Zürcher helfen Flüchtlingen in Osteuropa

Zahlreiche private Initiativen sammeln derzeit für Migranten – viele fahren auch in die Krisengebiete. Ohne sie würde dort ein Chaos herrschen, sagen die Helfer. Offizielle Stellen mahnen.

«Wir wollen eine Art Tankstelle aufbauen, an der sich die Leute mit dem Nötigsten versorgen können»: Anja Dräger (l.) und Selma Kuyas. Foto: Giorgia Müller

«Wir wollen eine Art Tankstelle aufbauen, an der sich die Leute mit dem Nötigsten versorgen können»: Anja Dräger (l.) und Selma Kuyas. Foto: Giorgia Müller

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Vor dem Atelier in einem Innenhof im Kreis 4 lädt eine Frau aus ihrem Fahrzeug Kisten und Säcke aus. Die Dinge kommen auf einen Haufen inmitten der Ateliergemeinschaft, rundherum arbeiten Leute an Computern. Selma Kuyas bedankt sich und nimmt einen Löffel voll von der Suppe, die, längst kalt geworden, vor ihr auf dem Tisch steht. «Essen und Schlafen sind derzeit Mangelwahre», sagt Kuyas. Sie ist eine der Initiantinnen von «Tsüri hilft», via Facebook ruft die privat organisierte Gruppe zu Sachspenden für Flüchtlinge auf. «Wir konnten im Lichte dieser Tragödie nicht mehr stillsitzen», sagt die 38-jährige Mutter von drei Kindern.

«Wir konnten im Lichte dieser Tragödie nicht mehr stillsitzen.»Selma Kuyas

Mehrere 100 Kilogramm Kleider, Schlafsäcke, Hygieneartikel und Medikamente hat die Organisation seit dem 4. September zusammengetragen, ein Grossteil davon ist in einer von einem Schreiner zur Verfügung gestellten Lagerhalle im Kreis 1 untergebracht. Am 10. Oktober soll ein Konvoi in Richtung Osten losfahren; wohin genau, kann ­Kuyas noch nicht sagen, weil sich die Lage an der EU-Aussengrenze fast stündlich verändert.

Klar definiert ist aber der Zweck der Reise. «Mit den gesammelten Waren wollen wir eine Art Tankstelle aufbauen, an der sich die Leute unterwegs mit dem Nötigsten versorgen können», erklärt Mitinitiantin Anja Dräger. Zum Nötigsten gehörten derzeit Winterkleider, Schlafsäcke, Medikamente oder Babynahrung. Eine entsprechende Liste veröffentlichte die Gruppe auf ihrer Facebook-Seite. «Tsüri hilft» selber sei derzeit auf Kartons angewiesen, um die Güter zu transportieren.

Medikamente für 5000 Franken

Die Sammelaktion stiess auf offene Ohren: Ein Apotheker etwa hat laut Kuyas für mehr als 5000 Franken Medikamente gespendet, ebenso ein EKG-Gerät, nachdem die Gruppe online einen entsprechenden Aufruf gestartet hatte. Visagistinnen sammelten ausserdem an einem eigens organisierten Charity-Anlass mehrere Tausend Franken. «Die Solidarität der Menschen ist riesig», sagt Kuyas, sie würden derzeit von Hilfsangeboten förmlich überrannt. Kuyas betont aber auch, dass es nicht genüge, einfach nur alte Kleider abzugeben.

Die Informationen darüber, was wann an welcher Stelle benötigt wird, beziehen die Zürcherinnen aus Stellen in Osteuropa, wie etwa der SOS Röszke in Wien, einer Art Triagestelle für Hilfsgüter. Aber auch von privaten Helfern, die aus dem Grenzgebiet zwischen Serbien und Ungarn heimkehren. Patrick Spoerli gehört zu ihnen. Um Güter abzuliefern und die ankommenden, die, wie er berichtet, meist völlig erschöpften Flüchtlinge zu betreuen, ist der Zürcher vor einer Woche mit einem Konvoi nach Ungarn gereist. Seine Organisation «Action from Switzerland» ist ebenfalls privat organisiert. «Es mangelt im Moment an allen Ecken und Enden», sagt der 30-Jährige. Mit im Gepäck führte der Konvoi viele Kinderkleider und Hygieneartikel. Auch war es Spoerli wichtig, vor Ort mit den Flüchtlingen in Kontakt zu treten. «Die Menschen sind extrem verängstigt», sagt er, jeder positive Kontakt sei wertvoll. Erfreut sei er über das grosse Engagement auch seitens der ungarischen Bevölkerung. Helfern, die auf eigene Faust nach Ungarn fahren wollen, empfiehlt er vor allen Dingen, sich gut vorzubereiten und sich mit Organisationen vor Ort abzusprechen.

Die Caritas rät ab

Ähnliches sagt auch Stefan Frey von der Flüchtlingshilfe Schweiz. Eine gute Vorbereitung, wozu auch die Einschätzung der Lage vor Ort gehöre, sei bei privaten Engagements notwendig. Frey gibt zudem zu bedenken: «Wichtig ist es, nichts zu überstürzen. Gerade weil es dringend ist und Hilfe auch langfristig benötigt wird, sollten die Helfer sorgfältig vorausplanen.» Kritisch äussert sich Stefan Gribi, Sprecher der Caritas Schweiz. Er schätzt das Engagement der Bevölkerung zwar als äusserst positiv ein, doch sieht er darin auch eine Gefahr. «Grundsätzlich raten wir von solchen Aktionen ab», sagt er. Falls die Koordination nicht ausreichend geprüft würde und etwa keine Ortskenntnisse vorhanden seien, könne es rasch zu Frustration bei den Helfenden kommen.

Spoerli ist sich sicher: «Ohne die Privaten wären die offiziellen Organisationen zumindest rund um die Grenz­region in Röszke völlig überfordert gewesen.» Ähnliches berichtet auch Vanja Crnojevic von der privaten Zürcher Gruppe «Borderfree Association». Vor wenigen Tagen sind die Schweizerinnen, einige von ihnen mit Flüchtlingshintergrund, aus der Grenzregion Serbien-Mazedonien heimgekehrt. Die bekannten Hilfswerke seien in Preshevo, einer Grenzstadt im Süden Serbiens, sozusagen nicht präsent, sagt Crnojevic. «Die ganzen Hilfsaktionen werden von Privaten getragen.» Crnojevic pflegt regen Kontakt zu Helfenden und Journalisten vor Ort. «Der richtige Umgang mit den Behörden vor Ort ist zentral.» Und zu den privaten Aktionen hierzulande: «Jede Aktion ist wertvoll, wir müssen nur darauf achten, professionell zu arbeiten.» Auch aus diesem Grund haben sich in Zürich die zahlreichen privaten Initiativen zusammengeschlossen. Um Know-how auszutauschen und Einsätze sowie Manpower zu koordinieren, treffen sie sich an regelmässig stattfindenden Sitzungen. «Wir lernen jetzt alle, was es heisst, gemeinsam etwas zu bewirken», sagt Kuyas.

Doch vorerst gilt es für die Gruppe, die Spenden, auch die von der Sammel-aktion, zu sortieren und einzupacken. Was nicht benötigt wird, wird an hiesige Hilfswerke oder direkt an Asylzentren verteilt. Um den logistischen Aufwand zu bewältigen, haben viele der Beteiligten Ferien eingegeben oder im Falle der Freelancer die Arbeit kurzzeitig ganz niedergelegt.

Am Montag fährt erneut ein Konvoi von vier bis oben mit Spenden gefüllten Personenwagen von Zürich aus Richtung Osten. Wohin, wird sich erst übers ­Wochenende zeigen.

Sammelaktion von «Tsüri hilft»: Heute 12–18 Uhr, Kunstraum Walcheturm. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.09.2015, 21:27 Uhr

Unerwarteter Spender

Küsse für die Kinder

Die Bilder der flüchtenden Menschen haben sich auch bei den Kindern eingebrannt. Es berührt sie, dass im unbekannten Land namens Syrien noch immer Krieg herrscht, und Menschen im Irak, in der Türkei sowie in Afrika Not leiden und zu uns kommen. Deshalb wollen die Kinder helfen und Geld sammeln. Sie stellen sich am freien Nach­mittag mit Gebackenem und eigenem Sirup in der Stadt an die Strasse.

Das Geschäft läuft gut, als sie plötzlich aufgeregt ins Haus stürmen. Ein Mann sei da, der nur Englisch spreche. Mit offenen Mündern stehen sie da, als die Grossmutter die Worte des Unbekannten übersetzt. Besagter Mann sei auch einer, der geflüchtet ist.

Vor ein paar Tagen ist der Iraker von Kreuzlingen in die wieder eröffnete Asyl­unterkunft in Zürich-Wipkingen gekommen. Voller Freude ist er, als er versteht, dass sich die Kinder für Leute wie ihn einsetzen. Schnell zückt er sein Handy und schiesst ein Bild von sich und der Kinderschar. Das will er seiner Frau und seinen drei Kindern in die Heimat schicken. Als Dank küsst er alle Kinder auf den Kopf und zieht weiter. Diese erzählen den ganzen Abend nur noch von diesem Mann. Die gesammelten 200 Franken sind nicht mehr der Rede wert. (ema)

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