Wo Zürich eine Randregion ist

Die Stiftung Berghilfe unterstützt nicht nur Projekte im Alpenraum, sondern auch im Kanton Zürich.

Christa Egli stemmt ein Stück ihres Boustell-Chäs. Sie steht vor ihrer Käserei in Girenbad, die gerade erneuert wird. Fotos: Andrea Zahler

Christa Egli stemmt ein Stück ihres Boustell-Chäs. Sie steht vor ihrer Käserei in Girenbad, die gerade erneuert wird. Fotos: Andrea Zahler

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Die Erleichterung fühlte sich ähnlich an: Der Käserin Christa Egli aus Girenbad fiel ein Stein vom Herzen, Marianne Brühwiler, Wirtin in Sternenberg, schien es, als ob sie einen Rucksack voller Steine ablegen könnte. So haben sie empfunden, als sie erfuhren, dass die Stiftung Schweizer Berghilfe sie unterstützt.

Berghilfe im Kanton Zürich? Tatsächlich ist der Kanton Zürich für die Berghilfe ein Randgebiet. Auf der Schweizer Karte, wo sie die von ihr unterstützten Projekte lokalisiert, ist das Züribiet ein weisser Fleck. Ausser eben ganz am Rande, im Zürcher Oberland, im Tössbergland mit den vor­alpinen Hügeln Bachtel und Schnebelhorn.

In den letzten zehn Jahren unterstützte die durch Spenden finanzierte Stiftung Berghilfe im Zürcher Oberland 21 Projekte mit einem Gesamtbetrag von rund 1,5 Millionen Franken. «Die Bedingungen dort sind durchaus mit denjenigen im Emmental oder Entlebuch vergleichbar», sagt Max Hugelshofer von der Geschäftsstelle der Stiftung. Das bedeutet: lange Wege, kurze ­Vegetationszeiten, wenig Ertrag für harte Arbeit. Gemessen daran, dass die Berghilfe im letzten Jahr 567 Projekten insgesamt 25,7 Millionen Franken zukommen liess, scheint das Geld, das nach Zürich floss, ein kleiner Betrag. Doch mit grosser Wirkung für die Empfänger.

Die Käserin in Girenbad

Christa Egli steigt barfuss die steile Strasse zu ihrer Käserei hinauf. Sie ist in Eile, denn heute Abend ist ein Dorffest in Girenbad mit Raclette aus ihrem Betrieb. Im Weiler oberhalb von Hinwil leben etwa 250 Menschen, es gibt noch eine Primarschule und ein schlossähnliches Kurhaus, das seit Jahren geschlossen ist.

Als die heute 36-Jährige vor zehn Jahren die Käserei von ihrem Vater in dritter Generation übernahm, war klar, dass diese umfassend erneuert werden muss, wenn sie Bestand haben soll. Nicht klar war lange, dass sie Käserin werden will. «Ich dachte eigentlich eher an Schreinerin oder Sportartikelverkäuferin», sagt sie. Doch als sie sich dann doch aufs Käsen einliess, nahm es ihr den Ärmel rein.

Roger Schwarzenbach ist ehrenamtlicher Experte bei der Schweizer Berghilfe mit Spezialgebiet Käsereien. Er war beeindruckt von Christa Eglis «fast schon wissenschaftlicher Art», guten Käse zu produzieren. «Innovativ, engagiert und akribisch», sei sie. «Dazu kommt, dass sie den Milchbauern aus der Region einen wirklich guten Milchpreis bezahlt.»

«Ich dachte immer, die Berghilfe sei nur etwas für Bergbauern.»Christa Egli, Käserin

Mit über 90 Rappen pro Liter Milch bezahlt Egli den acht Bauernfamilien aus der Region über ein Drittel mehr als momentan üblich. Sie liefern die Milch zweimal im Tag in der Chäsi ab. Die Milch wird dort frisch verarbeitet und nicht gemischt.

«Ich weiss, welche Milch von welchem Bauern für welchen Käse das beste Resultat ergibt», sagt Egli. Daher kommt es für sie nicht infrage, die Milch in Tanks zu mischen, wie das geschehen würde, wenn sie ihre Käserei in ein besser erschlossenes Gebiet im Unterland verlegt hätte, wie es ihr von Amtes wegen nahegelegt wurde.

Denn fast noch schwieriger, als das Geld aufzutreiben, sei es gewesen, die Bewilligung für die Erweiterung ihres nach wie vor kleinen Betriebs zu erhalten, der in der Landwirtschaftszone liegt. Sie hat diesen im übrigen von der regionalen Käsereigenossenschaft gepachtet. Diese hatte denn auch das Gesuch bei der Berghilfe eingereicht. Die neue Käserei wurde auf 3,6 Millionen Franken budgetiert und kann voraussichtlich im November in Betrieb gehen. Die Berghilfe übernahm jenen Betrag, den die Genossenschaft nicht stemmen konnte: 225'000 Franken.

«Ich dachte immer, die Berghilfe sei nur etwas für Bergbauern», erzählt Christa Egli. «So geht es vielen», sagt Mediensprecher Kilian Gasser. Tatsächlich handle es sich beim Grossteil der unterstützten Projekte um landwirtschaftliche Betriebe. Der Stiftungszweck ist aber weiter gefasst. «Es geht darum, der Abwanderung aus Berggebieten entgegenzuwirken», fasst Gasser diesen zusammen. Daher werden etwa auch Handwerksbetriebe oder touristische Infrastrukturen unterstützt, wenn diese Arbeitsplätze schaffen oder andere Arten von Wertschöpfungen in Berggebieten auslösen. «Eine Unterstützung eines Projektes durch die Berghilfe ist immer auch eine Unterstützung der ganzen Region.»

Die Wirtin von Sternenberg

Das führt uns auf die andere Seite des Tösstals, nach Sternenberg zu Marianne Brühwiler. Diese fiel aus allen Wolken, als Roger Schwarzenbach von der Berghilfe seinen Besuch ankündigte, denn sie wusste nicht, dass eine Freundin für sie das Beitragsgesuch gestellt hatte. Die Umstände waren aussergewöhnlich. Aussergewöhnlich dramatisch.

Sternenberg liegt auf 875 Meter über Meer und ist damit das höchstgelegene Dorf des Kantons. Es gehört zur Gemeinde Bauma. Der 200 Jahre alte Gasthof Sternen, auf dem Brühwiler seit über 20 Jahren wirtete, hatte als Schauplatz im Film «Sternenberg» eine gewisse Berühmtheit erlangt. Und er war eben erst umfassend saniert worden, als er in der Nacht vom 18. auf den 19. Dezember 2016 bis auf die Grundmauern niederbrannte. De Brandursache ist bis heute ungeklärt.

Andrea Marianne Brühwiler im Provisorium in Sternenberg vor der Baustelle, wo ihr Gasthof nach dem Brand wieder aufgebaut wird.

Marianne Brühwiler verlor damit nicht nur ihr Restaurant, das sie mit viel Herzblut betrieb, sondern auch ihr Hab und Gut, denn sie wohnte auch in dem Haus. Unterkriegen liess sie sich nicht. Mit vereinten Kräften von Familie und Freunden schaffte sie es, innert kürzester Zeit ein Provisorium im neben der Brandruine liegenden Saal einzurichten. «Ich wollte unter allen Umständen verhindern, dass ich meine treue Stammkundschaft verliere», sagt sie. «Denn dann hätte ich auch meine Angestellten entlassen müssen. Und viele regionale Zulieferer wären von der Schliessung des Sternens betroffen gewesen.»

Als es dann darum ging, den alten Gasthof wiederaufzubauen, fürchtete sie zuweilen, dass das ihre Kräfte überschreite. Der Betrag von der Gebäudeversicherung reichte bei weitem nicht aus. Was sie sonst an Geld auftreiben konnte, auch nicht. Dann kam der Anruf der Schweizer Berghilfe.

Keine Bergromantik

Normalerweise läuft das folgendermassen, erklärt Max Hugelshofer: «Wir erhalten ein Gesuch und prüfen dieses auf der Geschäftsstelle zuerst einmal auf die recht umfangreichen formellen Voraussetzungen hin.» Dabei gehe es beispielsweise auch darum, ob der Gesuchsteller alles erdenklich Mögliche getan habe, um das Projekt selbst zu finanzieren. «Unsere Aufgabe ist die Restfinanzierung, wenn uns ein Projekt zukunftsträchtig erscheint und an den Finanzen zu scheitern droht.»

Ist diese Hürde genommen, geht ein Fachexperte oder eine Fachexpertin vor Ort. Dabei handelt es sich meist um pensionierte einstige Führungskräfte, die sich ein Bild davon machen, ob ein Projekt dem Stiftungszweck entspricht. Roger Schwarzenbach, Ökonom und emeritierter Professor für Agrarwirtschaft an der Schweizerischen Hochschule für Landwirtschaft in Zollikofen, beschreibt das so: «Bei uns geht es nicht um Bergromantik, sondern darum, dass das Leben im Berggebiet nicht nur ein Überleben ist.»

«Es ging nicht um mich, sondern um den Sternen.»Marianne Brühwiler, Wirtin

Nach Sternenberg ging er zusammen mit der Tourismus­expertin Eva Brechtbühl, die lange Jahre Mitglied der Geschäftsleitung von Schweiz Tourismus war. «Wir trafen eine Vollblutwirtin, die nach einem Drama und in diesem schwierigen Umfeld nicht daran dachte aufzugeben», erzählt Schwarzenbach. Brühwiler erinnert sich, wie man ihr riet, ein Crowdfunding zu starten, um den Sternen zu retten. «Ich hatte keine Ahnung, was das ist.» Doch sie nahm die Idee auf und liess sich auch nicht entmutigen, als ein Gast sagte: «Marianne, Bättle isch gschämig.» – «Es ging ja nicht um mich, sondern um den Sternen», sagt sie.

Dieser Sternen ist nun gerade daran, wieder aufzugehen. Im Frühling war Baustart, läuft alles nach Plan, ist die Zeit des Provisoriums im nächsten Sommer vorbei. Er werde exakt so aussehen wie der alte Sternen, verspricht Brühwiler. Der Wiederaufbau kostet 4,4 Millionen Franken. Die Schweizer Berghilfe trägt 185'000 Franken dazu bei, jenen Betrag, der Marianne Brühwiler noch fehlte und sie wie ein Rucksack voller Steine niederdrückte.

Erstellt: 21.07.2019, 23:24 Uhr

Zürcher Berggebiet

Die Schweizer Berghilfe unterstützt Projekte in Gebieten, die vom Bund als Bergzonen 1 bis 4 und Sömmerungsgebiete definiert werden. In Sömmerungsgebieten ist nur saisonale Alpwirtschaft möglich. Im Kanton Zürich gibt es im Zürcher Oberland Gebiete der Zone 1 – dazu gehört Girenbad (Hinwil) – und einige wenige der Zone 2. Darunter fallen Sternenberg und Fischenthal. Als Bergzone 1 gilt auch ein kleiner Teil der Westflanke von Uetliberg und Albis sowie die Gegend um Hütten und oberhalb von Schönenberg. (net)

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