Wo der Zug fast durch die Stube rast

Ein Wohnhaus an der Bahnstrecke Zürich–Chur steht so nahe an den Gleisen wie wohl kein anderes in der Schweiz. Die Bewohnerin nimmt es gelassen.

Video: Dominique Meienberg

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«Unsere Stube ist zwei Meter vom Bahngleis entfernt.» Ein gewisser Respekt schwingt mit, wenn Jolanda Zurdo aus Schübelbach SZ über ihre Wohnverhältnisse spricht. Das Haus am Rande des Dorfs in der March steht so nahe an einem Bahngleis wie kaum ein anderes in der Schweiz. «Vom geöffneten Fenster aus könnte ich den Arm ausstrecken und den Zug berühren», sagt die 43-Jährige. Theoretisch zumindest. Denn praktisch verhindert ein Drahtgitter vor dem Schlafzimmerfenster eine solche Annäherung zwischen Mensch und Zug.

Der Gitterkäfig ist ein Schutz der speziellen Art: «Der wurde angebracht, damit wir am Fenster keine Decken ausschütteln und keine Wäsche aufhängen», erklärt Zurdo. Die Wäsche könnte einem Lokführer vors Fenster wehen. Oder, schlimmer, sie könnte in die Strom führenden Fahrleitungen geraten. Umgekehrt soll das Gitter auch verhindern, dass Gegenstände aus vorbeifahrenden Zügen oder solche, die diese aufwirbeln, jemanden am Fenster treffen.

Bauen am Gleis aus Spargründen

Jolanda Zurdo wohnt seit zehn Jahren auf Tuchfühlung mit Schnellzügen. Reisenden, die häufiger auf der Bahnstrecke Zürich–Chur unterwegs sind, wird das Haus womöglich schon aufgefallen sein. «Hoppla, das war jetzt aber knapp», dürfte sich der eine oder andere Fahrgast beim Blick aus dem Fenster schon gewundert haben, wenn der Zug bei Schübelbach plötzlich dicht neben einer Hauswand vorbeirauscht.

Zwar haben die SBB keine entsprechende Statistik, doch laut Lokführern ist das Haus in Schübelbach Rekordhalter in Sachen Gleisnähe. SBB-Sprecher Daniele Pallecchi bestätigt, das Haus gehöre zu jenen, die am nächsten am Gleis stehen. Das ehemalige Bahnwärterhäuschen wurde Anfang des 20. Jahrhunderts erbaut und ist bis heute in SBB-Besitz. Früher wohnte ein Barrierenwärter darin, der die Bahnschranke von Hand bediente. Bahnwärterhäuschen stehen aus Platzgründen traditionell eng an den Gleisen, wie Pallecchi sagt. Dabei dürften auch die Kosten eine Rolle gespielt haben – die Bahn wollte nicht zu viel Geld für Landkäufe ausgeben.

Im ehemaligen Bahnwärterhäuschen in Schübelbach SZ leben Jolanda Zurdo und ihr Sohn Javier nur eine Armlänge vom Gleis entfernt. Foto: Dominique Meienberg

Mit der Zeit gewöhne man sich an die spezielle Lage, sagt Jolanda Zurdo. «An der Autobahn ist es schlimmer», sagt sie. Zudem hätten die SBB vor einigen Jahren nach Lärmmessungen Schallschutzfenster einbauen lassen. Die nützen. Lästig seien gewisse deutsche und österreichische Güterzüge, die «unglaublich laut rattern». Wäsche aufhängen vor dem Fenster darf Zurdo zwar nicht, dafür kann sie mit Lokführern plaudern – von Fenster zu Fenster. Es komme hin und wieder vor, dass Lokführer, die auf der Strecke halten müssen, das Fenster des Führerstands für einen Schwatz öffnen. Andere geben einen Pfiff mit der Lokpfeife ab – als Gruss an die Bewohner.

Probleme mit der Sicherheit hat es laut Zurdo noch nie gegeben. Das Haus ist eingezäunt, damit niemand vom Garten auf die Schienen gelangen kann. Für Ortsunkundige kann die Lage allerdings Überraschungen bergen. Als ein Monteur für die Installation der TV-Satellitenschüssel hinters Haus gehen wollte, wurde er von einem plötzlich vorbeidonnernden Schnellzug überrascht. «Der hatte keine gesunde Gesichtsfarbe mehr, die Werkzeugtasche fiel ihm vor Schreck aus der Hand», erzählt Zurdo.

«Lichtraumprofil» eingehalten

Die Sicherheitsabstände beim Haus entsprechen sämtlichen Vorschriften, versichert SBB-Sprecher Pallecchi. Das sogenannte Lichtraumprofil werde eingehalten. Dieses regelt, wie nahe Bauwerke wie Häuser, Perrondächer oder Tunnelwände dem Fahrzeug kommen dürfen. Festgelegt sind die Normen in der Eisenbahnverordnung des Bundes von 1983. Deren Ausführungsbestimmungen enthalten auch detaillierte Skizzen zu den Sicherheitsabständen.

In der Gemeinde Schübelbach selber war das Haus mit Gleisanstoss bisher kein Thema, wie Bruno Dobler, Leiter des Bauamts, sagt. Es gebe auf dem Gemeindegebiet einige Liegenschaften sehr nahe an der Bahnline. Bemerkenswert: Als die SBB vor einigen Jahren Lärmsanierungsprojekte durchführten, seien einige Hausbesitzer froh gewesen, dass keine Lärmschutzwand vor ihrem Haus geplant war – weil ihnen diese die Aussicht versperrt hätte.

Laut dem ehemaligen Lokführer Ruedi Renggli kommt es auch bei anderen Häusern in Gleisnähe hin und wieder zu speziellen Begegnungen. Vor ein paar Jahren habe vom Balkon eines Altersheims im Kanton Zug jeweils fast täglich eine alte Frau vorbeifahrende Lokführer gegrüsst. «Nachts winkte sie mit der Taschenlampe», erzählt Renggli. Die Lokführer erwiderten den Gruss: «Wir schalteten kurz die Führerstandsbeleuchtung ein.» Eine ähnliche Begegnung hat es 2016 sogar auf die Kinoleinwand geschafft. Der Film «La femme et le TGV» des Schweizer Regisseurs Timo von Gunten erzählt die auf einer wahren Begebenheit beruhende Geschichte einer Frau aus dem Kanton Bern, die vorbeifahrenden Schnellzügen nach Frankreich zuwinkte, deren Lokführer jeweils zurückhupten.

«Andere würden sagen: Nie und nimmer könnten wir hier leben», sagt Jolanda Zurdo. Sie dagegen schätzt den Ort. «Es mag seltsam klingen, aber hier haben wir unsere Ruhe.» Sie meint es im übertragenen Sinn: An dem Ort ausserhalb des Dorfes könnten sie und ihr Sohn Javier ziemlich ungestört leben. Das dürfen sie auch weiterhin. Laut SBB gibt es keinerlei Abbruchpläne.

Erstellt: 20.02.2017, 22:58 Uhr

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