Wo sind die Opfer?

Die Zürcher Regierung hat erwartet, dass hier 800 frühere Verdingkinder und Opfer der Zwangsmassnahmen entschädigt werden wollen. Bisher sind es viel weniger.

Der Kanton berief sich auf Schätzungen des Bundes: Aktenschränke auf einem Einwohnermeldeamt.

Der Kanton berief sich auf Schätzungen des Bundes: Aktenschränke auf einem Einwohnermeldeamt. Bild: Peter Klaunzer/Keystone

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300 Millionen Franken gibt es landesweit zu verteilen. Geld, das aufgrund der «Wiedergutmachungs-Initiative» bereitgestellt wurde für die Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen. Im Kanton Zürich hat man laut Regierung mit 800 Anträgen gerechnet. Bis Ende Juni haben sich aber erst 350 Personen bei der Opferberatung gemeldet – und davon stellten nur gerade 150 ein Gesuch einen so genannten Solidaritätsbeitrag. Dies geht aus einer Regierungsrats-Antwort auf eine Anfrage der Grünen hervor, die heute Donnerstag publiziert wurde.

Weshalb es so wenige sind, die sich gemeldet haben, kann sich der Regierungsrat nicht erklären. Die für den Kanton angenommenen 800 Opfer seien eine Schätzung des Bundes gewesen. Gemäss Regierung ist es aber auch möglich, dass es in Zürich vergleichsweise weniger Opfer gibt. Die Einweisungspraxis in den Kantonen sei unterschiedlich gewesen. Die Einreichefrist ist allerdings noch nicht abgeschlossen. Opfer der Zwangsmassnahmen können sich noch bis Ende März 2018 melden. Ab April 2018 starten dann die Auszahlungen: Pro Person werden es zwischen 20'000 und 25'000 Franken sein.

Schweizweit tiefe Zahlen

Die Zahl der Gesuche blieb auch in anderen Kantonen unter den Erwartungen. Landesweit sind bis Juli 2500 Anträge eigegangen. Gemäss Schätzungen des Bundes leben aber noch 12'000 bis 15'000 Betroffene.

Beim Bund gibt es mehrere Vermutungen, weshalb die Zahl so tief ist. Betroffene könnten immer noch ungenügend über ihren Anspruch im Bild sein. Andere verzichteten wohl auf ein Gesuch, weil es alte Wunden aufreissen könnte. Es gibt Opfer, die noch nie mit ihrem Umfeld über ihre Situation gesprochen haben und das Thema tabuisieren. Der Verein Fremdplatziert glaubt hingegen, dass die Schätzung der Opferzahl zu hoch gegriffen sei. Die meisten Betroffenen seien wohl gestorben.

Verdingt und zwangssterilisiert

Fürsorgerische Zwangsmassnahmen wurden in der Schweiz bis 1981 angeordnet. Zehntausende von Kindern und Jugendlichen wurden an Bauernhöfe verdingt oder in Heimen platziert, viele wurden misshandelt oder missbraucht. Menschen wurden zwangssterilisiert, für Medikamentenversuche eingesetzt und ohne Gerichtsurteil weggesperrt, weil ihre Lebensweise nicht den Vorstellungen der Behörden entsprach.

An einem Gedenkanlass bat Bundesrätin Simonetta Sommaruga im April 2013 die Opfer im Namen des Bundesrats um Entschuldigung. Ende 2014 wurde die Wiedergutmachungs-Initiative eingereicht, die 500 Millionen Franken für das erlittene Leid forderte. Bundesrat und Parlament nahmen das Anliegen auf, allerdings mit dem tieferen Betrag von 300 Millionen Franken. Um die Auszahlung nicht zu verzögern, wurde die Initiative daraufhin zurückgezogen. (hub/sda)

Erstellt: 21.09.2017, 14:42 Uhr

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