Wohnen im Futtersilo

Die Luzerner machen gerade Schlagzeilen mit einem Haus auf einem Kornspeicher. Da muss man aus Zürcher Sicht natürlich mitziehen.

In den USA verbreiteter als hierzulande: Die Hinwiler Silo-Siedlung am Ausgang des Wildbachtobels. Bilder: Fabienne Andreoli

In den USA verbreiteter als hierzulande: Die Hinwiler Silo-Siedlung am Ausgang des Wildbachtobels. Bilder: Fabienne Andreoli

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Es ist schon ziemlich schräg, als Zürcher neidisch zu werden auf ein Dorf wie Wikon. Undenkbar eigentlich. Wir leben doch auf der richtigen Seite des Gartenhags und sind hier so beschäftigt mit Selbstbespiegelung, dass wir keine Zeit haben für Neid. Nicht mal einen eifersüchtigen Blick bekommen wir überzeugend hin, wir haben ihn verlernt. Er gelingt uns nur, wenn wir uns Method-Acting-mässig in eine emotional aufwühlende Szene versetzen. Zum Beispiel diese: Ein Bürokollege schwärmt von einem neuen Pop-up-Restaurant mit 42 Tage lang am Knochen gereiftem Beef, das wir selbst noch nicht kennen.

Kürzlich aber ist es passiert: Wir wurden spontan total eifersüchtig auf Wikon, gelegen im Kanton Luzern, Wahlkreis Willisau, weniger Einwohner als bei GC gegen Lugano Fans in den Letzigrund kommen. Schuld sind Clemens Noser und seine Frau Sandra. Die wohnen dort mit ihren zwei Söhnen, von denen einer für das Foto im «Blick» sein Batman-T-Shirt mit einer Camouflage-Hose kombiniert hat. Allein schon das ist ziemlich fresh. Aber vor allem hatten die Nosers eine verrückte Idee – und eine kongenial verrückte Baubehörde, die sich darauf einliess: ein Haus ganz oben auf einem stillgelegten, 28 Meter hohen Silo zu pflanzen. Per Kran. Fernsicht vom Jura bis zu den Alpen. So was gibt es in Zürich nicht.

Ehrenrettung in Hinwil

Diesen Triumph mochten wir den Bewohnern von Wikon natürlich nicht gönnen. Sie nennen sich übrigens Wiigger, was, auch das nur nebenbei, in den USA ein Schimpfwort ist für Weisse, die die Manierismen von Schwarzen imitieren. Weshalb sich die Leute aus Wikon gut überlegen sollten, wie sie antworten, wenn man sie im Ausland fragt: «Where are you from?» Aber warum sollten sie überhaupt noch ins Ausland wollen? Sie haben ja jetzt dieses Haus auf dem Silo, etwas Besseres gibt es dort auch nicht zu sehen.

Eifersüchtig, wie wir jetzt mal waren, haben wir den ganzen Kanton Zürich nach einem Objekt durchkämmt, das irgendwie mithalten kann. Und wo wird man fündig, wenn man etwas Besonderes sucht? In Hinwil natürlich. Die SVP hat dort schon einen Bundesrat gefunden, einen ganzen, und später um ein Haar noch einen zweiten, einen halbseidenen. Wir entdeckten dort zwar kein Haus auf einem Silo, aber dafür gleich 13 Silos, die zu Häusern umgebaut worden sind.

«Der Swissmill-Turm ist nur eine Provokation, weil ihm die Fenster fehlen mit den leeren Luxuswohnungen dahinter.»

Das tönt jetzt vielleicht weniger spannend, als es ist. Denn wenn in der Schweiz alte Silos umgenutzt werden, handelt es sich in der Regel um Betontürme auf quadratischem Grundriss. Die verwandeln sich, wenn man ein paar Öffnungen reinfräst, in stinknormale Wohnhochhäuser, wie aktuelle Planspiele aus Horgen oder Lenzburg zeigen. Der Swissmill-Turm in Zürich-West ist ja auch nur deshalb eine Provokation, weil ihm die grossen Fenster fehlen, die den Blick auf leer stehende Luxuswohnungen freigeben.

Kein «Konserven-Ambiente»

In Hinwil geht es um einen anderen Silotyp. Es sind glänzende Zylinder aus gewelltem Metall, gekrönt von einem kecken Hütchen, die dort in zwei Reihen hinter der ehemaligen Mühle am Ausgang des wirklich ziemlich wilden Wildbachtobels stehen. Früher enthielten sie Tierfutter, heute glückliche Mieter. Das ist das Werk des Möbeldesigners und Holzkünstlers Franz Hero. Ausgefallene Ideen haben viele, aber der heute 85-Jährige ist einer jener Typen, die es nicht dabei belassen – das verbindet ihn mit den Nosers aus Wikon. In den 90er-Jahren verwandelte er die Silos in Häuser, versah sie mit Türen und Fenstern, isolierte sie und baute sie aus. Ohne Vorbild, ohne Architekturstudium. Der gelernte Schreiner und Autodidakt machte es einfach.

Wegen des auffälligen Äusseren ziehen die Häuser immer wieder neugierige Blicke auf sich. Aber im Inneren herrscht alles andere als ein «Konserven-Ambiente», wie eine Bewohnerin versichert. Speziell seien bloss die Grundrisse, vor allem in den kreisrunden Turmzimmern.

In den ländlichen USA sind solche umgebauten Metallsilos heute ein eigenes Subgenre des «Country Living». Hierzulande aber scheinen sie uns aussergewöhnlich genug, dass wir mit wiedererlangtem Zürcher Selbstbewusstsein rufen: «Take that, Wiigger!»

Die wöchentliche Kolumne «Bauzone» widmet sich den vielen ausgefallenen, spannenden, hässlichen oder irgendwie schrägen Häusern, die überall im Kanton Zürich stehen. Sämtliche über hundert bisher erschienenen Beiträge finden sie hier: bauzone.tagesanzeiger.ch

Erstellt: 16.10.2018, 14:09 Uhr

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