shisha-Lounge.

An guten Tagen verlassen stündlich fünf Kunden das Geschäft. Durch die hohe Frequenz scheint Saleh das zu gelingen, was fast niemand für möglich hält: Tiefpreise und dennoch faire Löhne. Der Geschäftsführer gibt an, dass sämtliche Mitarbeiter einen Basislohn von 3800 Franken plus eine allfällige Umsatzbeteiligung erhalten.

Razzien gegen Schwarzarbeiter

Eine Tiefpreispolitik wie Saleh verfolgen viele Coiffeure, einige davon scheitern. Oder sie begeben sich in die Illegalität. 2014 verhaftete die Kantonspolizei Zürich bei einer Razzia in einem Coiffeursalon in Uster zwei Schwarzarbeiter: eine Rumänin und einen syrischen Asylbewerber. Gemäss Kapo kein Einzelfall: «Es kommt hin und wieder vor, dass wir Schwarzarbeiter in Coiffeursalons antreffen», sagt Sprecherin Carmen Surber.

Das offizielle Kontrollorgan der Branche bildet die Paritätische Kommission (PK). Ihre Massnahmen gegen Schwarzarbeit sind aber so gut wie wirkungslos: Die Coiffeurbesuche werden jeweils telefonisch angekündigt. Die Unia möchte dies ändern: «Wir lassen das in die Verhandlungen miteinfliessen», sagt Polito.Zurzeit greift der GAV nicht flächendeckend. Die Mindestlöhne gelten nur für angestellte Friseure mit Lehrabschluss, nicht jedoch für die Selbstständigen. Diese dürfen sich theoretisch ein Butterbrot ausbezahlen. Zurzeit sind dies im Kanton Zürich 911 Salons, also mehr als die Hälfte. «In gewissen Fällen handelt es sich um eine Scheinselbstständigkeit», sagt Polito. Dabei macht ein Modell Schule, das vor allem in den USA verbreitet ist: Salonbetreiber vermieten Coiffeurstühle an ihre Angestellten. Diese sollen dann als selbstständig gelten und der Arbeitgeber nimmt sich gleichzeitig aus der Verantwortung.

Coiffure Suisse bezeichnet dieses Vorgehen als rechtliche Grauzone: «Es gibt zurzeit kein Gesetz, das ein solches Modell verbietet. Es wird von den Behörden aber auch nicht als Selbstständigkeit anerkannt», sagt Ojetti. So kann es beispielsweise bei der Abrechnung der Mehrwertsteuer zu Problemen kommen. Zusätzlich buhlt eine unbekannte Anzahl sogenannter Badewannen-Coiffeusen um Marktanteile: jene, die zu Hause Haare schneiden – manchmal legal, häufig aber auch schwarz.

Lehre weiterhin beliebt

Trotz widriger Umstände ist die Coiffeurlehre vor allem bei jungen Frauen beliebt. Immer weniger Salons sind jedoch bereit, die hohen Ausbildungskosten zu tragen. Die Coiffeurkette Cut & Color hält den Wert einer abgeschlossenen Berufslehre hoch und wirbt mit professionellen Haarschnitten zu fairen Preisen. Die Friseure besuchen jährlich Weiterbildungskurse, Kadermitarbeiter werden zu einem Führungsseminar in Mallorca eingeladen. Ein Aufwand, der kostet. In seinen schweizweit 13 Salons setzt das Unternehmen auf die «Kunst des Weglassens». Nach dem Haarschnitt übernimmt der Kunde das Föhnen und Stylen selbst, so wird wertvolle Arbeitszeit eingespart, und der Service wird günstiger: «Viele wollen sich von einem Profi die Haare schneiden lassen, übernehmen den Feinschliff aber lieber selbst», sagt Raffaella de Simoni, Mediensprecherin bei Cut & Color.

Einen leichten Rückgang spüren einzelne Coiffeurbetriebe beim Produkteverkauf – ein wichtiger Umsatztreiber: Parallelimporte durch Grossverteiler und der Einkaufstourismus würden das Geschäft erschweren, sagen Branchenvertreter.

Von den Problemen der Coiffeurszene weitgehend unangetastet bleibt Roman Thomaskamp. In seinem Art-­déco-Salon an der Sihl bedient er Kunden im Hochpreissegment. Oftmals «Beauty-Junkies», denen der Preis relativ egal sei. Während einer mehrstündigen Behandlung wird dem Kunden Champagner, Lindt-&-Sprüngli-Schokolade oder frisches Sushi gereicht. Trotz guter Auslastung ist auch Thomaskamp nicht sorgenlos: «Ich bin wie ein Sternekoch und muss meinem Namen gerecht werden.» Er ist Mitglied der «Leading Salons of the World», eine Auszeichnung, die in Zürich zurzeit nur vier Salons tragen. Von mehr Marktregulierung hält er nicht viel. Friseure müssten sich etwas einfallen lassen, um sich von der Konkurrenz abzuheben – egal, in welchem Preissegment: «Nur wer den Salon vollkriegt, ist ein guter Coiffeur.»

Drei Konzepte, die funktionieren

Saleh – der Orientexpress
Salons: 9
Schnitt für Frauen ab: CHF 30.–
Schnitt für Männer ab: CHF 25.–
Ø Zeitdauer: 20 Minuten

Cut & Color – der Do-it-yourself
Salons: 13
Schnitt für Frauen ab: CHF 49.–
Schnitt für Männer ab: CHF 49.–
Ø Zeitdauer: 35 Minuten

Roman Thomaskamp – der Preisgekrönte
Salons: 2
Schnitt für Frauen ab: CHF 100.–
Schnitt für Männer ab: CHF 80.–
Ø Zeitdauer: 2,5 Stunden

(Erstellt: 08.06.2016, 23:05 Uhr)

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