Wir müssen über Flugsicherheit reden!

Über den Fluglärm wird weit mehr debattiert als über die Flugsicherheit. Diese gilt als selbstverständlich. Aber das könnte ein Trugschluss sein.

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Eigentlich ist es ein Missverhältnis. Während der Streit um den Fluglärm weit über Zürich hinaus emotional geführt wird, herrscht weitgehend Funkstille, was die Flugsicherheit angeht. Nach mehr Ruhe wird aus allen Himmelsrichtungen laut gerufen. Der Streit lässt sich, gerade in einem Wahljahr, politisch gut bewirtschaften. Weit weniger populär ist die Diskussion um die Sicherheit – solange kein Passagierjet abstürzt oder mit einem anderen Flugzeug kollidiert.

Das ist verständlich. Während die Anwohner den Lärm tagtäglich mit eigenen Ohren ertragen müssen, sind Sicherheitsdefizite im Luftraum weder hör-, sicht- noch spürbar. Sie sind daher auch nicht so sehr ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gedrungen. Sicherheit gilt als Selbstverständlichkeit.

Behörden sind besorgt

Dieses Sicherheitsgefühl könnte trügen. Beim Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl) und bei der Flugsicherung Skyguide herrscht erhebliche Besorgnis. In den vergangenen Wochen wurden aussergewöhnlich viele Fälle von Freizeitpiloten registriert, die unerlaubt in den Luftraum des Flughafens eingedrungen sind. In den letzten zehn Jahren ist es am Zürcher Himmel 14-mal zu gefährlichen Annäherungen zwischen Flugzeugen gekommen. Einzelne gingen nur dank enorm viel Glück glimpflich aus.

Das An- und Abflugregime in Zürich ist für alle Beteiligten komplex und deshalb fehleranfällig. Das haben die Experten der Sicherheitsuntersuchungsstelle mehrfach unmissverständlich dargelegt. Falls, was wir nicht hoffen, einmal ein Flugzeug abstürzt, werden die Experten den fatalen Fehler, der zur Katastrophe geführt hat, bei einem Lotsen oder einem Piloten finden. Doch eine Mitschuld trifft bei Fehlern immer auch das überkomplexe System, mit dem der Flughafen Zürich heute betrieben wird. Nur wird dieses nie auf einer Anklagebank sitzen.

«Für mehr Sicherheit müssen sich alle Akteure bewegen.»

Es ist dringend nötig, das in Zürich praktizierte An- und Abflugverfahren robuster zu machen. Deshalb darf sich der politische Diskurs nicht allein um den Lärm drehen. Im Spannungsfeld, in dem der Flughafen Zürich steht, ist der Lärm einer von drei bestimmenden Faktoren. Hinzu kommen die Sicherheit – und die Wirtschaftlichkeit.

Ein ausgelasteter Flughafen beschert der Flughafenbetreiberin, der Fluggesellschaft Swiss und Skyguide volle Kassen. Aber auch die Volkswirtschaft profitiert und damit der Tourismus, die Schweiz, die Stadt Zürich und die umliegenden Kantone.

Es ist ein diffiziles Geflecht, in dem sich der Flughafen befindet. Im Idealfall ergänzen sich die unterschiedlichen Interessen: So ist der Lärmschutz einerseits ein individuelles Anliegen der Anwohner, denen ihre persönliche Lebensqualität am Herzen liegt. Gleichzeitig sind ruhige und attraktive Wohngegenden auch aus wirtschaftlicher Sicht interessant. Ebenso hat die Sicherheit eine wirtschaftliche Dimension, weil hohe und zuverlässige Sicherheitsstandards auch ein Standortvorteil sind.

Keine Tabus, nirgends

In der Realität führen die uneinheitlichen Interessen aber vor allem zu Konflikten: Wer mehr Ruhe will, sagt damit gleichzeitig, dass er keine höhere Kapazität will – andernfalls würde er sich dem Vorwurf aussetzen, Abstriche bei der Sicherheit zu machen. Wer für maximale Kapazität bei optimaler Sicherheit plädiert, nimmt in Kauf, dass der Lärm steigt. Wer für die totale Sicherheit einsteht, stellt sich gegen das Streben nach Ruhe und Wirtschaftlichkeit.

Mit anderen Worten: Soll die Sicherheit im Zürcher Luftraum verbessert werden, sind Kompromisse nötig. Alle Akteure müssen sich bewegen. Damit Kompromisse überhaupt möglich sind, darf es aber keine Tabus geben. Unbeliebte Themen wie der Südstart ab Piste 16 mit geradem Weiterflug gehören genauso auf den Tisch wie kostspielige Personalaufstockungen oder Sperrzeiten.

Erstellt: 12.08.2015, 23:46 Uhr

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