Willkommen in Ufnau, Texas

Die Ufenau ist nicht nur eine Insel im Zürichsee, sondern auch ein Weiler in den USA. Der gemeinsame Name hat eine schweizerisch-amerikanische Freundschaft begründet.

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Wegen einer kleinen Anzeige, die im Herbst 2004 in der «San Antonio Post» erschien, sitzen Margaret und Wallace Brumley aus Texas an diesem schönen Herbsttag auf der Insel Ufenau an einem Holztisch und plaudern mit Martha und Fredy Kümin aus Freienbach. In dieser Anzeige wurde im Norden der 1,3-Millionen-Stadt San Antonio ein Weiler – «a hamlet» – zum Verkauf angeboten. Das Ehepaar Brumley verliebte sich auf Anhieb in die Liegenschaft, die abseits des Highways liegt und den Namen Ufnau trägt.

Ufnau, Texas, scheint in den 1950er-Jahren stehen geblieben zu sein. Dort steht ein Schulhaus, das 1873 von zwölf deutschsprachigen Siedlerfamilien eingerichtet wurde, damit ihre Kinder in der Muttersprache unterwiesen wurden. Mit Schindeldach und auffällig dicken Mauern, denn als das Haus gebaut wurde, waren Indianer in der Gegend, man wollte gewappnet sein. Da gibt es auch ein kleines Lehrerhaus und einen schönen Bestand uralte Eichen. Und einen Friedhof – für Haustiere.

Texas versus Zürichsee

Als Margaret Brumley am Schiffsteg der Ufenau, Schweiz, aus dem Boot klettert, ruft sie aus: «Unglaublich – auf so kleinem Raum so viel anzuschauen.» Und Wallace findet: «Ganz so idyllisch ist unsere Ufnau nicht.» Dann fügt er lächelnd an: «Einen See haben wir aber auch, nicht ganz so gross wie eurer», Eher «a pond», ein Teich, in dem seine Enkelkinder fischen und paddeln. Und welche Ufnau ist grösser? Ufenau CH: 11,2 Hektaren. Ufnau TX: 27 Acres, umgerechnet 10,9 Hektaren. Unentschieden. Es ist bereits der zweite Besuch des Ehepaars aus Texas auf der Ufenau. Nachdem sie 2005 das Anwesen erstanden und instand gesetzt hatten, begannen sie sich dafür zu interessieren, woher der Name kommt. Und sie landeten auf der Homepage der «Freunde der Insel Ufnau». Das war der Anfang einer wunderbaren Freundschaft, sagt Margaret und lächelt Martha zu. Fredy Kümin ist Präsident dieses Vereins.

Obwohl die Burmleys kein Wort Deutsch sprechen und die Kümins nicht mühelos Englisch, verstanden sie sich auf Anhieb. Die Brumleys kamen in die Schweiz, um die «Ur-Ufenau» anzuschauen. Auffällig ist die Schreibweise: Der texanische Weiler schreibt sich wie ursprünglich auch bei uns üblich «Ufnau». Das legt den Schluss nahe, dass mindestens eine der zwölf Familien, die im 19. Jahrhundert aus Europa in die Gegend von San Antonio auswanderten, aus dem Zürichsee-Raum stammte.

Diese Siedler waren damals nicht die einzigen Schweizer, die ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten zogen, weil sie in ihrer Heimat kein Auskommen hatten. Wirtschaftsflüchtlinge eben. Konkreter aber liess sich bis heute weder in Texas noch in der Schweiz herausfinden, wie Ufnau Texas zu seinem Namen kam. «Ufnau One Room School» existierte bis 1945 – danach wollte in den USA kaum jemand mehr Deutsch sprechen oder Deutsch hören.

Vier Jahre dauerte es, bis die Brumleys ihre Ufnau wieder wohnlich gemacht hatten. Dann war es an ihnen, eine Anzeige in der «San Antonio Post» aufzugeben: Sie luden frühere Schüler der «Ufnau School» und deren Familien an einem Wochenende zu einer Besichtigung ein. Und sie baten Martha und Fredy, nach Übersee zu kommen, um den Besuchern von dem fernen Ufenau in der Schweiz zu erzählen. Das Echo war überwältigend, achtmal nahm Martha die Besucher auf eine Tour durch Raum und Zeit mit. Eine Geschichte, die im 2. Jahrhundert mit einem römischen Tempel begann – für US-Bürger kaum vorstellbar. Eine Insel, die bis heute einem Kloster gehört. Really strange.

Der Fund in den Büschen

Eine Hoffnung aber zerschlug sich. Die Brumleys und die Kümins versprachen sich insgeheim, von den Gästen mehr über die Geschichte dieses Ortes zu erfahren. Fast schon befürchteten die Ehepaare, nie ganz gewiss sein zu können, dass zwischen den beiden Flecken tatsächlich eine Verbindung besteht. Bis Fredy Kümin kurz vor der Abreise in den Büschen hinter dem Schulhaus zufällig auf eine verwitterte Holzstele stiess. Die Form kam ihm sofort bekannt vor. Und als er genau hinschaute, blieb kein Zweifel: Was auf den ersten Blick wie ein Vogelhäuschen wirkte, ist unverkennbar ein Abbild der St.-Peter-und-Paul-Kirche, Ufenau CH.

Auch in der Schweiz existiert noch ein anderes Ufenau: ein Restaurant mitten in der Schaffhauser Altstadt. Weder der Wirt noch eingefleischte Schaffhauser oder einschlägig versierte Historiker können den Namen erklären, der erstmals 1896 auftauchte, wie im Stadtarchiv zu erfahren war. Mag sein, dass der damalige Wirt Jakob Speissegger, der den Namen einführte – ein Schaffhauser Bürger zwar –, irgendeine Beziehung zu der Insel im Zürichsee hegte. Denn ob Texas oder Schaffhausen: Die Ufenau ist ein Ort, den man im Herzen mit sich trägt, wenn man ihn verlässt.

Erstellt: 05.10.2016, 20:13 Uhr

Serie: Ab auf die Insel (12)

Margaret und Wallace Brumley sind Eltern dreier Töchter und Besitzer des Weilers Ufnau in Texas. Sie stammen aus Dallas, zogen dann aber nach San Antonio – nach Houston die grösste Stadt dieses Bundesstaates. Dort führten sie gemeinsam eine Firma, die im Bereich Versicherungen Gesamtlösungen für KMU anbot. Mit dem Bau eines Bürogebäudes nördlich von San Antonio wuchs der Wunsch, auch ihren privaten Wohnsitz in diese ländliche Umgebung zu verlegen. Den Weiler Ufnau kauften sie 2005 für 250'000 Dollar mit der Absicht, damit ein Stück Geschichte zu bewahren. Inzwischen pensioniert, begannen sie sich zu fragen, woher der seltsame Namen ihres Alterssitzes kommt. Und stiessen dann im Netz auf «Ufnau Switzerland». (net ) Foto: Reto Oeschger

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