«Wir haben Basel gewählt, weil in Zürich der Platz fehlte»

Frank Marreau vom Kongressorganisator MCI sagt, dass die Stadt ein grosses, neues Kongresszentrum brauchen könnte. Er warnt aber vor falschen Erwartungen.

Der Fifa-Kongress fand letztes Jahr im Hallenstadion statt, für viele andere Kongresse fehlt hier laut Frank Marreau aber etwas Entscheidendes.

Der Fifa-Kongress fand letztes Jahr im Hallenstadion statt, für viele andere Kongresse fehlt hier laut Frank Marreau aber etwas Entscheidendes. Bild: Walter Bieri/Keystone

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Herr Marreau, Private planen und bauen derzeit in und um Zürich drei neue Kongressräumlichkeiten, zusätzlich zum bestehenden Kongresshaus am See. Wird hier ein Überangebot aufgebaut?
Nein. Ich bin davon überzeugt, dass der Markt in den kommenden Jahren weiter wachsen wird.

Was macht Sie so sicher?
Einerseits die Studien, die der Schweizer Verband für Live-Kommunikation regelmässig macht. Andererseits ist unsere Gruppe weltweit in anderen Verbänden vertreten, wo Untersuchungen auf internationaler Ebene stattfinden.

Warum sollte diese Branche trotz getrübter gesamtwirtschaftlicher Lage wachsen?
Die Gesellschaft drängt wieder stärker dazu, sich live zu begegnen und sich eins zu eins auszutauschen. Natürlich wird es einen Mix geben mit digitalen Formen, aber die persönliche Begegnung wird ganz klar im Vordergrund stehen.

«In Wien hat sich die Politik dafür eingesetzt, die Infrastruktur bereitzustellen, und mit Erfolg grosse Kongresse angezogen.»

Die Verfechter eines grossen, neuen Kongresszentrums mitten in Zürich argumentieren, dass man über 3000 Plätze und mehr verfügen müsse, um in der Topliga der Kongresse mitspielen zu können. Stimmt das?
Nur 5 Prozent der Kongresse weltweit haben mehr als 1000 Teilnehmer, insofern ist das die Topliga. Wenn ich in die Rolle der Stadt Zürich schlüpfe, sehe ich das Problem, dass sie dafür als Kongressdestination noch nicht so gut gerüstet ist wie zum Beispiel Wien. Dort hat sich die Politik stark dafür eingesetzt, die entsprechende Infrastruktur bereitzustellen, und die Stadt hat mit Erfolg grosse Kongresse angezogen.

Was für Grosskongresse könnte Zürich mit der richtigen Infrastruktur anziehen?
Zum Beispiel solche, die in Verbindung mit Medizin und Wissenschaft stehen, denn Kongresse gehen immer aus von Meinungsbildnern, die in der Destination beheimatet sind. Ein Beispiel: Wir haben eben einen Kongress organisiert mit 2500 Teilnehmern aus dem Bereich der Steuerberatung weltweit. Dafür haben wir Basel gewählt, weil das der einzige Ort in der Schweiz war, wo er durchführbar war. Mit der nötigen Infrastruktur hätte dieser Kongress aber gut auch in Zürich stattfinden können.

Zürich hat doch schon das Hallenstadion, das Platz für bis zu 13'000 Leute bietet, und bald kommt noch eine Halle in Stettbach dazu.
Das Hallenstadion ist wohl geeignet für Generalversammlungen, aber ihm fehlt die nötige Zahl an zusätzlichen Räumen, die man an Kongressen braucht, um nebst den Plenarveranstaltungen auch Workshops abzuhalten. Der Eventpark in Stettbach, der derzeit gebaut wird, ist eine Nummer kleiner als das Hallenstadion, aber ansonsten ähnlich.

Hat Zürich eine realistische Chance, sich in der Topliga zu etablieren? Trotz des grossen Vorsprungs, den andere Städte haben?
Das Umfeld ist sicher schwierig wegen der Frankenstärke. Und kurzfristig ist es sowieso nicht machbar. Sie müssen wissen, dass in diesem Jahr entschieden wird, wo die Kongresse im Jahr 2020 stattfinden werden. Die Vorlaufzeit ist enorm. Bei den ganz grossen Kongressen fallen die Entscheide sogar fünf bis sechs Jahre im Voraus.

«Das Umfeld ist schwierig wegen der Frankenstärke. Und kurzfristig ist sowieso nichts machbar.»

Was bedeutet das für Zürich?
Man sollte meiner Meinung nach versuchen, mit Kongressen für 1000 bis 2000 Teilnehmer ein Renommee aufzubauen, um dann auch attraktiv zu werden für die grösseren Kandidaten.

Ein Argument für einen Neubau im Herzen der Stadt lautet, dass sich Kongressteilnehmer nicht in der Peripherie treffen wollen, sondern den Blick auf See und Berge verlangen. Trifft das zu?
Zürich hat nun mal das Image, klein, aber fein zu sein, mit viel Natur und Weitblick. Die Leute kommen doch, um sich auszutauschen und nicht fürs Sightseeing. Das ist zu kurz gedacht. Es gibt nicht nur die Tagesveranstaltungen, sondern auch das ganze Drumherum. Zum Beispiel Abendveranstaltungen von Sponsoren. Und da hilft die Lage sehr.

Was spricht gegen ein grösseres Kongresszentrum am Flughafen?
Der Circle ist mit Blick auf die Lage im Nachteil, dafür verfügt er über direkten Anschluss an den Flughafen und eine grosse Zahl neuer Hotelzimmer. Daran erkennt man, wie sich dieser Standort positionieren wird. Dort werden eher Eintages-, allenfalls Zweitageskongresse stattfinden, aber nicht die längeren. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 07.01.2016, 16:07 Uhr

Frank Marreau leitet die Zürcher Niederlassung der auf Kongresse spezialisierten Firma MCI. Diese hat sich seit der Gründung in Genf vor knapp dreissig Jahren zum weltweit grössten Organisator von Kongressen, Firmenanlässen und Meetings entwickelt. Sie beschäftigt 2000 Mitarbeiter und ist in über 30 Ländern tätig. (Bild: PD)

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