Wo es viele Kinder ans Gymi schaffen

Quoten-Rankings greifen zu kurz. Eine neue Auswertung zeigt, wo es mehr Kinder an die Kantonsschule schaffen als erwartet.

Im Schulkreis Limmattal finden fast doppelt so viele Kinder finden den Weg ans Gymi als erwartet. Foto: Raisa Durandi

Im Schulkreis Limmattal finden fast doppelt so viele Kinder finden den Weg ans Gymi als erwartet. Foto: Raisa Durandi

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Eigentlich charakterisiert den Kreis 4, dass es wenige Sechstklässler ans Gymnasium schaffen. Wenn es darum geht, wo welche Schulen die meisten Kinder ans Gymnasium bringen, führen traditionellerweise Goldküstengemeinden die Ranglisten an. Reiche Elternhäuser bringen Kinder ans Gymnasium. Die Gymiquote liegt dort bei 40 Prozent. Am anderen Ende der Skala finden sich Landgemeinden wie Feuerthalen oder Humlikon, in denen nicht einmal jeder dreissigste Sechstklässler das Gymnasium besucht. So weit, so bekannt.

Eine Analyse des Tamedia-Datenteams zeigt nun: Diese Statistik verhüllt einiges. Und das Ergebnis für den Chräis Chäib fällt plötzlich anders auf. Für eine weniger verzerrte Rangliste muss das soziale Umfeld der Gemeinden und Kreise berücksichtigt werden. «Der Bezug auf die sozialen Umstände bildet die Realität viel besser ab als nackte Übertrittszahlen», sagt Carsten Quesel, Bildungssoziologe an der Fachhochschule Nordwestschweiz. So ergibt sich stellenweise ein neues Bild. Schul­kreise, die wenige Kinder ans Gymnasium bringen sollten, schneiden über den Erwartungen ab. Deutlich zeigt sich das im Schulkreis Limmattal, dem der Kreis 4 angehört.

Um die soziale Belastung zu erfassen, verwendete das Datenteam den sogenannten Sozialindex und berechnete ein statistisches Modell für die vergangenen sieben Jahre. Es würde für den Schulkreis Limmattal eine Übertrittsquote von 6 Prozent voraussagen, tatsächlich liegt diese aber bei 11,7 Prozent. Das heisst, fast doppelt so viele Kinder finden dort den Weg ans Gymi als erwartet.

Zu Besuch im Schulhaus Kern zwischen Langstrasse und Bäckeranlage: Ein Kind ums andere schlendert ins Schulzimmer, gibt der Lehrerin die Hand, setzt sich – acht Nationalitäten und 15 unterschiedliche Erstsprachen. Die Fünftklässler brüten über mathematischen Termen. «Wir sind eine Schule wie viele andere auch», sagt Schulleiterin Katja Röthlin. Und dennoch erklärt sie sich das gute Abschneiden mit Besonderheiten. Keine Lehrperson sei zufällig hier angestellt, sagt sie. Es seien alles hoch engagierte Lehrpersonen, die dieses Umfeld im Stadtkreis 4 gesucht hätten. Hier werde nicht strikt nach Leitfäden gearbeitet, weil sich die Kinder nicht in ein Konzept zwängen liessen. Hinzu komme ein erfahrenes, harmonierendes Lehrerteam, das für Konstanz sorge, den Kindern Sicherheit und «manchen sogar ein bisschen ein Daheim bietet», sagt Röthlin.

Hoch motivierte Lehrpersonen sind in vielen Schulen der Schlüssel zum Erfolg.

Insgesamt sind die Gründe für ein gutes Abschneiden vielfältig, wie Gespräche mit Lehrern, Schulleiterinnen, Schulvorstehern oder Bildungsexperten zeigen. Sicher ist: Es geht dabei um mehr als nur um eine bessere Gymi-Vorbereitung. Mögliche Erfolgsfaktoren wurzeln tiefer. Zum Beispiel beim Schulklima: Viel hänge vom Zusammenspiel von Lehr- und Leitungspersonen ab, sagt Quesel. Ein produktives Zusammenspiel strahle auf die Kinder aus und stelle die Basis für eine gute Kommunikation mit den Eltern dar.

Auch der im Kanton obligatorische Unterricht für Deutsch als Zweitsprache (DAZ) zahle sich aus, also jener Unterricht für alle Kinder «nicht deutscher Erstsprache». Weil DAZ-Lehrpersonen ihr Wissen in andere Fächer einfliessen liessen und auch eine Matheaufgabe so formulieren, dass kein Kind am Verstehen scheitert. Zudem werden Schulen mit einem Fremdsprachenanteil ab 40 Prozent im Kanton Zürich in das Programm «Qualität in multikulturellen Schulen» aufgenommen und erhalten zusätzliche Geldmittel und fachliche Unterstützung. Insgesamt gibt es 120 solche Schulen im Kanton, im Limmattal gehören fast alle dazu. Auch das Schulhaus Kern.

Aber nicht mehr lange. Weil sich das ehemalige Arbeiterquartier wandelt. Vor 20 Jahren zogen die Familien hier weg, sobald die Kinder schulpflichtig wurden: Das nahe Rotlichtmilieu und die Drogenszene in der Bäckeranlage bereiteten Angst. Heute öffnet ein Café nach dem anderen, Häuser werden luxuriös saniert, Migrantenfamilien ziehen weg, neue Kinder kommen dazu, deren Eltern sind Yogalehrer und Architektinnen. Dieser Wandel ist ein Grund für das gute Abschneiden des Limmattals.

Auch mit dem eingerechneten Sozialindex schneiden die reichen Gemeinden am Zürichberg und in den Goldküstengemeinden weiterhin gut ab. «Traditionell hoher Wohlstand paart sich mit traditionell hohen Erfolgserwartungen und einer hohen Affinität zwischen Schule und Elternhaus», sagt Bildungssoziologe Quesel. Es gibt aber Gemeinden, die enttäuschen. In Kappel a. A. etwa hat laut Bildungsstatistik in den vergangenen sieben Jahren kein Kind ans Langzeitgymi gewechselt. Der Grund ist, dass die Gymnasiasten die Kantonsschule in Zug besuchen und nicht erfasst werden. Hier und in anderen ländlichen Gemeinden wie Turbenthal spielt der lange Schulweg eine Rolle. Für manch Zwölfjähriges stellt er eine Hürde dar, die es lieber zwei Jahre später nimmt. Und Kinder an der nördlichen Kantonsgrenze wie Feuerthalen ziehen laut der Bildungsdirektion nicht selten die Kantonsschule Schaffhausen vor. Diese fallen dann aus der Statistik heraus.

Andelfingen hat die gleiche Übertrittsquote wie der städtische Schulkreis Limmattal, trägt aber weniger soziale Lasten.

Doch weshalb bleiben so viele der übrigen Gemeinden unter den statistischen Erwartungen? Zum Beispiel Andelfingen: Die Gemeinde hat die gleiche Übertrittsquote wie der städtische Schulkreis Limmattal, trägt aber weniger soziale Lasten. 2200 Einwohner, die wählerstärkste Partei ist die SVP. Hier besuchen wir das Dorfschulhaus, das auch Schülerinnen und Schüler aus Kleinandelfingen offensteht. Es ist Pause, Kinder spielen Fussball und hüpfen auf Matten. Es klingelt, der Lehrer bereitet seine Viertklässler aufs anstehende Diktat vor. Er schreibt nicht an die Tafel, sondern mit einem Stift auf ein riesiges Tablet.

Jedes Kind der zehnköpfigen Halbklasse spricht zu Hause Schweizerdeutsch. Lediglich zwei bis drei Schülerinnen und Schüler müssten in der ersten Klasse den DAZ-Unterricht in Anspruch nehmen, sagt Schulleiterin Barbara Thalmann. «Ich bin überrascht, dass wir die gleiche Quote haben wie das Limmattal.» Eine Ursache könnte das weit entfernte Gymnasium sein. Zwar ist man mit dem ÖV in gut 30 Minuten an der Kantonsschule in Winterthur, aber manche Eltern behielten ihre Kinder mit 13 Jahren lieber noch im Dorf und schickten sie erst nach der zweiten Sek an die Kantonsschule. Tatsächlich liegen die Übertrittsquoten aus der Sek leicht über jener des Limmattals.

Thalmann will die mögliche Erklärung von weniger engagiertem Schulpersonal keinesfalls gelten lassen. Stattdessen führt die ausgebildete Primarlehrerin das Vertrauen ins Bildungssystem ins Feld: «Hier sehen viele den Wert der Berufslehre und die Möglichkeit, sich auch später noch weiterzubilden.» Diese Tradition sei sehr wertvoll, sagt Carsten Quesel: «Die Attraktivität der Berufslehre kann aber auch bedeuten, dass begabte Kinder aus bildungsfernen Familien nie auf die Idee kommen, den Weg ans Gymi zu suchen.» Das könne zu Fällen führen, bei denen sich der Status der Eltern stärker auswirkt als die individuelle Begabung.

Mitarbeit: Patrick Meier

Erstellt: 16.04.2019, 22:37 Uhr

Die Berechnungsfaktoren

Das Bildungsamt des Kantons Zürich misst die gesellschaftliche Belastung einer Schulgemeinde mit dem Sozialindex. Der Wert berechnet sich aus dem Anteil von Kindern von Ausländerinnen und Ausländern; von Kindern aus Familien, die Sozialhilfe beziehen, sowie von einkommensschwachen Eltern. Je höher der errechnete Wert des Sozialindexes ist, desto grösser ist die soziale Belastung einer Gemeinde oder des Schulkreises – und desto mehr Mittel ­für Lehrerstellen bekommt eine Gemeinde vom Kanton zugesprochen. Der Index liegt zwischen 100 für die tiefste Belastung und 120 für die höchste Belastung. Die Sozialindizes für die Gemeinden werden jährlich neu berechnet.

Die Gymiquote erfasst die Anzahl der Schülerinnen und Schüler, welche die Aufnahmeprüfung an das Gymnasium bestehen. Sie sagt jedoch nichts über die Maturquote aus – den Anteil jener, die das Gymnasium erfolgreich ­abschliessen. (luc)

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