«Wir werden künftig einige Start-ups von Pensionierten erleben»

Vorurteile gegenüber älteren Menschen müssen wir abbauen – auch im Wohnungsbau, sagt Eveline Althaus von der ETH. Sie organisiert dazu eine Tagung.

Stigmatisierung oder Mittel zur Autonomie? Nicht alle älteren Menschen akzeptieren technische Hilfsmittel wie ein solcher Notfallknopf am Arm.

Stigmatisierung oder Mittel zur Autonomie? Nicht alle älteren Menschen akzeptieren technische Hilfsmittel wie ein solcher Notfallknopf am Arm. Bild: Keystone

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Das ETH-Forum Wohnungsbau widmet sich unter anderem dem Thema, wie Technologien ein selbstständiges Wohnen im Alter unterstützen können. Welche technischen Hilfsmittel sind gemeint?
Es gibt einen dynamischen Markt von Anbietern im Bereich des sogenannten Ambient Assisted Living (AAL). Dieser umfasst verschiedene Methoden, Produkte und elektronische Systeme, die den Alltag älterer Menschen erleichtern. Beispielsweise die Installation von Sensoren in Wohnungen, die registrieren, wenn jemand stürzt oder sonst etwas nicht in Ordnung ist. Auch sogenannte intelligente Assistenten oder Notfallknöpfe, die man auf sich trägt und jederzeit betätigen kann, gehören in diesen Bereich. Allerdings hapert es häufig mit der Nutzerfreundlichkeit und Akzeptanz solcher Möglichkeiten.

Es gibt Vorbehalte gegenüber Hilfsmitteln, die einem das Leben erleichtern?
Ja. Vor allem, wenn die Geräte einen nur auf Alter und Krankheit reduzieren. Einige fühlen sich durch das Tragen eines Notfallknopfes stigmatisiert oder unwohl. Es werden aber zurzeit auch spannende neue Technologien entwickelt, die hier ansetzen und die Bedürfnisse älterer Menschen nach Selbstständigkeit und Sicherheit ins Zentrum stellen. Der weit verbreitete Wunsch, möglichst lange selbstständig zu Hause zu leben, wird damit unterstützt. Auch im sozialen Bereich gibt es neue Ideen, wie man die Autonomie im Alter ausbauen kann.

Welche Ideen sind das?
Seit einigen Jahren setzen immer mehr Wohnbauträger direkte Kontaktpersonen für die Mieter ein. Zur Entlastung im sozialen Bereich entwickelt sich hier ein neues Berufsfeld, für das es verschiedene Namen wie gibt beispielsweise sozialer Hauswart oder Siedlungscoach. Sie kümmern sich um ältere Menschen und unterstützen sie im Alltag mit kleinen Gesten wie beispielsweise beim Tragen von Einkäufen. Bei Bedarf vermitteln sie auch weitere professionelle Hilfe. Und sie bringen Nachbarn miteinander in Kontakt, damit sich die Leute selbst untereinander organisieren können. Aber auch ein Hauswart, der regelmässig vor Ort ist und auch mal mit den Leuten redet, kann schon viel helfen.

Das bedeutet Mehraufwand für die Vermieter. Ist überhaupt eine Bereitschaft da, wenn man in einer Stadt wie Zürich jederzeit andere, «pflegeleichtere» Mieter für ein Objekt finden kann?
Es braucht natürlich ein Bewusstsein und eine Offenheit gegenüber der Thematik. Mieter sind auch Kunden. Und die Zahl der älteren Mieter wird mit jedem Jahr grösser. Auch wird sich die Bewirtschaftungsbranche aufgrund der fortschreitenden Digitalisierung neu orientieren müssen. Diese Serviceorientierung und der Wille, Verantwortung zu übernehmen, sind noch nicht so ausgeprägt. Wichtig ist bei dieser Entwicklung natürlich die Rolle der Gemeinden und Kantone. Sie müssten ein besonders grosses Interesse daran haben, dass Menschen lange selbstständig leben können. Wenn Personen in ein Heim umziehen müssen, verursacht das enorm hohe Kosten.

Wie macht sich Zürich diesbezüglich?
In Zürich existiert ein sehr grosses Angebot an Organisationen und Dienstleistungen, die ältere Menschen dabei unterstützen, zu Hause wohnen zu können. Hier stellt sich eher die Frage, wie man die richtigen Stellen findet und ob die Dienstleistungen auch für kleinere Budgets bezahlbar sind. Gerade wenn die eigenen Energien und Kräfte langsam nachlassen, ist ein niederschwelliger Zugang zu solchen Informationen sehr wichtig. Hier wäre eine zentrale Drehscheibe interessant, eine Telefonnummer für alle Fragen rund ums Alter.

Wann ist eigentlich der richtige Zeitpunkt, um die nötigen Schritte für ein selbstständiges Wohnen im Alter einzuleiten?
Eigentlich dann, wenn es uns noch gut geht. Nur ist es normal, dass sich kaum jemand mit möglichen künftigen Beschwerden beschäftigen will. Wichtig ist vor allem, dass man sich in seinem Lebensumfeld ein Unterstützungsnetz aufbaut. Gute Kontakte und die Hilfe unter Nachbarn ist ein essentielles Element für die Selbständigkeit im Alter.

Ein Referent wird am ETH-Forum zum Thema Ageism – Altersdiskriminierung – sprechen. Was hat das mit Wohnungsbau zu tun?
Wir haben gewisse Bilder von alten Menschen im Kopf, die einseitig sind. Alter bedeutet nicht einfach nur Bedürftigkeit. Von solchen Stereotypen müssen wir uns verabschieden, auch im Wohnungsbau. Die Babyboomer sind beispielsweise ausgesprochen aktiv und entwickeln eigene Wohnprojekte. Sie haben nicht nur viele Ideen, sondern eine gute Lobby. In dieser Altersklasse gibt es viele Ressourcen. Selbsthilfe wird ohnehin immer wichtiger – insbesondere auch für die heute 50-Jährigen, die eine weniger hohe Rente erhalten werden. Ich bin davon überzeugt, dass wir künftig einige Start-ups von Pensionierten erleben werden.

Also sind Alters- und Pflegeheime Auslaufmodelle?
Nein, es braucht immer qualitativ gute und bezahlbare Pflegeeinrichtungen. Es darf aber keine Option mehr sein, dass jemand mit wenig oder gar keinem Pflegebedarf in ein Heim ziehen muss, weil es die einzige finanzierbare Lösung ist. Vielmehr müssen die Rahmenbedingungen geschaffen und verbessert werden, die es den Menschen ermöglichen, so lange wie gewünscht und so lange wie möglich selbstständig in den eigenen vier Wänden wohnen zu können. Da ist nicht nur die Politik gefordert. Es braucht dringend auch bauliche und soziale Lösungen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.03.2018, 18:34 Uhr

«Seit einigen Jahren setzen immer mehr Wohnbauträger direkte Kontaktpersonen für die Mieter ein»: Eveline Althaus vom ETH-Wohnforum. (Bild: zvg)

Eveline Althaus

Dr. Eveline Althaus ist Sozial- und Kulturanthropologin und arbeitet seit 2011 am ETH-Wohnforum – ETH CASE. Sie hat die Tagung zum Thema «Menschen und ihr Zuhause: Demografische Veränderungen, technologische Innovationen & neue Märkte» vom 13. April 2018 mitorganisiert. Althaus hat an der Universität Fribourg und der Humboldt-Universität Berlin studiert. Im Dezember 2015 promovierte sie am Departement Architektur der ETH Zürich. In ihrer Arbeit setzt sie sich mit sozialen und kulturellen Aspekten des Wohnens auseinander. (tif)

Das ETH-Forum Wohnungsbau

Das ETH-Forum Wohnungsbau ist eine ganztägige Fachtagung, die seit 2005 jeweils im Frühjahr vom Forschungszentrum ETH Wohnforum – ETH CASE (Centre for Research on Architecture, Society & the Built Environment) durchgeführt wird. Sie ist eine der wichtigsten Veranstaltungen der ETH Zürich zum Thema Wohnen, Siedlungs- und Stadtentwicklung und ist Treffpunkt von Entscheidungsträgern aus den Bereichen Immobilienwirtschaft, Architektur, Bau und Behörden. Interessenten für die nächste Tagung vom 13. April 2018 können sich noch bis zum 3. April für die Tagung anmelden.

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