Zürcher Kantonspolizist schlägt einen abgewiesenen Asylbewerber

Der Beamte musste sich heute Dienstag vor dem Bezirksgericht verantworten und wurde teilweise freigesprochen.

Das Bezirksgericht Zürich spricht Kantonspolizist teilweise frei.

Das Bezirksgericht Zürich spricht Kantonspolizist teilweise frei. Bild: Urs Jaudas

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Für den Polizeibeamten stand nichts weniger als seine berufliche Zukunft auf dem Spiel. Sein Verteidiger sprach von «existenziellen Auswirkungen» des Verfahrens. Denn im Falle einer Verurteilung im Sinne der Anklageschrift drohe dem 42-Jährigen die Entlassung. Seit der Eröffnung der Strafuntersuchung vor zehn Monaten ist er freigestellt.

Was war geschehen? Ein 35-jähriger abgewiesener Asylbewerber war im Juli letzten Jahres spätabends in einem Zug in eine Schlägerei verwickelt. Als er später verhaftet werden sollte, wehrte er sich massiv, biss zwei Beamte und erlitt selber eine Schulterverletzung. Am anderen Morgen wurde er vom Spital auf den Polizeiposten gebracht und sollte der per Dienstanweisung vorgeschriebenen Leibesvisitation unterzogen werden. Auch dagegen setzte er sich zur Wehr.

Was dann geschah, war Gegenstand des Strafprozesses vor dem Einzelrichter des Bezirksgerichts Zürich. Aussergewöhnlich an diesem Fall war der Umstand, dass die in der Anklageschrift ausgebreitete Schilderung des Tatgeschehens nicht einfach vom Asylbewerber stammte, sondern in wesentlichen Teilen vom Kantonspolizisten, der den 35-Jährigen vom Spital auf den Polizeiposten gebracht hatte.

Als «Drecksausländer» und «Hurensohn» beschimpft

Gemäss seiner Schilderung soll der 42-Jährige die Zelle betreten haben und dem Mann, der die Leibensvisitation verweigerte, einen heftigen Schlag gegen die linke Gesichtshälfte versetzt haben, sodass der Mann an die Wand geschleudert wurde und zu Boden ging. Dann soll er ihm die Kleider vom Leib gerissen und ihm später mit einem Kunststoffschuh noch einen Schlag auf den nackten Hintern versetzt haben.

Während der Auseinandersetzung habe er den abgewiesenen Asylbewerber sinngemäss mit dem Worten beschimpft: «Du Drecksausländer hast dich an unsere Regeln zu halten, und du hast da gar nichts zu sagen, du Arschloch.» Und: «Du Hurensohn, du musst die Schweiz schon lange verlassen, warum bis du hier?»

Schlag war «ein wohldosiertes Ablenkungsmanöver»

Der Beamte bestritt sämtliche Vorwürfe. «Ich habe einen kultivierten Wortschatz», sagte er zum Vorwurf der Beschimpfung. Solche Worte befänden sich «nicht in meinem aktiven Wortschatz». Er habe dem 35-Jährigen zuerst gesagt, er sei verpflichtet, die Leibesvisitation unter Zwang durchzuführen, wenn er sich weiter weigere.

Ja, er habe dem Mann mit der Hand einen «wohldosierten» Schlag gegen die linke Gesichtshälfte verpasst, es sei mehr ein «Wisch» gewesen. Es habe sich um ein «zweckmässiges» Ablenkungsmanöver gehandelt, um im Hinblick auf die Leibesvisitation am Mann einen «Halskontrollgriff» anbringen zu können. Jegliche Gewaltanwendung sei angesichts des massiven Widerstands des Mannes aber «jederzeit angemessen und verhältnismässig» gewesen.

Teilweise freigesprochen

Der Einzelrichter sprach den Beamten vom Vorwurf des Amtsmissbrauchs und der Körperverletzung frei. Es sei nicht erwiesen, dass der 42-Jährige den Asylbewerber sofort geschlagen habe, ohne ihn auf die Konsequenzen einer zwangsweisen Leibesvisitation aufmerksam gemacht zu haben. Auch die Körperverletzung sei nicht erwiesen, weil nicht klar sei, wann und bei welcher Gelegenheit der Mann den behaupteten Tinnitus erlitten hat. Der Mann sei wohl zu Boden gegangen, aber nicht gegen die Wand geschleudert.

Verurteilt wurde der Polizist in Bezug auf den laut Einzelrichter «weniger schlimmen Teil» der Anklage. Gestützt auf die Aussagen des Kantonspolizisten sah es der Richter als erwiesen an, dass es sich nicht um einen wohldosierten Schlag handelte. «Dieser Schlag fiel zu heftig aus», weshalb er wegen Tätlichkeit bestraft werden müsse. Dasselbe galt für den Schlag mit dem Plastikschuh auf den Hintern. In Bezug auf die Beschimpfung hielt der Richter fest: «Diese Worte hätten nicht fallen dürfen.»

Entlassung eher unwahrscheinlich

Der 42-Jährige wurde zu einer bedingten Geldstrafe von 45 Tagessätzen à 120 Franken und zu einer unbedingten Busse von 500 Franken verurteilt. Das Urteil dürfte rechtskräftig werden, denn mit dem Wegfall der beiden schwersten Delikte (Amtsmissbrtauch und Körperverletzung) dürfte auch eine Entlassung des Mannes, der nach eigenen Angaben «mit Leib und Seele Polizist» ist, eher unwahrscheinlich sein.

Erstellt: 05.12.2017, 17:22 Uhr

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