Wo bleibt Platz für die Büezer?

Für seinen Film «Der Büezer» hat Hans Kaufmann bei den Handwerkern in der Stadt recherchiert. Er ging der Frage nach, was diese heute in Zürich eigentlich noch wert sind.

Jugendfreunde: Filmer Hans Kaufmann (links) und Schauspieler Joel Basman. Foto: Andrea Zahler

Jugendfreunde: Filmer Hans Kaufmann (links) und Schauspieler Joel Basman. Foto: Andrea Zahler

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Hans Kaufmann sitzt auf einer Festbank vor dem Restaurant Biergarten im Bermudadreieck, mitten im alten Zürcher Milieu. Mit dem schwarzen Hemd, den Cowboystiefeln und dem Truckerschnauz sieht er aus wie einer, der in den 70er-Jahren selber hier hätte verkehren können. Konnte er aber nicht: Regisseur Kaufmann ist erst 28 Jahre alt.

Der Treffpunkt, den er für das Gespräch vorschlägt, ist in seinem ersten Langspielfilm «Der Büezer» nicht bloss anrüchig-lässige Kulisse, sondern ernstes Thema. Es geht darin um den jungen Handwerker Patrick «Sigi» Signer, gespielt von Shootingstar Joel Basman, der mit seinem Schicksal hadert. Weil er als Sanitärinstallateur in angesagten Zürcher Clubs nicht genug Anerkennung bekommt, findet er keine Frau. Und weil er mit seinem Beruf für die Innenstadt zu knapp Geld verdient, lebt er am Stadtrand.

Der Abstieg kränkt

Ein Szenario, das Kaufmann in seinem nächsten Umfeld erlebt hat. «Viele meiner ehemaligen Schulfreunde aus Albisrieden haben mir davon erzählt», sagt er. Diese Kränkung beschäftigte ihn derart, dass er sie zum Grundmotiv seines Filmes machte. Das ehemalige Arbeiterquartier, in dem er sitzt, fasst für Kaufmann das ernste Thema ein. Hier die typischen, einst von Büezern aufgesuchten Kneipen, dort, in unmittelbarer Nachbarschaft, die Kreativagenturen und schicken Bars. Dazwischen Wohnungen für den oberen Mittelstand. Berührungspunkte: fast keine. Kaufmann sagt: «Mich besorgt, dass die Handwerker in einer Stadt wie Zürich einen Bedeutungsverlust erleben.»

Um die Gegend kennen zu lernen, ist Kaufmann tief in die Welt der Handwerker eingetaucht. Während eines Jahres suchte er Baustellen auf, verkehrte im Milieu und filmte Gespräche. Diese Aufnahmen nutzte er für die Dialoge seines Drehbuchs. Man merkt dem Film diese Sorgfalt an. Die Sprache wirkt nicht künstlich, sondern wie dem Alltag entsprungen. Dies hat auch schon die Schweizer Filmszene erkannt, «Der Büezer» lief an den Solothurner Filmtagen zur Primetime. Am 12. September kommt er in die Kinos.

Schauspiel Joel Basman (links) spielt den Handwerker Patrick «Sigi» Signer im Film «Der Büezer» von Hans Kaufmann (rechts). Foto: Andrea Zahler

Sigi Huber kreuzt den Weg vor dem Biergarten. Der bekannte Wirt und Präsident des Gewerbevereins Kreis 4 steht mit Kaufmann seit dem Dreh im Kontakt. Man lacht und bestellt Getränke. Er habe den Film gesehen und sei stolz, sagt Huber. «Kaufmann gab mir das Drehbuch zum Lesen, ich war begeistert.» Nach einigen Gesprächen mit anderen Wirten in der Gegend erhielt Kaufmann im Bermudadreieck Dreherlaubnis. Im Gegenzug gab Kaufmann Sigi Huber und anderen Figuren Nebenrollen, in denen sie sich selber spielten. Wirte, Freier, Sexarbeiterinnen, sie alle tragen zum glaubhaften Grundton des Filmes bei. Zentral ist daneben auch die schauspielerische Leistung von Joel Basman, dem Kaufmann die Rolle des Büezers auf den Leib geschrieben hat. Zusammen entwickelten die Jugendfreunde die Szenen beim Dreh oder im Gespräch. Sie verbrachten mehrere Wochen auf Baustellen, um handwerkliche Abläufe und Sprache zu verinnerlichen. «Wir wollten wissen, wie das geht», sagt Kaufmann.

«Mich besorgt, dass die Handwerker in einer Stadt wie Zürich einen Bedeutungsverlust erleben.»Hans Kaufmann, Drehbuchautor und Regisseur

Dieser Aufwand ist nicht selbstverständlich für einen wie Basman, dessen internationale Karriere gerade an Fahrt gewinnt. Der in Filmen von Autorenfilmern wie Terrence Malik oder Thomas Vinterberg wichtige Rollen spielt. «Ich musste nicht lange überlegen», sagt Basman, «weil ich der Überzeugung bin, dass man auch mit kleinem Budget einen relevanten Film machen kann.»

Kaufmann, der bisher als Auftragsfilmer in der Werbebranche arbeitete, produzierte seinen ersten langen Spielfilm auf eigene Faust. «Ich wollte mir von keiner Produktionsfirma dreinreden lassen», sagt er. Kaufmann zeichnet also als Regisseur, Drehbuchautor und als Produzent von «Der Büezer».

Sehr kurze Drehzeit

Der Preis dafür: Die Drehzeit für den Film betrug lediglich zwanzig Tage. «Ein riesiger Druck, viele schlaflose Nächte», sagt Kaufmann. Was er dafür gewonnen hat, ist eine Freiheit, jenen Themen, die ihn beschäftigen, kompromisslos nachzugehen.

Und so ist «Der Büezer» mehr geworden als bloss ein zufällig in der Stadt Zürich angesiedeltes Sozialdrama. Die Stadt ist nicht nur Kulisse, sondern Schauplatz von Entwicklungen, die globale Bedeutung haben. Es sind Fragen, denen namhafte Soziologen mit Theorien über die Spaltung zwischen Stadt und Land nachgehen. «Wir leben in der Schweiz noch in einer Art Bubble, doch das Thema wird auch bei uns offensichtlicher», sagt Kaufmann. «Die Städte ziehen immer mehr davon.»

Für seine Generation werde diese soziale Ungleichheit irgendwann zum Problem, sagt Kaufmann. Es wird im Alltag an sie herangetragen. Man kann das im Film am Büezer erkennen, den die Umstände in einen aufrüttelnden Showdown treiben. Kaufmann möchte das auch als Warnsignal verstanden wissen. «Es ist wichtig, dass die hiesige Politik sich dieser Themen bewusst wird und handelt.» Es ist also nicht nur der Film, der mehr ist als eine schäbig-schicke Milieustudie. Es ist auch Kaufmann selber, in seinem lässigen Milieu-Look, der mehr ist als eine coole Nummer.

Erstellt: 01.09.2019, 22:19 Uhr

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