Zürcher Kosmos-Freunde kämpfen um ihr Kulturhaus

Das hippe Kosmos-Kulturhaus in Zürich wurde zum Zankapfel zwischen seinen Gründern Bruno Deckert und Samir. Die Differenzen scheinen unüberbrückbar.

Gezerre um Zürichs hippsten Kulturtempel: Um das Kosmos an der Europaallee tobt ein erbitterter Kampf. Foto: Doris Fanconi

Gezerre um Zürichs hippsten Kulturtempel: Um das Kosmos an der Europaallee tobt ein erbitterter Kampf. Foto: Doris Fanconi

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Im Kosmos an der Europaallee steht kein Stein mehr auf dem andern, seit dem 20. Juni. An der Generalversammlung (GV) des trendigen Eventorts an der Zürcher Europaallee wurde fast der ganze Verwaltungsrat ausgewechselt.

Zu den Problemen und dem Streit kam es, weil sich die beiden Mitgründer Filmemacher Samir und Buchladen-Besitzer Bruno Deckert entzweiten. Aus dem Umfeld von Verwaltungsratspräsident Deckert heisst es, Samir wollte sich mehr ins operative Kinogeschäft einmischen, drang damit im Verwaltungsrat aber nicht durch.

Klage über Kosmos-Organisation

Samir wiederum beklagte gemäss des Online-Magazins «Republik» die «prekäre finanzielle Lage des Kosmos» und machte darauf aufmerksam, dass es im Haus kein Organisationsreglement und keine Pflichtenhefte gebe und einige Mitarbeitende bis heute keine Arbeitsverträge hätten. Wobei Geschäftsführer Martin Roth entgegnet, dass die fehlenden Verträge ausschliesslich Deckert, Samir und ihn selbst beträfen.

Haben sich entzweit: die beiden Kosmos-Gründer Bruno Deckert (l.) und Samir Jamal Aldin. Bild: Reto Oeschger

Die prominenteste Abwahl traf dann am 20. Juni Samir, der, wie er durchblicken lässt, in einer Art filmreifem Set-up überrumpelt und ausgebootet wurde. Über das Wie und Warum existieren verschiedene Theorien. Klar scheint einzig, dass die Krise zwischen Deckert und Samir im Vorfeld beigelegt werden sollte, indem Edwin van der Geest von der Beratungsfirma Dynamics Group als Mediator beigezogen wurde.

Gemeinsam einigte man sich vor der GV auf ein Viererticket im Verwaltungsrat mit Deckert, Samir, Monika Binkert und Simone Müller-Staubli. Nur einen Tag vor der Versammlung wurde dieser Kompromiss jedoch vom Samir-Lager torpediert, indem plötzlich ein Sechserticket vorgeschlagen wurde. Worauf es in rascher Folge zu Rückzügen, Neuvorschlägen und einer turbulenten sechsstündigen GV kam, die von vielen als feindselig beschrieben wurde.

In den Verwaltungsrat gewählt wurden schliesslich Bruno Deckert, Monika Binkert, Kosmos-Architekt Mark Burkhard, Unternehmerin Isabelle Messerli und Edwin van der Geest. Wobei bei letzterem – er gehört der Interessensgemeinschaft «Freunde der NZZ» an – verschiedene Medien davon ausgehen, er habe im Hintergrund die Fäden gezogen und wolle das Kosmos in eine rechtsbürgerliche Ecke führen.

Aufforderung zum Widerstand

Gegen diese vermeintliche Machtübernahme hat sich Widerstand formiert. In «Reclaim Kosmos», einem offenen Brief an die Aktionärinnen und Aktionäre, werden diese aufgefordert, eine neue Generalversammlung einzuberufen, «um in transparenter Weise einen neuen Verwaltungsrat zu wählen, der dem Kosmos und seiner Geschichte würdig ist.»

Erstunterzeichner dieses Briefes sind der Verleger und Kabarettist Patrick Frey, die Filmregisseurin Sabine Gisiger und die Architektin Katrin Jaggi.

Der Kabarettist Patrick Frey hat eine Rettungsaktion für das Kosmos gestartet. Bild: Sabina Bobst

Es gibt allerdings auch Exponenten, die eine neuerliche Generalversammlung für Unsinn halten. Einer davon ist der Kosmos-Wegbereiter und Grossaktionär Steff Fischer, der am Abend des Eklats, am 20. Juni, nicht anwesend war.

Fischer, so die «Republik», habe zwar das ursprünglich vorgeschlagene Verwaltungsrats-Viererticket mit Bruno Deckert, Samir, Monika Binkert und Simone Müller-Staubli befürwortet. Dann aber seien die Stimmen Fischers, der 5 Prozent des Kapitals hält, dem Lager um Deckert und Van der Geest zugefallen. Und Fischers Stellvertreter an der GV, Mark Burkhard, wurde in den Verwaltungsrat gewählt.

Grossaktionär Steff Fischer will nichts von einer neuen Generalversammlung wissen. Bild: Eva-Maria Züllig

Warum spricht sich Fischer gegen eine Wiederholung der GV aus? «Es ist zum Schisma im Kosmos gekommen. Auf der einen Seite haben wir Bruno Deckert als Papst und auf der anderen Seite Samir als Zwingli.» Und wie man wisse, dauerten solche Spaltungen sehr lange.

Grossaktionär fordert neue Equipe

Mit anderen Worten: Fischer glaubt, dass zwischen den verfeindeten Lagern nichts mehr zu kitten und eine Wiederholung der GV verschwendete Zeit sei. «Schicken wir Deckert und Samir doch in die Wüste, an einen Ort der Selbstreflexion. Und geben ihnen Zeit nachzudenken, wie sie sich wieder einbringen wollen.»

Was aber wäre in der Zwischenzeit die Alternative? «Der aktuelle Verwaltungsrat muss in corpore zurücktreten und einer jungen, unbelasteten, weiblichen Equipe Platz machen», fordert Fischer.

Die einzige Person, die aus pragmatischen Gründen dem Kosmos vorläufig erhalten bleiben sollte, sei der Geschäftsführer Martin Roth. «Der Betrieb muss am Laufen gehalten werden.» Aber braucht es für diese Verwaltungsrats-Auswechslung nicht eine GV? «Nein», sagt Fischer, ohne ins Detail zu gehen, er kenne sich im Aktienrecht gut aus.

Finanzieller Rückzug denkbar

Vielleicht kommt aber auch alles ganz anders. Dann nämlich, wenn das Kosmos, das 2017 und 2018 Verluste in Millionenhöhe schrieb, eine neuerliche Aktienkapitalaufstockung benötigen sollte. Gemäss «Republik» wäre das eine grosse Chance, neue Geldgeber aus dem rechtsbürgerlichen Lager zu akquirieren.

Sollte dies gelingen, wäre es denkbar, dass sich Samir, seine Frau Stina Werenfels und weitere Kosmos-Freunde der ersten Stunde aus dem Haus zurückziehen werden. Allerdings scheint das Kosmos 2019 finanziell auf besseren Wegen zu sein.

Bleibt die Frage: Was sagen Deckert und Samir zur verfahrenen Situation? Deckert, der ferienhalber abwesend war, will sich erst in den nächsten Tage äussern. Von verschiedenen Seiten erfährt man, dass der aktuelle Verwaltungsrat bloss eine Übergangslösung sei. Und Samir lässt im «SonntagsBlick» verlauten, er bedaure es, dass er seit der GV weder von Deckert noch von Roth kontaktiert worden sei. Und sagt: «Mein Angebot zu einer weiteren Zusammenarbeit gilt immer noch.»

Erstellt: 29.06.2019, 17:58 Uhr

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