Als die Polizisten eintreffen, hören sie noch seine letzten Schüsse

Ein 70-Jähriger hortet in seinem Keller Dutzende Pistolen, Karabiner und Kaninchentöter: Der grösste Fall eines Jahres, in dem die Zürcher Polizei deutlich mehr Waffen sicherstellt.

Wer eine Waffe abgeben musste, kann zwar deren Rückgabe fordern. Doch es ist schwierig, sie zurückzubekommen. Foto: Jochen Tack (Keystone)

Wer eine Waffe abgeben musste, kann zwar deren Rückgabe fordern. Doch es ist schwierig, sie zurückzubekommen. Foto: Jochen Tack (Keystone)

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Ein 70-jähriger Senior steht ratlos in seinem Keller irgendwo im Kanton Zürich und glaubt, eingesperrt zu sein. Kurz zuvor hat er sich mit seiner Frau und seiner Tochter gestritten und sich im Bastelraum des Reihenhauses verschanzt. Nun versucht er, die Tür wieder zu öffnen. Erst mit Meissel und Hammer, was ihm aber nicht gelingt. Dann zückt er eine kleinkalibrige Pistole, ruft, Frau und Tochter möchten Abstand nehmen, und schiesst auf das Türschloss. Einmal, zweimal, fünfmal. Doch die Tür bleibt zu. Als die Polizisten im Grossaufgebot beim Haus eintreffen, hören sie noch die letzten seiner Schüsse. Das war 2017.

Die Polizisten nehmen den Mann fest und finden im Haus ein Arsenal von Waffen: ein Dutzend Pistolen, zehn Revolver, mehrere Militärkarabiner, Kaninchentöter und eine nicht bewilligte Uzi, eine israelische Maschinenpistole, mit Schalldämpfer und Magazinen. Insgesamt stellen die Polizisten 45 Schusswaffen sicher. So steht es in einem kürzlich erschienenen Urteil des Verwaltungsgerichts.

Angst vor Gefährdung

Der Fall des 70-Jährigen ist eine Ausnahme; so viele Waffen entdeckt die Polizei selten an einem Ort. Doch es kommt regelmässig vor, dass Waffen beschlagnahmt werden. Dafür zuständig sind die Statthalterämter der verschiedenen Bezirke des Kantons. Das Gesetz hält fest, dass sie Waffen beschlagnahmen lassen können, wenn die Besitzer nicht mündig sind, vermehrt straffällig wurden oder eine gemeingefährliche Gesinnung vertreten.

In den meisten Fällen ziehen die Statthalterämter Waffen jedoch aus einem anderen Grund ein. Sie befürchten, dass die Besitzer sich selbst oder andere gefährden könnten. Zum Beispiel, wenn ein Vater seinen Kindern erzählt, er wolle nicht mehr leben. Wissen die Kinder, dass er eine Waffe besitzt, melden sie das der Polizei.

Statthalter Hans Rudolf Kocher aus dem Bezirk Pfäffikon erinnert sich an einen Fall, als ein betagter Mann einen Autounfall verursachte und ihm der Polizist auf der Unfallstelle den Ausweis entzog. «Der Mann sagte, er gehe nach Hause und erschiesse sich. Die Polizei beschlagnahmte die Waffen im Rahmen einer Hausdurchsuchung.»

Eine TA-Umfrage bei allen zwölf Statthalterämtern des Kantons zeigt: Seit 2010 sind jährlich in 150 bis 250 Fällen Waffen eingezogen worden.

Meistens findet die Polizei Schusswaffen jedoch zufällig. Etwa wenn sie ausrückt, weil jemand in seiner Wohnung randaliert. «Wir haben es häufig mit psychisch auffälligen Personen zu tun», sagt Caroline Germann. Sie ist beim Statthalteramt Meilen für das Beschlagnahmen von Waffen zuständig.

Wie viele Schusswaffen im Kanton Zürich jedes Jahr eingezogen werden, steht in keiner Statistik. Die Kantonspolizei gibt aber auf Anfrage bekannt, dass sie jährlich etwa 3,5 Tonnen Waffen vernichtet – dazu gehören ebenfalls Messer oder Baseballschläger. Auch die Statthalter­ämter führen keine Statistiken. Eine TA-Umfrage bei allen zwölf Statthalterämtern des Kantons zeichnet jedoch ein eindrückliches Bild: Seit 2010 sind jährlich in 150 bis 250 Fällen Waffen eingezogen worden.

Behörden reagieren schnell

Die detailliertesten Zahlen liefert der Bezirk Zürich. 2019 hat der hiesige Statthalter in 65 Fällen mindestens eine Waffe beschlagnahmt. In 38 Fällen waren es gefährliche Gegenstände wie Baseballschläger oder Messer, 13-mal zog der Statthalter mindestens eine Schusswaffe ein. 14-mal gaben die Besitzer ihre Schusswaffen oder gefährlichen Gegenstände freiwillig ab.

Eine Mehrzahl der befragten Statthalterämter spricht von einer deutlichen Zunahme der Beschlagnahmung von Schusswaffen in den vergangenen Jahren: «Die Tendenz ist eindeutig steigend», sagt beispielsweise Marcel Tanner aus Uster. Auch Bülach beschlagnahmt mehr Waffen als noch vor einigen Jahren. Laut Statthalterin Karin Müller-Wettstein liegt das vor allem daran, dass die involvierten Stellen stärker sensibilisiert sind als früher: «Verhält sich heute jemand auffällig, spricht beispielsweise gegenüber Mitarbeitern einer Behörde Drohungen aus, wird sehr schnell reagiert.»

Als einen wichtigen Grund geben die Ämter an, dass die Kantonspolizei ein stärkeres Augenmerk auf häusliche Gewalt lege. «Da werden Waffen lieber einmal zu viel als einmal zu wenig eingezogen», sagt etwa Claude Schmidt, Statthalter im Bezirk Affoltern. Diesen Eindruck bestätigt die Kantonspolizei. Wenn Polizisten vor dreissig Jahren noch ausrückten, als die Tat schon passiert war, versucht man heute, Gewalttaten vorauszusehen und zu verhindern.

«Jede Waffe, die nicht im Umlauf ist, ist eine gute Waffe.»Armin Steinmann, Statthalter von Horgen 

Grundsätzlich haben Betroffene die Möglichkeit, beschlagnahmte Waffen nach einer gewissen Zeit wieder zurückzuverlangen. Sie sind jedoch nur erfolgreich, wenn das zuständige Statthalteramt davon ausgeht, dass die Rückgabe unproblematisch ist. «Wir haben auch schon Waffen bei Ehekonflikten beschlagnahmt und sie zwei Jahre später wieder herausgerückt, weil sich die Eheleute hatten scheiden lassen oder die Situation sich sonst beruhigt hat», sagt Statthalter Tanner aus Uster.

Die Ämter haben einen gewissen Ermessensspielraum. Sie sind in der Regel aber vorsichtig und wollen nicht verantwortlich sein, wenn jemand eine Waffe einsetzt, die sie hätten einziehen können. Armin Steinmann aus Horgen sagt: «Jede Waffe, die nicht im Umlauf ist, ist eine gute Waffe.» Es müsse sich schon sehr viel geändert haben, dass man eine Waffe wieder herausgebe.

Ob eine Waffe wieder zurück zu ihrem Besitzer kann, hängt auch mit dessen psychischer Gesundheit zusammen. Zu beurteilen, wie es jemandem geht, ist eine Herausforderung für Ämter. Daniel Widmer aus Dielsdorf sagt: «Abschliessend zu beurteilen, ob jemand psychisch gesund ist, um eine Waffe zu besitzen, ist für uns als Laien sehr schwierig.» In solchen Fällen kann ein ärztliches Gutachten verlangt werden. Doch die Gutachten sind aufwendig und teuer. Sowieso findet man oft einvernehmliche Lösungen. «Im Verlauf des Verfahrens wird für den Betroffenen aufgrund des Polizeiberichts ersichtlich, dass auch mit einem Gutachten nur eine geringe Chance auf Rückgabe besteht», sagt die Bülacher Statthalterin Karin Müller-Wettstein.

Wenn die Waffen nicht zurückverlangt werden oder ein Statthalteramt entscheidet, sie definitiv einzuziehen, werden sie vernichtet oder verkauft. Der Erlös geht an die früheren Besitzer.

Erfolglos vor Gericht

Der 70-jährige Waffensammler, der im Bastelraum mit der Pistole auf die Tür geschossen hatte, wehrte sich gegen die Beschlagnahmung: Er rekurrierte gegen den Entscheid des Statthalteramts und beschwerte sich vor Verwaltungsgericht. Ein psychiatrisches Gutachten zeigte, dass er an einer Depression litt. Frau und Tochter sagten zudem aus, dass der Mann alle zwei Wochen einen «psychischen Schub» erlebe und dann drohe, sich zu erschiessen. Die Ehefrau hatte deshalb früher seine Waffen «eingesammelt». Der Psychiater schreibt im Gutachten, der psychische Zustand des Mannes spreche «gegen einen unbedenklichen Umgang mit Waffen».

Das Verwaltungsgericht hat die Beschwerde des Mannes zwar teilweise gutgeheissen, seine Waffen werden trotzdem endgültig eingezogen. Das Urteil ist rechtskräftig. Dem Mann bleibt ein kleiner Trost: Er erhält den Erlös aus den verkauften Waffen.

Erstellt: 12.01.2020, 21:44 Uhr

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Weniger Vorfälle trotz mehr Waffen

Grundsätzlich kann in der Schweiz jeder eine Waffe kaufen, der über 18 Jahre alt ist und nie straffällig wurde. In der Regel braucht man dafür lediglich einen Waffenerwerbsschein des Kantons, und man darf nicht aus Serbien, Nordmazedonien, Bosnien-Herzegowina, der Türkei, Albanien, Algerien oder Sri Lanka stammen. Wegen des liberalen Waffengesetzes ist auch die Dichte der Schusswaffen im Kanton Zürich ziemlich hoch: Von 100 Einwohnerinnen und Einwohnern haben 2018 über 10 eine registrierte Waffe besessen. Seit 2010 ist diese Zahl gestiegen: Damals waren es noch 7,6 Waffen pro 100 Einwohner.

Obwohl seit 2010 nahezu 80'000 Waffen mehr in den Haushalten vorhanden sind, gab es in den letzten Jahren im Kanton Zürich weniger Gewaltdelikte mit Schusswaffen. 2010 waren es 221, sieben Jahre später 104. Für den Zürcher Regierungsrat ist der Rückgang auch ein Erfolg der Polizeiarbeit. Als Begründung nannte er in einer Antwort auf eine Anfrage aus dem Kantonsrat die Aktionstage für die freiwillige Waffenabgabe, die enge Kooperation der kantonalen Fachstelle mit den Gemeinden bei der Ausstellung von Waffenerwerbsscheinen sowie den konsequenten Ausbau des Gewaltschutzes. (lia/zac)

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