«Wir gehen aus Prinzip nicht in den ‹Häuserkampf›»

Der Winterthurer Philip Bucher hat mit dem Chopfab-Bier den Schweizer Biermarkt erobert – in rasantem Tempo.

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Am Wochenende wird es wieder sommerlich. Welches Bier trinken Sie an einem heissen Sommertag? Chopfab ist als Antwort nicht zulässig!
Vor allem muss es erfrischend sein! Am liebsten ein leichtes, fruchtiges, mit einer schönen Hopfennote.

Vor ein paar Jahren wäre die Frage nach dem richtigen Bier in der Schweiz kaum denkbar gewesen. Hätte man sie gestellt, hätte es nur eine Antwort gegeben: ä Stangä.
Das ist richtig. Noch vor 10 bis 15 Jahren gab es in der Schweiz hauptsächlich Lagerbiere. Dann setzte aber der Trend zu mehr Biervielfalt ein, den es im Ausland schon viel länger gegeben hat. Das war einer der Gründe, weshalb wir uns 2012 für die Gründung unserer Brauerei entschieden haben.

Wie haben Sie die Trendwende wahrgenommen?
Läden mit einem vielfältigen Bierangebot wie Drinks of the World hatten Erfolg. Der Detailhandel stellte plötzlich Regale mit Bierspezialitäten auf. Zudem entstanden in kürzester Zeit viele neue Brauereien: 492 waren es bereits, als wir uns 2012 beim Zoll registrieren liessen.

Und wieso waren Sie überzeugt, dass es die 493. braucht?
Die Schweizer Bierszene bewegte sich, aber beim klassischen Lagerbiertrinker war das noch nicht angekommen. In allen Ländern, die noch vor der Schweiz den Wandel in Richtung mehr Biervielfalt vollzogen, gab es eine oder mehrere Brauereien, die den Trend den traditionellen Bierkonsumenten bekannt machten und dadurch beschleunigten.



Zum Beispiel?
In den USA waren das in den Achtzigerjahren Brauereien wie Sierra Nevada oder später auch Samuel Adams. Für uns war gut vorstellbar, dass jemand diese Rolle in der Schweiz übernehmen kann. Das hat uns zu unserem Bier-Abenteuer motiviert.

Ihr rasanter Aufstieg sorgte auch für Kritik. Zwei Quereinsteiger mit einem Millionenbudget und viel Marketing: Für den Craft-Bier-Romantiker klingt das unsympathisch.
Dass einige kleine Craft-Beer-Brauer sagen: «Die zwei in Winterthur spinnen doch, die rühren mit der grossen Kelle an, das ist kein Craft-Bier», kann es vielleicht geben. Diese kennen leider die Hintergründe unserer Geschichte nicht.

«Momentan wird nur an rund 40 Zapfhähnen unser Bier gezapft.»Philip Bucher, Doppelleu-Brauwerkstatt

Und die wäre?
Wir haben es vor der Gründung geschafft, plausibel darzulegen, dass unsere Strategie funktionieren kann. Mit unserem Businessplan konnten wir zwei Banken überzeugen. Sie liehen uns Fremdkapital, bevor wir überhaupt einen Franken Umsatz gemacht hatten. Das gelingt sonst eher Universitäts-Spin-offs, mit einer bahnbrechenden Idee und dem Patent dazu. Zusätzlich haben wir eigenes Kapital eingeschossen – aber das war bei weitem keine Million, die Aussage über das Millionenbudget ist falsch. Die erste Ausbaustufe unserer Brauerei bestand zudem ausschliesslich aus gebrauchten Geräten.

Sie wachsen sehr schnell. In den knapp fünf Jahren wurde die Brauanlage mehrfach ausgebaut. In diesem Frühling haben Sie mit Boxer, der grössten unabhängigen Westschweizer Brauerei, fusioniert. Wieso?
Boxer suchte eine Nachfolgeregelung. Nur eine andere unabhängige Brauerei kam infrage. Mit Boxer als Zugpferd können wir nun in der Westschweiz unsere Doppelleu- und Chopfab-Biere besser vertreiben – umgekehrt kann Boxer von unserem Vertrieb in der Deutschschweiz profitieren. Zudem ergänzen sich die beiden Biersortimente perfekt.

Inwiefern?
Wenn wir mit Gastronomen gemeinsam ihr Biersortiment besprechen, wurden auch schon geradlinige, trockene Pilsnerbiere gewünscht. Das hatten wir vor der Fusion aber nicht im Angebot. Denn wir brauen ausschliesslich mit obergäriger Hefe, mit Boxer haben wir nun auch ein untergäriges Biersortiment.

Stichwort Gastronomie: Andere Zürcher Biere wie Turbinenbräu oder Amboss sind im Offenausschank viel präsenter als Sie.
Das ist so. Unser Bier gibt es zwar in Hunderten Restaurants, aber momentan wird nur an rund 40 Zapfhähnen unser Bier gezapft. Wir möchten auch in diesem Bereich gerne wachsen, aber nicht zu jedem Preis.

Die Brauerei in Winterthur: 100'00 Hektoliter Bier produziert die Doppelleu-Brauwerkstatt jährlich. Bild: Samuel Schalch

Das heisst?
Wir treten anders auf als traditionelle Brauereien, die sich einen «Häuserkampf» um die Zapfhähne liefern. Diese unterstützen die Gastronomen finanziell mit Darlehen oder Werbebeiträgen, und als Gegenleistung müssen die Gastronomen Exklusivverträge unterschreiben. Wir machen das aus Prinzip nicht, denn es widerspricht unserem Verständnis von Biervielfalt, Exklusivverträge passen nicht dazu. Das Verhalten der traditionellen Brauereien ist aber nachvollziehbar.

Weshalb?
Sie verlieren kontinuierlich Marktanteile im Detailhandel, wo der Konsument heute aus enorm vielen unterschiedlichen Bieren auswählen kann. Diesen Verlust möchten sie in der Gastronomie um jeden Preis verhindern.

Sie markieren dafür mit Ihren Dosen im Detailhandel Präsenz.
Mittlerweile ist mehr als jedes dritte Bier, das in der Schweiz getrunken wird, ein Dosenbier. Gegen diesen klaren Trend zu schwimmen, wäre keine gute Idee.

Dosenbier hat aber auch den Ruf des Billigbiers.
Das war mal, heute ist das anders. Eigentlich ist die Dose ein optimaler Behälter. Die Haltbarkeit hat zwei Feinde: Licht und Sauerstoff. Hat man den Brau- und Abfüllprozess im Griff, macht auch der Sauerstoff keine Probleme. Und welche zwei Verpackungen lassen kein Licht an das Bier? Das Fass für die Gastronomie und die Dose. Deshalb werden heute vermehrt auch Spezialitätenbiere in Dosen abgefüllt. Im Ausland gibt es erste Craft-Bier-Brauerein, die ihre Biere ausschliesslich in Dosen abfüllen.

War es nicht einfach so, dass Ihnen die Dose den Weg in den lukrativen Detailhandel ebnete?
Dies ist nicht ganz richtig. Wir sind mit drei verschiedenen Bieren rund ein Jahr nach der Gründung bei Coop gestartet. Davon war nur eines in der Dose. Coop begrüsste es selbstverständlich, dass wir sie im Angebot hatten, denn sie wussten, dass sich Dosen gut verkaufen lassen. Aber auch die beiden Flaschenbiere verkauften sich von Beginn weg sehr gut.



Neu veranstalten Sie Rennen auf Bierharassen, das Chopfab-Race. Ihr Marketing erinnert an Red Bull.
Bei unserem Marketing stehen wir vor der Herausforderung, dass wir gleichzeitig anspruchsvolle, teure Biere und unser unkompliziertes Chopfab-Dosenbier vermarkten müssen. Beim Chopfab-Race geht es schliesslich darum, ein positives Erlebnis zu schaffen, das sich vielleicht viral verbreitet und so die Marke bekannter macht. Wir haben kein Werbebudget wie die Grossbrauereien.

Und bei den Spezialbieren?
Da legen wir den Fokus auf die Geschichte hinter den verschiedenen Doppelleu-Bieren und deren unterschiedliche Stile und Aromen, und auch zu welchem Essen sie besonders gut passen.

«Die ideale Lufttemperatur liegt zwischen 22 und 27 Grad.»Philip Bucher

Sie brauen zwar in Winterthur, werden aber in der Stadt weniger als Lokalbier wahrgenommen als Stadtguet oder Euelbräu. Stört Sie das?
Es ist die logische Konsequenz unserer Firmenstrategie. Nachdem die internationalen Bierkonzerne die lokalen Brauereien aufgekauft hatten, gab es einen starken Trend hin zur Regionalisierung. Viele kleine Brauereien, auch Stadtguet und Euelbräu, differenzierten sich besonders über die Herkunft. Wir wollten uns aber über die Biervielfalt differenzieren.

Wieso?
Wir sind der Überzeugung, dass das Geschmackserlebnis und die Vielfalt den Konsumenten wichtiger sind.

Craft-Beer ist auch nur ein Trend, der wieder einbrechen kann.
Ein Bierkonsument vergisst doch nicht plötzlich wieder, dass ein Bier auch anders schmecken kann, als eine Stangä! In keinem Land ist der Trend bisher verschwunden. In einzelnen Ländern hat sich das Wachstum etwas verlangsamt – aber auf hohem Niveau.

Wie wichtig ist heute noch ein schöner Sommer für eine Brauerei?
Einen Hitzesommer wünschen wir uns nicht. Die ideale Lufttemperatur liegt zwischen 22 und 27 Grad. Ist es heisser, wird mehr Wasser getrunken. Regnet es, sinkt der Bierkonsum ebenfalls. Verschiedene Biere sind aber unterschiedlich stark von der Saisonalität betroffen.

Weshalb?
Dunkle Biere, wie ein Stout, werden vermehrt im Winter getrunken, unser helles Draft dagegen mehr im Sommer. Bei den Spezialitätenbieren sind die Schwankungen hingegen am geringsten, die haben ihre Liebhaber – und die trinken ihr Bier unabhängig vom Wetter. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.07.2017, 11:03 Uhr

Der rasante Aufstieg der Doppelleu-Brauwerkstatt

Die Doppelleu-Brauwerkstatt ist besser unter dem Namen ihres meistverkauften Biers bekannt: Chopfab. Ende 2012 haben Philip Bucher und Jörg Schönberg die Firma gegründet. Beide arbeiteten zuvor in Kaderpositionen in Marketing- oder Vertriebsabteilungen, waren also Quereinsteiger mit einem ausgefeilten Businessplan und Fremdkapital der UBS und der Bank Linth. Auf dem Pan-Gas-Areal in Winterthur beschäftigten sie anfangs vier Mitarbeiter und hatten das mittelfristige Ziel, jährlich 5000 Hektoliter Bier zu produzieren. Seither hat die Firma die Kapazität der Brauerei dreimal ausgebaut, auf mittlerweile 100’000 Hektoliter Bier pro Jahr und beschäftigt in Winterthur rund 40 Mitarbeiter. Kürzlich wurde die Fusion mit der grössten unabhängigen Brauerei der Westschweiz (Boxer) beschlossen. Damit gehört Doppelleu nun zu den grössten unabhängigen Schweizer Brauereien. (sip)

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